Zürich
Ballett im Opernhaus: Wunderbar menschlich und vor Leben vibrierend

«Emergence» vereint Choreografien von Sol León/Paul Lightfoot und Crystal Pite: Das Ballett Zürich tanzt sie bestechend. Derzeit ist das Stück im Opernhaus Zürich zu sehen.

Elisabeth Feller
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Die Choreografie von Crystal Pite bietet auffallend schöne Bilder.

Die Choreografie von Crystal Pite bietet auffallend schöne Bilder.

Rauch steigt aus dem Rücken eines Mannes auf und vernebelt die ganze Bühne. Feuerwehr! Schnell! Was in der Realität schlimm aussieht, wirkt im Theater effektvoll. Das ist der Auftritt des Tänzers Daniel Mulligan zweifellos, doch wer das Choreografenduo Sol León/Paul Lightfoot kennt, weiss, dass diesem nichts ferner liegt als rasch verpuffende Effekte. Natürlich steht der Mann, aus dessen Körper Rauch dringt, für Feuer, das gelöscht werden muss – mit Wasser, das als feiner Sprühregen die Bühne benetzt. Damit verdeutlichen die Choreografen, worauf sie in «Speak for Yourself» (1999) ihren Fokus legen: die Dualität zweier gegensätzlicher Elemente wie Feuer und Wasser, die einander ausschliessen, aber auch bedingen. Erst wenn das Feuer gelöscht ist, kann Neues entstehen. Deshalb entschwindet der Mann ins Bühnendunkel und macht so Platz für Tänzerinnen und Tänzer, die sich nun mit dem Element Wasser auseinandersetzen.

Bei León/Lightfoot tun sie dies mit sanft kreisenden Fussbewegungen, die kurzzeitig Spuren auf dem nassen Boden hinterlassen. Jede Hebefigur und jede Drehung muss auf der glitschigen Unterlage mit vorausschauendem Kalkül erfolgen. Das erheischt eine Behutsamkeit und Gelassenheit (zu Bachs «Kunst der Fuge»), die in scharfem Kontrast zu den anfänglichen, abrupten Soli und Ensembleszenen (zu Steve Reichs repetitivem «Come out») steht. Wie am Anfang steht am Ende wiederum nur ein Tänzer auf der Bühne und lauscht Bachs Musik bis zum letzten Ton: der Kreis schliesst sich. Von León/Lightfoots kontemplativem Werk zu Crystal Pites «Emergence» (2009) und damit dem Wunsch, «dass etwas entsteht, das wunderbar menschlich ist und vor Leben vibriert», ist der Weg lang; in Zürich aber kurzweilig. Doch zuerst stellen wir uns die kanadische Choreografin vor, die in der Natur eine Parallele zur hierarchischen Struktur einer Ballettcompagnie suchte. Als Vorbild schaute sie sich den Bienenstock an und entdeckte: Entscheidungen bei den Bienen werden nicht von Individuen getroffen, sondern von der Gruppe. Ergo ist nun diese Dreh- und Angelpunkt der von Owen Belton mit dumpf pochender Musik unterlegten Choreografie für 37 Tänzerinnen und Tänzer. So viel Compagnie war in Zürich selten. Kein Wunder, ist das präzise, «atmende» Miteinander in den Ensembleszenen und in den geschmeidigen, sich so organisch aus dem Verbund ergebenden Pas de deux ein Erlebnis. Crystal Pite glückt mit «Emergence» eine wunderbare Geschichte, in der starke Individuen aufgehen in einer unverwechselbaren Gruppe – wie dem Ballett Zürich.

Vorstellungen im Opernhaus Zürich bis Mai 2018.

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