Würenlos
Auftanken bei Emma Kunz: Bilder, Grotte und der Steinbruch sind die ideale Kombination

Museen und Gedenkstätten für Frauen sind rar. Die Heilerin und Künstlerin Emma Kunz ist die grosse Ausnahme, auch wenn sie erst jetzt, 60 Jahre nach ihrem Tod, internationale Karriere macht.

Sabine Altorfer
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Ein Ort der Ruhe: Warm und gelb leuchten die Fassenden der alten Steinbruchgebäude, das Porträt von Emma Kunz hängt am Museum.

Ein Ort der Ruhe: Warm und gelb leuchten die Fassenden der alten Steinbruchgebäude, das Porträt von Emma Kunz hängt am Museum.

Sandra Ardizzone / AGR

Die Kunstwelt feiert Emma Kunz. Die Schweizerin sei die grosse Entdeckung, hiess es vor zwei Jahren, als man ihre so geheimnisvollen wie dekorativen Farbstiftzeichnungen in der Serpentine Gallery in London, im Lenbachhaus München und im Museum Susch zeigte. An internationalen Trendsetter-Kunstorten also. Aargauer und Appenzeller Kunstliebhaberinnen mögen mild gelächelt haben, der Oberkurator Harald Szeeman hat wohl im Grab rotiert, und auch Menschen, die sich mit Spiritualität und alternativer Medizin beschäftigen oder schon auf dem Appenzeller Emma-Kunz-Pfad spaziert sind, wissen seit Jahrzehnten, wie ausserordentlich diese Frau war.

Zwei der der geometrischen Farbstiftzeichnungen von Emma Kunz, gezeichnet mit Pendel und Massstab.

Zwei der der geometrischen Farbstiftzeichnungen von Emma Kunz, gezeichnet mit Pendel und Massstab.

Werke: Emma Kunz Zentrum, Foto: Sandra Ardizzone

Aktuell zeigt das Aargauer Kunsthaus den «Kosmos Emma Kunz», ihr Werk im Kontext zeitgenössischer Kunst – bis Ende Mai. Eine Gedenkstätte ohne zeitliche Begrenzung hat Emma Kunz (1892–1963) aber nur 30 Kilometer von der Kantonshauptstadt entfernt. In Würenlos. Anlass, wieder einmal hinzufahren und zu fragen, wie das Emma Kunz Zentrum nach dem Tod seines Gründers Anton C. Meier (1936–2017) funktioniert.

Die Kraft der Grotte und des Gesteins

Warm und gelb leuchten die Gebäude wie eh und je, mächtige Bäume umgeben den sauberen Kiesplatz – vom Steinbruchbetrieb zeugen nur noch Relikte und die hellen Sandsteinfelsen. Wer hierher kommt, soll sich wohl- und geborgen fühlen, soll Kraft tanken. Dank Emma Kunz, der Pendlerin, Heilerin, Künstlerin mit mächtigen, gar übermächtigen Kräften. In der Steinbruchhöhle fand Emma Kunz ihren Kraftort: Erdstrahlen und die heilende Wirkung des Sandsteins. Sie heilte um 1940 damit Anton C. Meier, den Sohn des Steinbruchbesitzers. Er seinerseits hat Emma Kunz 1986 eine Vermittlungsstätte geschaffen. Hier werden gut 400 Bilder, Notizbücher und die wenigen schriftlichen Forschungsnotizen von Kunz aufbewahrt, im hauseigenen Museum gezeigt und ausgeliehen.

Dokumente, Schriften und Arbeitsinstrumente von Emma Kunz sind in den Vitrinen des Museums ausgestellt.

Dokumente, Schriften und Arbeitsinstrumente von Emma Kunz sind in den Vitrinen des Museums ausgestellt.

Sandra Ardizzone / AGR

Meier hat das Zentrum in eine Stiftung überführt, präsidiert wird sie von seiner früheren Mitarbeiterin Karin Kägi. Der Name wurde von Anton C. Meier-Stiftung 2019 zu Emma Kunz Stiftung. Das sei besser vermarktbar, sagt Kägi. Marktwirtschaftlich muss sie denken. Die Stiftung finanziere sich durch die Produkte, die Vermarktung der Bildrechte und die Eintritte, erklärt sie. «Reklame haben wir nie gemacht, die Mundpropaganda hat gereicht.» Sie hat einen Onlineshop eingerichtet, in dem man die Heilprodukte aus dem Stein, das Aion A und Kosmetik und Reproduktionen der Bilder kaufen sowie Besuche und Veranstaltungen buchen kann.

Karin Kägi ist Präsidentin der Emma Kunz Stiftung.

Karin Kägi ist Präsidentin der Emma Kunz Stiftung.

Alex Spichale / BAD

Die Zukunft von Werk und Zentrum

Doch um das Erbe von Meier und die Stiftungsgründung ist noch ein Erbschaftsstreit offen. Die beiden Kinder von Anton C. Meier haben zwar zu Gunsten der Stiftung auf einen Teil des Erbes verzichtet. Völlig leer ausgegangen ist aber Meiers ältester, unehelicher Sohn Michael Gandola, meldete kürzlich der «Blick». Gandola habe gegen die Diskriminierung geklagt, der Fall kommt vor das Bezirksgericht Baden.

Neu arbeitet Bettina Kaufmann als Geschäftsführerin, ihre Aufgabe ist es, den Bestand der rund 400 Blätter zu inventarisieren und digital zugänglich zu machen. Die Blätter seien weder datiert noch betitelt, Meier hat sie nummeriert. «Eine gute Vorarbeit», findet Kaufmann. Das schriftliche Vermächtnis von Emma Kunz sei sehr knapp, erklärt sie, aber hoch komplex. «Beispielsweise hat sie das Verhältnis von natürlichen Erscheinungen und Mathematik umgetrieben. Die Zahl zwei etwa, oder der Kreis als perfekte Form.» Zu diesem Thema wurde die Dauerausstellung neu gehängt – auch um die Lücken der Leihgaben ins Aargauer Kunsthaus zu schliessen.

So präsentiert sich aktuell die Ausstellung im Museum des Emma Kunz Zentrums.

So präsentiert sich aktuell die Ausstellung im Museum des Emma Kunz Zentrums.

Werke: Emma Kunz Zentrum, Foto: Sandra Ardizzone

Emma Kunz hat ihre Zeichnungen mit Pendel und Massstab auf Millimeterpapier gezeichnet. Interessant ist, dass sie aber Grundformen, etwa zwei verbundene Kreise wie als Anstoss auch freihändig gezeichnet hat.

Es gebe noch viel zu erforschen, erklärt Kaufmann. «Dafür sind wir auf Beiträge Dritter angewiesen», sagt Kägi. Und meint damit Stiftungen oder den Kanton. Der hat 2020 aus dem Swisslos-Fonds 25000 Franken an die Aufarbeitung der Sammlung gesprochen.

Die Grotte hat man für sich allein

Nach dem Gespräch bekommt die Schreibende den Schlüssel zur Grotte, die man nur auf Voranmeldung, dafür eine halbe Stunde lang für sich alleine besuchen kann. Verwunschen wirkt der Weg, riesige Steinblöcke liegen an der Seite.

Blick aus der Grotte in den Vorfrühling.

Blick aus der Grotte in den Vorfrühling.

Sandra Ardizzone / AGR

Ein mächtiger Felspfeiler bildet ein Eingangstor, im Innern hat man neu einen Weg und brüchige Stellen markiert. Das Gestein schimmert weisslich gelb, wundersam ist die Sicht nach draussen. Manche Menschen erschaudern hier, werden bis ins Innerste durchgeschüttelt – oder erstarken, wie Emma Kunz. Die Journalistin findet es schön und angenehm, sonst passiert ihr nichts – wie schon bei früheren Besuchen. Die Ruhe und die Ausstrahlung des Emma Kunz Zentrums, die Magie ihres Werks wirken trotzdem wohl­tuend.

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