Aufführung
Geschichtslektion im Römertheater: So wird Archäologie lebendig

Zum Auftakt der Sommersaison zeigt das Theater Augusta Raurica das Stück «Die Ausgrabung» – lebendige Archäologie in Theaterform.

Christoph Dieffenbacher
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Zuletzt landen die Forscher selbst im Museum.

Zuletzt landen die Forscher selbst im Museum.

zvg / Guillaume Musset

Ausgraben, entdecken, Verborgenes aus dem Boden ans Licht bringen: Wie kaum eine andere Wissenschaft hat die Archäologie den Ruf, für den Forschungsdrang des Menschen zu stehen.

Viele begegnen der Disziplin mit einer gewissen Faszination. Vielleicht, weil man gegenüber den Zeugnissen aus längst vergangenen Zeiten mit der eigenen Vergänglichkeit konfrontiert wird: Was hat ein bestimmtes Objekt alles erlebt, als es noch gebraucht wurde? Womit haben sich die Menschen damals umgeben, was haben sie sich wozu angefertigt? Wie wird aus Artefakten Geschichte konstruiert? Und was wird von uns einmal in 10'000 Jahren übrigbleiben?

Solche Fragen stellt sich das Theaterstück «Die Ausgrabung», eine Koproduktion des schweizerisch-deutschen Theaterkollektivs vorschlag:hammer mit dem Roxy Birsfelden und Augusta Raurica. Das Publikum sitzt im Römertheater für einmal nicht auf den Stufen der antiken Anlage, sondern vorne auf der Bühne – auf gleicher Ebene wie die beiden Protagonisten, der erfahrene Archäologe (Stephan Stock) und sein neuer Assistent (Kristofer Gudmundsson), der als Untergebener meist stumm bleibt; dazu kommt eine erklärende Stimme (Gesine Hohmann) aus dem Off.

Leihgaben aus dem Museum nebenan

Wichtige Rollen spielen auch historische Leihgaben, Fundstücke, die das Römermuseum nebenan für den Theaterabend ausgeliehen hat – sie werden im Lauf des Abends nach und nach aus schweren Holzkisten ausgepackt. Man merkt rasch: Das Stück will die Archäologie entstauben und mehr als einmal spielt es auf den populären Hollywood-Abenteuerforscher Indiana Jones sowie auf historische Fernsehdokus an.

In slapstickartiger Manier, meist unterhaltsam und doch mit Niveau, kommen Themen rund um die Aufarbeitung von archäologischer Vergangenheit auf die Bühne. Da reflektiert der Archäologe in weissen Handschuhen über sein Metier und die Vergänglichkeit der Geschichte, berichtet aber auch von Handwerklichem und Banalem. Oder von seiner panischen Angst vor Schimmel, der ganze Sammlungen kostbarer Funde zerstören kann. Klar wird nebenbei auch, dass vieles trotz Einsatzes neuester Technologien noch ungeklärt und nicht zu deuten bleibt.

Wie der Silberschatz ans Licht kam

Vor historischer Kulisse werden im Theater auch lokale Geschichten erzählt, zum Beispiel, wie der berühmte spätrömische Silberschatz von Kaiseraugst vor knapp 60 Jahren ans Tageslicht kam: Arbeiter und Spaziergänger fanden das silberne Tafelgeschirr zufällig im Boden, eine Wirtin und Schulkinder aus der Nachbarschaft trugen weitere Teile bei, andere wurden später anonym abgegeben.

Das Stück spricht aber auch hochaktuelle Themen an wie den Raub von Kulturgütern seit der Kolonisierung und die Zerstörung von antiken Stätten wegen der Kriege im Nahen Osten. Wenn man so will, ist das eine Art Dokumentationstheater – und wenn der Gehilfe als Flügelgestalt zum gegenüberliegenden Tempelhügel entschwindet, kommt zudem eine poetisch-geheimnisvolle Note ins Spiel.

Mit der «Ausgrabung» eröffnet das Römertheater Augst seine neue Sommersaison, nachdem es 2020 coronabedingt viele Produktionen absagen oder verschieben musste. Überhaupt haben Theateraufführungen in der ehemaligen Kaiserstadt eine lange Tradition und damit ihre eigene Geschichte: Das Römertheater, dessen jetziger, dritter Bau auf etwa 180 n. Chr. zurückgeht und einst bis zu 10'000 Personen Platz bot, gilt heute als das besterhaltene aus der Antike nördlich der Alpen.

Abendstimmung über dem Tempelhügel.

Abendstimmung über dem Tempelhügel.

zvg / Guillaume Musset

Nachdem die Kalksteine in späteren Zeiten für Baumaterial verwendet wurden, zerfiel es zunächst und wurde zur Ruine. Die Ausgrabungen ab Ende des 16. Jahrhunderts hat das reiche Basler Bürgertum finanziert. Erstmals kam es 1938 wieder zur Aufführung eines antiken Stücks, bevor das Theater für kulturelle Open Airs diente: etwa für Maskenspiele in Altgriechisch und Latein nach historischem Vorbild, später für Theater, Filme, Konzerte und Slam-Poetry.

Am Ende ist Museumsvernissage

«Die Gegenwart ist das Zeitalter der Museen», heisst es einmal im Stück, und das in eher anklagendem Ton. Alles Mögliche werde heute gesammelt, bewahrt und klassifiziert. Folgerichtig erhalten die Fundstücke – inklusive Chefarchäologe – am Ende beschriftete Täfelchen und kommen ins Museum: Der Theaterabend schliesst mit einer Museumsvernissage.

Auch das Kofferradio aus dem Labor, made in Indonesia, befindet sich unter den ausgestellten Objekten. So mag vieles, was in späteren Generationen von uns bleibt, von Fehldeutungen und Irrtümern begleitet sein. Am Boden zwischen den Holzvitrinen liegt wie zufällig ein kleines Keramikväschen.

Die Ausgrabung, Theater Augusta Raurica. Weitere Aufführungen Do., 24.6., und Fr., 25. 6., jeweils 20.30 Uhr. www.theater-roxy.ch.

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