Feministin
Ré Soupault: Ein Leben für die Freiheit in Kunst, Form und Geist

Eine sehenswerte Ausstellung in der Unibibliothek Basel würdigt die Avantgardekünstlerin Ré Soupault, die es in der Nachkriegszeit nach Basel verschlug.

Anna Wegelin
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Ré Soupault im Selbstporträt um 1950 in Basel.

Ré Soupault im Selbstporträt um 1950 in Basel.

ProLitteris

Allzu unscheinbar, im ersten Stock der Universitätsbibliothek Basel und hinter schweren Vorhängen, breitet sich die grosse weite Welt von Ré Soupault (1901–1996) aus. Die Avantgardekünstlerin, die auch als Modedesignerin, Fotografin, Übersetzerin und «Radio-Essayistin» arbeitete, lebte 1948–1958 überwiegend in Basel.

Die multithematische, exzellent kuratierte Ausstellung von Martina Kuoni (Projektleitung) und Manfred Metzner zu Leben und Schaffen von Ré Soupault – die als junge Frau am Bauhaus in Weimar entscheidende Impulse für ihren weiteren Weg erhielt – dauert noch bis Mitte September.

Sie ist spannend und schafft ganz unterschiedliche Zugänge zu Vita und Œuvre von Ré Soupault – zur Modedesignerin in Paris, zur Dokumentarfotografin in Tunis, Norwegen oder Argentinien, zur Übersetzerin von Romain Rolland und Lautréamont. Und zur «Radio-Essayistin» in Basel, wo sie auch Vorlesungen von Karl Jaspers besuchte.

Von Pommern über Weimar nach Paris

Ré Soupault, mit bürgerlichem Namen Meta Erna Niemeyer und im nordostdeutschen Pommern zur Welt gekommen, führt ein intensives Leben, das sie von Europa über Nordafrika bis nach Lateinamerika bringt. «Zeitlebens ringt sie um die Verwirklichung ihrer Berufung und ihrer Ideale», schreiben die Verantwortlichen der Ausstellung mit dem Titel «Es war höchste Zeit …».

Am Bauhaus lernt Erna, die Kurt Schwitters kurzerhand zur «Ré» umtauft, den Dadaisten, Maler und Filmemacher Hans Richter kennen, ihren ersten Mann. Ihrem zweiten Mann, dem französischen Surrealisten und Journalisten Philippe Soupault, begegnet sie 1933 in Paris. Hier hat sie ein Modestudio mit eigenen Kollektionen gegründet für erschwingliche «rationelle Kleidung für die arbeitende Frau». So entwirft sie den Hosenrock, das Schürzenkleid oder sogenannte Transformationskleider, dank derer die berufstätige Frau zum Feierabend mühelos in ihre Ausgangskluft wechseln kann.

Flucht, Exil und finanzielle Not

1938–1942 leben Ré und Philippe in Tunis, wo er einen antifaschistischen Radiosender aufbauen soll. Bereits in den Jahren davor hat sie ihn während seiner Reisen als Reporter durch den europäischen Norden und Süden begleitet und dabei fotografiert. «Ich habe nie eine Aufnahme gestellt», notiert Ré Soupault. In der Basler Ausstellung sind auch Schwarz-Weiss-Aufnahmen von ihrer Reportage über Vertriebenen- und Flüchtlingslager in Westdeutschland 1950 zu sehen. Es sind starke Bilder.

Aus politischen Gründen flieht das Paar 1942 von Tunis nach New York und reist von dort für die Nachrichtenagentur Agence France-Presse quer durch Lateinamerika. Zurück an der amerikanischen Ostküste erfolgt die (vorübergehende) Trennung, Ré Soupault kämpft ums finanzielle Überleben.

«Zur Entspannung ans Rheinufer»

Da ereilt sie der rettende Ruf aus der Schweiz und sie kommt 1948 im Auftrag der Büchergilde Gutenberg Zürich für die Übersetzung von Romain Rollands Kriegstagebuch aus dem Ersten Weltkrieg nach Basel – in der Unibibliothek UB sind wertvolle Manuskripte des französischen Schriftstellers und Pazifisten aufbewahrt. Ré Soupault schreibt, wie «mit der Arbeit für die Büchergilde ein neues Leben begann, mein eigentliches – mein wahres Leben». Und wir lesen zum Beispiel: «Zur Entspannung konnte ich ans Rheinufer hinübergehen, um eine Zigarette zu rauchen. Den Strom vorbeifliessen zu sehen, tat mir wohl.»

Der in Basel lebenden Literaturvermittlerin Martina Kuoni und Manfred Metzner aus Heidelberg, Verleger, Nachlassverwalter und Herausgeber des Werks von Ré Soupault, sei Dank, dass uns diese ausserordentliche Künstlerin und Frau ein weiteres Stück nähergebracht wird.

Ré Soupault – Es war höchste Zeit …, UB Hauptbibliothek, bis 15. September.
Spaziergang Ré Soupault, 18. Juni, 16–18 Uhr. Anmeldung: www.literaturspur.ch

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