Rassismus
Kunstmuseum und Kunsthalle ermutigen zum Wandel

Futuristisch und fordernd: Kara Walker im Kunstmuseum Basel und Matthew Angelo Harrison in der Kunsthalle prangern den Kolonialismus an.

Hannes Nüsseler
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Kara Walkers «´merica 2016» orientiert sich an Pablo Picasso.

Kara Walkers «´merica 2016» orientiert sich an Pablo Picasso.

Bild: Kunstmuseum Basel / Ankauf

Staatsmännisch blickt Barack Obama von den Plakatwänden. In Kniestrümpfen und Schnallenschuhen steht er vor einem finsteren Gewölk, das dramatisch aufreisst und ein Stück blauen Himmels freigibt. Obamas Blick scheint in die Zukunft gerichtet, unser eigener hängt an einem blonden Haarschopf. Er gehört zu Donald Trumps abgetrenntem Kopf, den Obama in seinem Schoss birgt – einen Daumen in die blutige Augenhöhle seines Nachfolgers gebohrt. Wer denkt sich so etwas Drastisches nur aus?

Eine Sonnenbrille verdeckt Kara Walkers Medienscheu, als sie zur Eröffnung ihrer neuen Ausstellung im Kunstmuseum Basel einleitende Worte spricht: 550 Zeichnungen der vergangenen 30 Jahre hat die renommierte US-Künstlerin aus ihrem Archiv mitgebracht, Persönliches und zumeist auch Provokatives. Sie habe die Gründe für ihre eigene Zurückhaltung hinterfragt, erzählt sie, und bei der Sichtung und Auslegung des nicht nur mengenmässig überwältigenden Materials vor allem eines entdeckt – verletzliche Körper.

Vergewaltigung, Verschleppung, Exekution: Meistens erkennen wir den makabren, aber auch grotesk humorvollen Gehalt der Werke viel zu spät, weil Walker uns als begnadete Handwerkerin listig heranführt an ihre Arbeitsweise: «Alles ist eine Schwarze Frau.» Und als solche bleibt ihr nichts anderes übrig, als sich einer Vergangenheit zu stellen, die bis heute anhält und sich als Leitmotiv durch die Skizzen und Zettelkästen zieht: Sogar ein simpler Haufen Kekse entpuppt sich so beim zweiten Hinsehen als stereotyp überzeichnetes Porträt, von den trügerisch idyllisch anmutenden Szenen einer Lynchjustiz ganz zu schweigen.

Die eigene Zeit ist immer am wichtigsten

Sie reise wie mit einer Zeitmaschine in die Vor-Bürgerkriegszeit, um sich ihres Platzes in der Gegenwart zu vergewissern, erklärt die 1966 geborene Kalifornierin. Dabei greift sie oft auf Mode und Ästhetik der sklavenhaltenden Südstaaten zurück, wie das Obama-Porträt zeigt: «Ich wollte ihn als mythologische Figur darstellen, als Hoffnungsträger, aber auch als Quelle der Angst.» Letzteres wegen der rassistischen Verschwörungstheorien, die den Präsidenten über seine Amtszeit hinaus verfolgen.

Auch Picasso, Goya oder die Renaissancemalerei haben es Walker stilistisch angetan. «Ich liebe sie alle», erklärt sie verschmitzt, «das ist ja das Problem.» Um sich aber vom patriarchalen Herrschaftsgestus der Malerfürsten zu befreien, wählt sie die Zeichnung, welche die Wandelbarkeit der Gegenwart in ihren Augen zuverlässiger abbildet. «Alle glauben, dass ihre Zeit die wichtigste ist – weil sie selbst darin leben.»


Der «proto-fountain» von Matthew Angelo Harrison.

Der «proto-fountain» von Matthew Angelo Harrison.

Bild: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel

Nur wenige Minuten zu Fuss entfernt, eröffnet die Kunsthalle Basel ihrerseits eine Ausstellung mit afroamerikanischer Kunst und zeigt Werke von Matthew Angelo Harrison, 1989 in «Motor City», der Autoschmiede Detroit, geboren. Der Unterschied könnte bei flüchtiger Betrachtung nicht grösser sein: Im nüchternen Glanz der Oberlichter wirken Harrisons Kunstharz-Skulpturen wie Hightech-Gerätschaften, über das sich ein Netz geometrisch gefräster Linien legt.

Doch auch hier spielt die Distanz zu den Werken eine entscheidende Rolle, verbergen sich in den spiegelnden Blöcken doch afrikanische Artefakte und Masken, wie sie seit Ende des 19. Jahrhunderts auf kolonialen Routen nach Europa strömen und den westlichen Kunstkanon entscheidend prägten: Ein Bild wie Picassos «Guernica», das wiederum Kara Walkers «’merica 2016» inspirierte, wäre ohne die Schnitzereien kaum vorstellbar.

Von der Sklaverei zur Niedriglohnarbeit

Indem Harrison die Zeremonialstäbe, Speere und Masken im Internet aufkauft, befreit er die Originale und Billigkopien von ihrer Warenlogik. Dadurch rücken sie in die Nähe eines, wenn auch technoid wirkenden, Ahnenkultes, der neue Zeitachsen bildet und Zugehörigkeit schafft. Neben den Fetischen zeigt der Künstler zum Beispiel auch die Arbeitshandschuhe oder den Fabrikhelm seiner Mutter, auf denen die Initialen UAW für «United Auto Workers» prangen. Die Gewerkschaft wird so zum schützenden Stamm.

Noch ausgeprägter als Walker, die in einem akademischen Umfeld aufwuchs, hat Harrison mit dem Rassen- auch ein proletarisches Klassenbewusstsein aufgesogen, Sklaverei und Niedriglohnarbeit werden sozusagen in eine Erbfolge gebracht. Um sein Kunststudium zu finanzieren, nahm Matthew – wie seine ganze Familie – einen Job in der Autofabrik an. Von dort brachte er ungebrauchte Maschinenteile und Modelllehm mit, den er seither für seinen 3-D-Printer verwendet.

Dieses aluminiumblitzende Metallgestänge mit dem Namen «proto-fountain» (Brunnen) wirkt wie eine Antithese zu Walkers Zeichnungen, doch verbindet beide die Sehnsucht nach dem Selbstgemachten und Unfertigen, wie Harrisons Ausstellungstitel «proto» (zuerst, davor) nahelegt. Den Scanner hat er selbst gebaut, die aus Lehm nachgeformten Masken weisen bei jeder Iteration Abweichungen auf. Das industrielle Fliessband wird zur Startrampe in eine Zukunft, die uns aus den Kapseln künftiger Ahnen grüsst.

Matthew Angelo Harrison: «proto», Kunsthalle Basel, bis 26. September. www.kunsthallebasel.ch
Kara Walker: «A Black Hole is Everything a Star Longs to Be», Kunstmuseum Basel, bis 26. September. www.kunstmuseumbasel.ch

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