Ausserirdische
Die schönste Alien-Freundschaft seit E. T.

Wer in Science-Fiction-Romanen Ausserirdischen eine Gestalt gibt, hat schon verloren. Eigentlich. Andy Weir umschifft die Klippen im interstellaren Raum glamourös.

Raffael Schuppisser
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Irgendwo da draussen liegt Tau Ceti, wo der Astronaut Ryland Grace auf ausserirdisches Leben trifft. 1982 hat es uns schon gefunden, als Steven Spielberg E.T. auf die Erde entsandte.

Irgendwo da draussen liegt Tau Ceti, wo der Astronaut Ryland Grace auf ausserirdisches Leben trifft. 1982 hat es uns schon gefunden, als Steven Spielberg E.T. auf die Erde entsandte.

Bilder: Getty, Alamy

Mindestens 100 Milliarden Sterne gibt es in der Milchstrasse. Astronomen schätzen, dass um jeden zweiten ein Planet kreist, der etwa so gross ist wie die Erde. Es ist also nicht nur plausibel, dass auf dem einen oder anderen von ihnen Leben entstanden ist; in unserer Galaxie könnte es von Ausserirdischen wimmeln.

Doch wo sind sie? Wie sehen sie aus? Sind sie schlau? Können wir mit ihnen kommunizieren? Auf diese Fragen haben Naturwissenschafterinnen keine Antworten, Schriftsteller schon. Der jüngste grosse Alien-Roman heisst auf Deutsch schlicht «Der Astronaut» und stammt von Andy Weir – der seit seinem Debüt «Der Marsianer» von 2011 als neuer heller Stern am Science-Fiction-Autoren-Himmel strahlt.

Autor Andy Weir.

Autor Andy Weir.

Ridley Scott verfilmte die Geschichte des Astronauten, der auf dem Mars vergessen ging (gespielt von Matt Damon) und fortan als eine Art Robinson Crusoe auf dem kargen Planeten auf sich allein gestellt lebt. Der Science-Fiction-Roman wurde vor allem für seine wissenschaftliche Akkuratesse gelobt.

Matt Damon wurde als Astronaut auf dem Mars vergessen.

Matt Damon wurde als Astronaut auf dem Mars vergessen.

Bild: EPD

Auch bei «Der Astronaut» gibt sich Weir Mühe, möglichst alle Vorkommnisse wissenschaftlich plausibel abzustützen – den Reiz seiner Bücher macht gerade aus, dass sie sich in Teilen wie spannend gestalteter Naturkundeunterricht lesen. Wenn aber ein Raumschiff von der Erde in das 11,9 Lichtjahre entfernte Sonnensystem von Tau Ceti aufbricht und dort auf ein Alien-Schiff trifft, ist das mit der wissenschaftlichen Glaubwürdigkeit ein bisschen schwieriger als bei einem Marsausflug.

Astrophagen befallen die Sonne und rauben ihr die Energie

Da wäre natürlich die Frage: Wie können Menschen eine Distanz überwinden, für die das Licht fast zwölf Jahre braucht? Die Antwort lautet: Dank Astrophagen. Das sind kleine Organismen, welche die Sonne virenartig befallen haben und ihr die Energie entziehen. Sie können diese viel komprimierter speichern als alle auf der Erde bekannten Organismen – und sind deshalb der perfekte Treibstoff für einen mächtigen Raketenantrieb. Sie sind auch der Grund, warum der Astronaut Ryland Grace die Reise (im Komaschlaf) nach Tau Ceti antritt. Er soll herausfinden, wie die Astrophagen im Sonnensystem in Schach gehalten werden können, damit die Energie des Sterns erhalten bleibt und die Erde nicht zur Eiswüste wird.

Zum Glück hat Kubrick auf seinen astronomischen Berater gehört

Doch eigentlich geht es im Roman weniger um die Rettung der Welt als vielmehr um eine interstellare Freundschaft zwischen einem Menschen und einem Alien. Klingt bei einem Science-Fiction-Autor, der sich der Wissenschaft vertrauter fühlt als der Fiktion, verrückt. Und das ist es auch ein bisschen. Wer Ausserirdischen eine Gestalt gibt, der manövriert sich immer in Probleme.

Funktioniert ohne den Auftritt von Aliens: 2001 Odyssee im Weltraum

Funktioniert ohne den Auftritt von Aliens: 2001 Odyssee im Weltraum

Bild: Warner Bros

So wollte Stanley Kubrick in seinem Science-Fiction-Epos «2001 Odyssee im Weltraum» (1968) eigentlich Aliens auftreten lassen. Doch sein Berater, der Astronom Carl Sagan, riet ihm – gottlob – davon ab. Derselbe Carl Sagan hat für den Film «Contact» (1997) das Drehbuch verfasst. Darin geht es um die Kontaktaufnahme zu Aliens. In ihrer wahrhaftigen Erscheinung sind sie aber nicht zu sehen. Nur in der Schlusssequenz kommt es zu einem physischen Gegenübertreten. Da nimmt das ausserirdische Wesen aber die Gestalt des Vaters der Protagonistin an.

Zuhören: Da draussen sind sie Jodie Forster in "Contact".

Zuhören: Da draussen sind sie Jodie Forster in "Contact".

Bild: Keystone

Das ist ein oft genutzter Kniff. Zumindest dann, wenn die Aliens uns technologisch überlegen, wohlgesonnen oder gar – gottähnlich – als Heilsbringer erscheinen. So etwa in der «Paradox»-Trilogie von Phillip P. Peterson (2015–2019). Denn sobald man ihnen eine eigene Gestalt gibt, ist sie zwangsläufig immer irgendwie anthropomorph: kleine grüne Männchen mit grossen Köpfen (da ihr intelligentes Gehirn so viel Platz braucht). Oder tierisch. Das gilt insbesondere, wenn die Aliens böse sind und es auf die Menschheit abgesehen haben.

Dreibeinig und böse. Die Aliens in "Krieg der Welten".

Dreibeinig und böse. Die Aliens in "Krieg der Welten".

Bild: zvg

Egal ob in H. G. Wells’ Klassiker «Krieg der Welten» (1897), beim vom Schweizer H. R. Giger geschaffenen «Alien» (1979) oder in späteren Interpretationen wie «Independence Day» von Roland Emmerich (1996).

H. R. Giger hat das Alien für den gleichnamigen Film von Ridley Scott geschaffen.

H. R. Giger hat das Alien für den gleichnamigen Film von Ridley Scott geschaffen.

Bild: zvg
Ein genauerer Blick auf den Ausserirdischen. ("Independence Day")

Ein genauerer Blick auf den Ausserirdischen. ("Independence Day")

Auch ein ausserirdischer Ozean oder eine Wolke könnte intelligent sein

Doch warum sollten uns Ausserirdische so ähnlich sein? In Stanislaw Lems «Solaris» (1961; kongenial verfilmt von Andrei Tarkowski) treffen Forscher auf einen intelligenten ausserirdischen Ozean.

Ausserirdische treten in "Solaris" nicht auf, aber Menschen, die von Ausserirdischen verrückt gemacht wurden

Ausserirdische treten in "Solaris" nicht auf, aber Menschen, die von Ausserirdischen verrückt gemacht wurden

Bild: zvg

In «Die schwarze Wolke», bereits 1957 vom Astronomen Fred Hoyle verfasst, wird die Erde von einer gasförmigen ausserirdischen Intelligenz heimgesucht. Das ist äusserst spannend, und womöglich sind solche Szenarien realistischer als menschenähnliche Aliens – allerdings: Wer weiss das schon so genau? Fest steht aber: Mit solchen diffusen ausserirdischen Lebensformen werden wir uns nie anfreunden können wie mit dem liebenswürdigen E.T. (Spielberg, 1982).

Ausserirdisch liebesnwürdig: E. T.

Ausserirdisch liebesnwürdig: E. T.

Bild: zvg

Rocky hat nur drei Finger, klar rechnet er nicht im Dezimalsystem

Andy Weirs Ausserirdischer, dem sein Protagonist Grace den Spitznamen Rocky gibt, tritt deshalb mit einem konkreten Körper auf. Klein, mit schroffer Haut, eine Art Steinmännchen (hier haben wir wieder den Anthropomorphismus), ohne Augen, ohne Ohren, ja ohne eigentlichen Kopf, aber mit fünf klauenartigen Händen. Wie mit ihm kommunizieren? Sich einfach einen «Babelfisch» ins Ohr stecken wie im satirischen Roman «Per Anhalter durch die Galaxis» (1979) von Douglas Adams geht nicht, haben wir es hier doch mit harter Science-Fiction zu tun.

Science-Fiction kann auch witzig sein: "Per Anhalter duch die Galxis".

Science-Fiction kann auch witzig sein: "Per Anhalter duch die Galxis".

Bild: zvg

Stattdessen gilt es die Töne, die Rocky nacheinander oder im Akkord von sich gibt, in menschliche Worte zu übersetzen. Wissenschafter Grace schreibt dafür an seinem Laptop ein Programm, das die Laute in Noten transferiert. So gelingt die Verständigung. Zuerst werden einfache Begriffe wie «Ja» und «Nein» geklärt, später wissenschaftliche Basics wie das Periodensystem (auch Rocky besteht aus Atomen) und die Mathematik (natürlich denkt Rocky nicht im Dezimalsystem, er hat drei Finger pro Hand).

Bald wird klar: Die Ausserirdischen sind uns in der Computertechnologie unterlegen. Womöglich rührt das daher, dass ihr Hirn viel schneller rechnen kann als das unsrige und so gut wie nichts vergisst. Die Erfindung der Transistoren war weniger dringlich. Allerdings sind die Aliens uns in der Materialwissenschaft überlegen. Aus den bekannten Elementen formen sie Legierungen, mit denen unsere Welt neu gestaltet werden könnte.

«Der Astronaut» ist ein Plädoyer für die Wissenschaft

Der Clou: Um unseren Planeten und jener der Aliens zu retten, braucht es das Wissen beider Welten. Aus der rationalen Kooperation entsteht bald eine emotionale Bindung zwischen den beiden Wesen, die hier – Lichtjahre entfernt von ihren Völkern – nur einander haben.

Wie schon «Der Marsianer» ist «Der Astronaut» letztlich ein Plädoyer für die Wissenschaft. Nur sie kann uns retten. Und nur sie schafft Verständigung. Umarmen können sich Rocky und Grace nicht, sie sind stets durch eine Scheibe getrennt, leben sie doch in unterschiedlichen Atmosphären. Freunde werden sie dennoch bald, denn so unterschiedlich sie sind, so verschieden sie denken und fühlen, sind sie dennoch irgendwie gleich: Sie sind beide Wissenschafter.

Andy Weir: Der Astronaut. Heyne. 560 Seiten.

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