Klassik
Liebeslieder unter dem Altar: Voces Suaves mit Madrigalen in der Peterskirche Basel

Das Basler Vokalensemble Voces Suaves zeigt, wie sich um 1600 die erotisch aufgeladene Musik der modernen Madrigale in die Kirchen eingeschlichen hat.

Reinmar Wagner
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Das Basler Vokalensemble Voces Suaves tritt in der Peterskirche auf.

Das Basler Vokalensemble Voces Suaves tritt in der Peterskirche auf.

Markus Raeber

Die Kirche war noch nie wählerisch, wenn es darum ging, bestehende Traditionen zu vereinnahmen: Zahlreiche Kirchen entstanden auf alten heidnischen Kultplätzen, die Feste und Riten wurden in christlichem Kontext umgedeutet, populären Volkshelden wurde ein frommes Mäntelchen umgehängt. Auch in der Kunst hat man sich jeweils das Beste geholt, was die Zeit zur Verfügung stellte. So haben viele der grossartigsten Maler und Bildhauer wichtige Werke im Dienst der Kirche geschaffen.

Natürlich gilt das auch für die Musik: Das Madrigal, kunstvolle polyfone Vokalmusik für bis zu acht Stimmen, war im 16. Jahrhundert ein intellektuelles Vergnügen an den Fürstenhöfen Italiens. Die führenden Komponisten von Adrian Willaert und Cipriano de Rore über Orlando di Lasso bis Monteverdi und Gesualdo entfachten regelrechte Feuerwerke an harmonischen Spezialitäten und ausgefeilten Akkordverbindungen, an lautmalerischen Effekten und neuartigen Techniken wie dem Tremolo, um möglichst suggestiv die emotionalen Inhalte umzusetzen.

Die Freuden und Leiden der Liebe vor allem, Naturstimmungen und Schäferidyllen, aber auch hehre Heldengeschichten waren die Themen, und die grossen Dichter der Renaissance von Petrarca bis Torquato Tasso hatten für mannigfaltige literarische Vorlagen gesorgt.

Geistlich umgedeutete Verse

Kein Wunder, stieg die Popularität dieser Kunstform stetig, was auch der Kirche nicht verborgen blieb. Ihre Musik war vergleichsweise langweilig: keine Frauen, keine Instrumente, ein recht strikter Kanon von Regeln, die selbst ein so begabter Komponist wie Palestrina, Kapellmeister am Petersdom, nicht nachhaltig durchbrechen konnte. Aber mit ein bisschen räumlicher Distanz zu Rom war auch in der Kirchenmusik einiges möglich, und manche der kunstvollsten Madrigale fanden den Weg unter die Altäre.

Natürlich nicht mit den Texten der Liebesgedichte, sondern mit neu erfundenen, geistlich umgedeuteten Versen. Das ging so weit, dass sogar eine hochdramatische Opernarie wie Monteverdis berühmtes Lamento der Arianna mit geistlichem Text in den Mailänder Kirchen gesungen wurde.

Wie sich das anhört, zeigt das Basler Vokalensemble Voces Suaves in einem Konzert heute in der Peterskirche mit sechs Sängerinnen und Sängern und drei der typischen Instrumente des Generalbass-Zeitalters: Laute, Violone und Orgel. Die Baslerinnen und Basler sind prädestiniert für ein solches Programm, denn neben ihrer makellosen Intonation und ihrem homogenen Ensembleklang legen sie ganz besonderen Wert auf die Feinheiten der Deklamation, wie ihr Leiter Tobias Wicky betont:

«Wir gehen in unseren Interpretationen stark vom Wort aus und weniger von den notierten Notenwerten. So wollen wir die Affekte vom Wort aus interpretieren.»

Auch wenn die Harmonik sehr reich sei in den Madrigalen um 1600, sei sie doch immer vom Text ausgehend in dieser Weise komponiert worden, so Wicky. Vor allem Vokale seien im Italienischen sehr wichtig, kleine Nuancen machten da sehr viel aus, es lohne sich wirklich, daran zu arbeiten. «Die Konsonanten dagegen sollten nicht zu sehr betont werden, zum Beispiel das ‹r› in Amore darf nicht zu lang rollen.»

Das Konzert: Freitag, 6. August 2021, 19.30 Uhr, Peterskirche Basel. Karten: kulturticket.ch, Bider & Tanner. www.voces-suaves.ch

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