Kultur

Berner Gurlitt-Sammlung in Jerusalem sorgt für Schlagzeilen

Jean-Daniel Ruch (rechts), Schweizer Botschafter in Israel, mit Museumsdirektor Ido Bruno und Kuratorin Shlomit Steinberg.

Jean-Daniel Ruch (rechts), Schweizer Botschafter in Israel, mit Museumsdirektor Ido Bruno und Kuratorin Shlomit Steinberg.

Das Israel Museum zeigt Werke der umstrittenen Sammlung. Holocaustforscher und Kunstexperten streiten über den Sinn der Ausstellung.

Nach Bern, Bonn und Berlin werden jetzt Kunstwerke aus der Gurlitt-Sammlung in Jerusalem gezeigt. In der Heimat vieler Holocaust-Überlebender und deren Nachkommen sorgt das für Aufsehen. Denn seit deutsche Beamte vor sieben Jahren zufällig auf den Kunstschatz gestossen sind, steht die Frage im Raum, ob es sich dabei um Raubkunst aus der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft handle. «Die Scherben zusammentragen», titelt denn auch die Tageszeitung «Haaretz» ihren Artikel über die Gurlitt-Ausstellung. Berechtigt oder unberechtigt: Die Sammlung Gurlitt ist in den letzten Jahren zum Symbol für Raubkunst geworden. Dass die Jerusalemer Ausstellung vor einem Jahr auf Ministerebene zwischen Israel und Deutschland beschlossen wurde, zeige, dass es sich nicht um eines der üblichen Kunstereignisse handelt, sagt eine Geschichtsexpertin für die Verfolgung der Juden während des Zweiten Weltkriegs. Man könne nicht durch die Ausstellung gehen, ohne an den Holocaust zu denken.

Fake-News-artige Übertreibungen

Die Kuratorin der Ausstellung, Shlomit Steinberg, relativiert und spricht sogar von «Fake-News-artigen Übertreibungen» deutscher Medien. Steinberg war als Expertin in der Taskforce des Kunstfundes beteiligt, welche die Provenienz der Werke abklärte. In der Gur- litt-Sammlung sei die Zahl der von den Nazis geraubten Kunstwerke wohl deutlich kleiner, als ursprünglich angenommen, meint Steinberg. Der Sammler Hildebrand Gurlitt habe ja bereits ab 1920 systematische Kunst aufgekauft, also etliche Jahre, bevor in Deutschland die Nationalsozialisten die Macht an sich rissen. Zudem seien die Werke nach dem Zweiten Weltkrieg von US-Experten untersucht worden. Da sie nichts zu beanstanden hatten, habe Gurlitt die Werke 1950 zurückerhalten.

Gurlitt galt zwar als einer der einflussreichen Kunsthändler Hitlers, aber die Untersuchungsbehörden sprachen ihn von jeder Schuld frei. Auch in der Entnazifizierungskampagne der Bundesrepublik konnte ihm nichts Nachteiliges nachgewiesen werden. «Schauen Sie sich die Zahlen an», sagt Steinberg. Von den insgesamt 1500 Werken aus Gurlitts Sammlung konnten bisher nur neun als Raubkunst identifiziert werden. Davon sind sechs Kunstwerke den rechtmässigen Besitzern zurückgegeben worden.

Suche nach ursprünglichen Eigentümern geht weiter

Die Forschungsarbeiten werden in Bern und in Magdeburg weitergeführt. «Mehr sind noch in der Pipeline», sagte der Schweizer Botschafter in Israel, Jean-Daniel Ruch, bei der Eröffnung der Ausstellung «Fateful Choices» (Schicksalsentscheidungen). An den Objektbeschriftungen vieler, aber nicht aller Kunstwerke wird darauf hingewiesen, dass die Suche nach den ursprünglichen Eigentümern weitergehe. Ruch betonte die «exzellente und wichtige Zusammenarbeit zwischen der Schweiz, Deutschland und Israel» bei der Abklärung der Provenienzen.

Er hoffe, dass dank der Ausstellung in Jerusalem neue Informationen über ursprüngliche Besitzer auftauchen werden, meinte Museumsdirektor Ido Bruno. Das dürfte aber nicht so einfach sein, dämpft Na’ama Riba, Kunstkritikerin der Tageszeitung «Haaretz», die Erwartungen. Das Israel Museum habe in der Ausstellung bewusst darauf verzichtet, den Sammler Gurlitt im Bild zu zeigen, sagt Kuratorin Steinberg. Es gehe ihr nicht um die Sammlerfamilie oder deren Ruf, sondern darum, dem israelischen Publikum gute Kunst zu präsentieren.

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