Fotografie
Die Folgen des Regens in Bildern: Als der Wartenberg weich wurde

Vor 69 Jahren spülten starke Niederschläge in Muttenz eine ganze Hangseite ins Tal. Theodor Strübin (1908–1988) hat die Verwüstung dokumentiert.

Hannes Nüsseler
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Kommt da noch mehr? Wartenberg mit Zuschauerinnen und Zuschauern.

Kommt da noch mehr? Wartenberg mit Zuschauerinnen und Zuschauern.

Theodor Strübin / Archäologie und Museum Baselland

Jeder Wein hat seinen Abgang. Wenn aber ein ganzer Rebberg auf Reisen geht, verschlucken sich selbst Önologen. So geschehen im Frühjahr 1952, als der Wartenberg in Muttenz auf einer Breite von 400 Metern abzurutschen beginnt – glücklicherweise nicht zur Dorfseite hin. Die Bevölkerung ist trotzdem alarmiert. Im Vorfeld platzen Wasserleitungen, der Boden senkt sich stellenweise um einen halben Meter, im Inneren des beschaulich buckelnden Hügels rumort es bedrohlich.

Als der Liestaler Fotograf Theodor Strübin (1908–1988) den Muttenzer Hausberg am 9. April zusammen mit zahlreichen Schaulustigen aufsucht, gleicht der schrundige Südwesthang einem Gletscherfeld, von ungeheuren Kräften zerrissen. Der existenzielle Schwindel angesichts der brachialen Naturgewalt scheint sogar Strübins Kamera zu erfassen: Die ganze Szenerie mit ihren schepsen Rebstöcken ist aus dem Lot geraten.

Der Militärbunker wanderte rund 100 Meter talwärts.

Der Militärbunker wanderte rund 100 Meter talwärts.

Theodor Strübin / Archäologie und Museum Baselland

Zum Glück entfaltet der Erdrutsch seine Zerstörungskraft nur langsam: Die 300’000 Kubikmeter Erde gleiten mit drei Kilometern pro Stunde dem alten Feuerwehrweiher zu. Unterwegs zertrümmert die sieben Meter hohe Zeitlupen-Mure Strassen, vier Häuser und einen Betonbunker der Armee, bis sie nach drei Tagen zum Stillstand kommt.

Die Landschaft «schlipft»

Dem Unglück vorausgegangen waren – wenig überraschend – schwere Regenfälle, die bereits im Jahr zuvor begonnen hatten. Das viele Wasser weichte die lehmartigen Tonschichten im Untergrund so lange auf, bis die darüberliegenden Kalksteinablagerungen den Halt verloren. Doch so aussergewöhnlich die Fotografien sind, mit denen Strübin den Vorfall dokumentierte: Das Ereignis an sich ist es nicht.

«Im Jura gibt es zahlreiche Stellen, wo sich Bergstürze meist vor langer Zeit, das heisst vor wenigen bis mehreren tausend oder zehntausend Jahren, ereignet haben», schreibt Regionatur auf der Website und listet prominente Beispiele auf. So steht etwa das Goetheanum in Dornach auf einem Bergsturzgebiet, und auch der Seewener See staute sich durch nacheiszeitliche Felsmassen auf, die den Dorfbach blockierten. Spuren weiterer Bergstürze finden sich ausserdem bei der Falkenflue in Duggingen oder der Schauenburgerflue oberhalb von Pratteln.

Auch das Bannwarthäuschen war vom Erdrutsch betroffen.

Auch das Bannwarthäuschen war vom Erdrutsch betroffen.

Theodor Strübin / Archäologie und Museum Baselland

Dass der vermeintlich feste Boden unter den Füssen eine wackelige Sache ist, belegen auch die Flurnamen, in denen sich die Erinnerung an historische Begebenheiten erhalten hat. Das reicht von romanischen Lehnwörtern wie «Goleten» (von lateinisch colare, «gleiten») bis zum unmissverständlichen «Grütsch» oder «Rütschete». Und der Südosthang des Tüllinger Hügels bei Riehen heisst nicht umsonst «Schlipf»: Ausgiebige Niederschläge haben in den Jahren 1450, 1697, 1712, 1758 und 1881 zu grösseren Erdrutschen geführt. Letztmals bewegte sich der Boden dort 2007.

Das Misstrauen, mit dem der Volksmund seiner oft unberechenbaren Umgebung begegnete, mag manchmal überspannt wirken – im wahrsten Sinne: So geht in Maisprach etwa die Sage von einer goldenen Kette, die den Sonnenberg im Innern zusammenhalte und das Dorf davor bewahre, verschüttet zu werden. Und nach dem realen Bergrutsch am Dürrenberg im Jahr 1689, bei dem nach nasser Witterung ein Wohnhaus verschüttet wurde, soll noch neun Tage später ein Güggel gekräht haben – unter dem Boden. Aber die Erfahrung macht eben vorsichtig, wie das Beispiel vom Dielenberg zeigt.

Menschengemachte Naturkatastrophe

Bevor im Jahr 1295 ein vier Millionen Kubikmeter mächtiges Gesteinspaket ins Tal krachte, stand dort, wo heute Oberdorf und Niederdorf aneinandergrenzen, Onoldswil. Die Felsbrocken begruben das Dorf unter sich und stauten die Frenke kurzzeitig zu einem See auf, worin «vor Menschenaugen die Spitze der Kirche verdeckt wurde», wie es in den Colmarer Annalen heisst. Ob der Katastrophe eine nasse Witterung vorausging, ist nicht bekannt. Regionatur ortet den Grund für den Bergsturz ohnehin an anderer Stelle.

«Im 13. Jahrhundert musste wegen des starken Bevölkerungswachstums neuer Boden zur Nutzung gewonnen werden», schreiben die Verfasserinnen und Verfasser. «Dies wurde unter anderem durch Rodungen an den Hängen erreicht.» Der Raubbau am Waldbestand hatte eine stärkere Erosion zur Folge, führte zu verminderter Bodenproduktivität, sinkendem Grundwasserspiegel und – «mit grosser Wahrscheinlichkeit» – zum Bergsturz von Onoldswil.

Auch in Muttenz entpuppt sich die vermeintliche «Naturkatastrophe» zumindest teilweise als menschengemacht. Die Umwandlung des früheren Waldgebietes in einen Rebberg und der Abbau des Gehängeschutts in einer früheren Grube habe das natürliche Wasserregime des Hanges gestört und die Stabilität des Hanges negativ beeinflusst, heisst es auf der Website von Regionatur.

Bei neueren Rutschungen am sogenannten «Edelweisshang» in Eptingen 1969 und 1976 waren ebenfalls menschliche Aktivitäten der Auslöser: Für den Bau der A2 wurden Gesteinsformationen entfernt, die das Gelände stützten. Wir rufen, der Berg kommt.

Mehr Fotografien von Theodor Strübin im Kulturgüterkatalog des Museumverbunds Baselland: www.kimweb.ch.

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