Ausstellungen 2021
Vorfreude hilft gegen den Corona-Blues: Wir stöbern in den Jahresprogrammen der Schweizer Museen

Monumente und die Umwelt sind die grossen Themen in den Schweizer Kunsthäusern – sobald sie wieder öffnen dürfen. Wahrscheinlich ist es am 2. März soweit.

Sabine Altorfer
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Im Kunsthaus Zürich zur Eröffnung des Neubaus zu sehen: Walter De Maria, The 2000 Sculpture, 1992.

Im Kunsthaus Zürich zur Eröffnung des Neubaus zu sehen: Walter De Maria, The 2000 Sculpture, 1992.

Kunsthaus Zürich

Die Sehnsucht nach einem Museumsbesuch, nach dem Kunsterlebnis vor Ort wird mit jedem Tag zuhause grösser. Das Gefühl des Entzugs in diesem harten kulturellen Lockdown können digitale Spaziergänge nur bedingt dämpfen. «Viele Publikumsreaktionen und die erstaunlich stabilen Besucherzahlen des letzten Jahres zeigen dies.» Das sagt Konrad Bitterli, Direktor des Kunstmuseums Winterthur. Josef Helfenstein, Direktor des Kunstmuseums Basels ergänzt: «Als grösstes Problem sehe ich im Moment, dass wir geschlossen sind», sagt er. «Ich finde es für die Gesellschaft intellektuell und emotional problematisch, wenn Kultur komplett stillgelegt ist.» Mit einem offenen Brief haben die Basler Museen letzte Woche denn auch die Öffnung gefordert. Gegen den Entzug hilft Vorfreude und Stöbern in den Programmen – und die Hoffnung, dass ab 2. März die Museen wieder öffnen dürfen.

Handfestes

Wie wenn die Kunsthäuser ruckzuck Gegensteuer zum virtuellen, nicht fassbaren Raum geben möchten, haben sie für 2021 viel Skulpturales programmiert. Handfestes. Dreidimensionales, Form gewordenes Material. Sie versprechen quasi haptisches Erleben. Auch wenn wir die Plastiken und Installationen nicht betatschen dürfen, ist das Gefühl ein anderes, wenn wir Walter de Marias riesiges Feld, «The 2000 Sculpture», umschreiten. Wenn wir die Gipsstäbe im wechselnden Licht- und Schattenspiel erleben, uns klein fühlen in dieser raumfüllenden Installation. Das Kunsthaus Zürich holt diesen Schatz zur Eröffnung seines Erweiterungsbaus im Oktober wieder ans Licht. Gepunktet wird in diesem Feiermoment in Zürich mit der hauseigenen Sammlung und den geschenkten und anvertrauten Privatsammlungen. Den Chipperfield-Bau wird man schon im April/Mai erkunden können – fast leer, aber mit Performances von Forsythe und einigen wenigen Werken als Amuse bouche.

Denkmäler sind keine Aufgabe, aber ein Thema

Monument setzten Winterthur und St. Gallen als Thema. St. Gallen hat seine Diskussion um – missliebige - Denkmäler nun aber auf 2022 verschoben. Denkmäler zu schaffen sei zwar seit Jahrzehnten keine Aufgabe mehr für Künstlerinnen und Künstler, sagt Konrad Bitterli. «Aber ich frage mich, was leistet die zeitgenössische Kunst für diese Debatte?» In Winterthur zeigt er Werke von Roman Signer bis Monica Bonvincini und Mona Hatoum.

Skulptur «Quarters», 2017, von Mona Hatoum. Wird in Winterthur gezeigt.

Skulptur «Quarters», 2017, von Mona Hatoum. Wird in Winterthur gezeigt.

Fredrik Nilsen

Seine Leitfrage: «Was heisst heute Monument? Was Skulptur? Wie materiell, wie flüchtig darf und kann sie sein?» Übersicht verspricht die kunsthistorische Schau «Skulptur in der Schweiz von 1945 bis heute» im Aargauer Kunsthaus. Werke von 70 Künstlern und Künstlerinnen – von Alberto Giacometti über Germaine Richier und Max Bill bis zu Fischli/Weiss und Mai-Thu Perret – sollen im Herbst die Vielfalt und Entwicklung des plastischen Schaffens erlebbar machen.

Das Duo Fischli/Weiss arbeitete Alltägliches täuschend echt aus Polyurethanschaum nach.

Das Duo Fischli/Weiss arbeitete Alltägliches täuschend echt aus Polyurethanschaum nach.

Aargauer Kunsthaus

Doch nicht genug der Skulptur: Das Kunstmuseum Bern zeigt mit August Gaul, einen Klassiker der Tierplastik, das Kunstmuseum St. Gallen mit Marie Lund und das Pasquart in Biel mit Vanessa Billy experimentierfreudige Zeitgenossinnen.

Geschlossenes geht wieder auf, Verschobenes kommt noch

Den Gap und das Zusammenspiel von klassischer und moderner Skulptur führt die Fondation Beyeler mit Auguste Rodin und Hans Arp vor. Diese Schau soll bald wie möglich wieder öffnen und bis Mai zu sehen sein. Klassisch geht’s bei Beyeler weiter – hoffentlich. Denn die Gruppenschau «Close-Up» mit neun wichtigen Künstlerinnen sollte schon letztes Jahr zu sehen sein, ebenso Goya (ab Oktober). Der spanische Klassiker wird einer der wenigen Blockbuster des Jahres werden. Den anderen will das Kunsthaus Zürich liefern: Gerhard Richter mit «Landschaft», Eröffnung soll bereits am 25. März sein.

Gerhard Richter, Stadtbild PX, 1968, Öl auf Leinwand, 101,8 x 91,3 cm

Gerhard Richter, Stadtbild PX, 1968, Öl auf Leinwand, 101,8 x 91,3 cm

Kunsthaus Zürich

Gehen Blockbuster aber überhaupt noch? Mit und nach Corona? Ist es sinnvoll, ein Massenpublikum anzulocken? Darüber wird in den Netzwerken eifrig diskutiert. Nun, in Bern plant man eine Schau zu süd- und nordkoreanischer Kunst, einen weissen Fleck auf der Kunstlandkarte, den es zu entdecken gilt. Dank dem Haupt-Leihgeber und Sammler Uli Sigg sollte das möglich sein. Auch im Kunstmuseum Luzern gibt man sich zuversichtlich: «Wir scheuen nicht davor zurück, positiv in die Zukunft zu blicken und grössere Projekte zu planen, auch wenn die Ungewissheit manchmal schwer lastet», sagt Pressesprecherin Eveline Suter. Und sie verrät: «Im Moment ist das beispielsweise David Hockney für Sommer 2022.»

Die Museen werden sich ändern. Falls sie überleben

Werden sich die Museen wandeln müssen? «Ja bestimmt», sagt Josef Helfenstein. «Wir werden den Krisenmodus nicht mehr als solchen benennen, aber die Erfahrung wird bestimmend bleiben.» In der Schweiz und in Europa sei die Situation der Museen einigermassen stabil. «Aber in Asien, Afrika und in den USA mit ihren anderen Businessmodellen stehen die Museen vor schwierigen Zeiten.» Dort werden einige nicht überleben, ist Helfenstein überzeugt. Ein Anzeichen für ihn ist die Entlassungswelle bei den US-Museen. Helfenstein sagt:

«Je grösser die lokale Verankerung und die Identifizierung der lokalen Bevölkerung mit ihren Museen ist, desto grössere Überlebenschance haben sie.

Aber selbst in Basel, wo Bevölkerung und Regierung zu ihrer Kultur stehen, gäbe es keine Sicherheit. Auch hier gelte: «Lassen sich Fundraising und Sponsoring weiterentwickeln und auf welche Weise?» Und wie werden sich Museen ändern? Müssten sie offener werden? «Ja, die Schwellenangst muss weiter abgebaut werden», sagt Helfenstein, «aber ohne Kunst und Kultur zur Bespassungsfunktion zu degradieren.»

Im Moment ist für die Museen die Gegenwart anspruchsvoll genug. Und auch ein Thema: Das Aargauer Kunsthaus reagiert mit dem Projekt «Art as Connection». Es soll eine «experimentelle Ausstellung werden, bei der ein kollektiver Entwicklungsprozess im Zentrum steht.»

«Ich hoffe, Künstlerinnen und Künstler können bald wieder reisen», sagt Konrad Bitterli, «sie müssen zum Einrichten mindestens teilweise vor Ort sein». Und auch für Helfenstein wird das Projekt für die erste umfassende internationale Schau über Sophie Taeuber-Arp (ja, die Künstlerin von der alten 50-Franken-Note) mit der Tate Modern in London und dem MoMa in New York zur «Zitterpartie». Sehen wird man sie in Basel ab dem 20. März.

Sophie Taeuber-Arp. Envol, Relief, 1937. Durchmesser: 60 cm; Holz, bemalt

Sophie Taeuber-Arp. Envol, Relief, 1937. Durchmesser: 60 cm; Holz, bemalt

Alex Delfanne / Stiftung Arp e.V., Berlin

Neben der grossen historischen Schweizerin zeigt man später im Frühling in den drei Häusern des Kunstmuseums Basel die Amerikanerin Kara Walker und die Engländerin Tacita Dean. «Künstlerinnen, die aktuelle, gesellschaftliche und politische Themen bearbeiten – und die man in der Schweiz noch zu wenig kennt», sagt Helfenstein. Er wird zusammen mit einem französischen Kollegen die Schau über Camille Pissaro kuratieren, «den unbekanntesten der Impressionisten, ohne dessen Initiative es aber den Kreis der Impressionisten nicht gäbe und zu dem es einiges zu entdecken gibt – unter anderem welche Rolle er im Dialog mit Cézanne, Monet, Gauguin und Seurat spielte.»

Ab in die Natur oder drinnen zu Multimedialem

Ausstellungen draussen in der Natur waren 2020 beliebt. Für den Sommer 2021 kündigt nun Môtiers im Val de Travers, einst Pionierin der Open Air Kunst, wieder eine Ausstellung an. Und ja, auch die Messen planen ihre Events wieder mit Publikum und vor Ort: Die Art Basel und die Liste sollen stattfinden – Mitte September statt im Juni. Und Ende September will die Art Zürich öffnen.

Es wäre aber fahrlässig, das Augenmerk bei den Museumsausstellungen nur auf die Skulptur zu richten. Multimediales triumphiert in der heutigen Kunst – vom Pasquart in Biel (Nilbar Güres) über das Kunstmuseum Solothurn (Kathrin Sonntag), das Kunsthaus Baselland («Nachleuchten. Nachglühen Videoinstallationen und ihre Wegbereiter») bis zum HeK, dem Haus für elektronische Kunst in Basel und zum Kunsthaus Langenthal («Heim für obsolete Medien»). Und mit Meret Oppenheim (Kunstmuseum Bern), Emma Kunz (Aargauer Kunsthaus) und Sophie Taeuber-Arp (Kunstmuseum Basel) lassen sich eigenwillige Pionierinnen (wieder) entdecken.

Resistente Malerei

Die Malerei zeigt sich auch hierzulande resistent wie eh und je. Im Kunstmuseum Appenzell dekliniert Markus Weggemann mit «Ein Bild schreit nach dem nächsten» sein Werk durch, und im Kunstmuseum Luzern kommen mit der Exil-Schweizerin Vivian Suter, Hodlers Holzfäller-Serie und in der Dreierkiste in «I like a bigger garden» diverse malerische Positionen zum Zug.

Der Garten, die Natur… der Klimawandel: Das Thema der Zeit ist natürlich auch in den Museen präsent. Olafur Eliasson wird in der Fondation Beyeler ab April das Publikum damit konfrontieren, im Kunsthaus Zürich heisst es im Herbst «Earth Beats. Naturbild im Wandel». Das soll ein künstlerisches Plädoyer zum Schutz der Erde und ihrer natürlichen Ressourcen werden. Und das Migros Museum setzt seine Reihe Potential Worlds mit dem Thema «Eco-Fictions» fort.

Im Migros Museum zu sehen: Jimmie Durham, Alpine Substance on Wolfsburg Construction, 2007.

Im Migros Museum zu sehen: Jimmie Durham, Alpine Substance on Wolfsburg Construction, 2007.

Lorenzo Pusterla

Nicht in ein Schema passen will die grosse Ausstellung, die Christoph Vögele, der langjährige Direktor, ab Ende August zu seinem Abschied vom Kunstmuseum Solothurn plant: «Schwarze Sonne. Positionen des Erhabenen in der Kunst». Schönheit und Schrecken verspricht er.

Apropos Schrecken: Wenn Sie beim Stöbern durch die Programme in Luzern auf den Aufruf «Stay at Home» stossen – lassen Sie sich nicht von einem Besuch abhalten, verfallen Sie nicht in den Corona-Blues.

Rinus van de Velde sagt zwar «Stay at Home», zeigt im Kunstmuseum Luzern aber Videos und Zeichnungen, für die man hinfahren sollte.

Rinus van de Velde sagt zwar «Stay at Home», zeigt im Kunstmuseum Luzern aber Videos und Zeichnungen, für die man hinfahren sollte.

The Artist/Tim Van Laere Gallery

Der Belgier Rinus van de Velde lädt in seinen Zeichnungen, Malereien und Videos zwar «nur» zu im Atelier entstanden Kopfreisen ein, sie aber im Original im Museum zu sehen, wird besser als am heimischen Bildschirm. Hoffentlich können wir das bald wieder. Hoffentlich wirklich spätestens ab 2. März.

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