Aargauer Sopranistin Viviane Hasler singt Bernsteins Lieder mit vertonten Kochrezepten

Die Aargauer Sopranistin Viviane Hasler überrascht bei den Musikalischen Begegnungen Lenzburg mit einem kulinarischen Programm.

Elisabeth Feller
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Zeitgenössische Musik ist der Sopranistin Viviane Hasler ein Herzensanliegen.

Zeitgenössische Musik ist der Sopranistin Viviane Hasler ein Herzensanliegen.

Bild: Natalia Michalec

Viviane Hasler ist amüsiert über ihr verwundertes Gegenüber: «Leonard Bernstein hat tatsächlich vier Lieder auf französische Rezepte komponiert», erklärt sie. «Diese Lieder sind derart schnell, virtuos und hochdramatisch, dass niemand glauben würde, dass es sich um die Vertonung banaler Texte handelt.» Ob Ochsenschwanzgericht, türkische Süssspeise aus Hühnerbrust, Plumpudding oder das schnell hingezauberte französische Kaninchen in Rotwein – der Gourmet will alles kosten, nachdem er den französischen Kochbuchklassiker «La bonne cuisine française» von Emile Dumont entdeckt hat. Kosten, weiss «unser» Gourmet, kann man Gerichte aber nicht nur mit der Zunge, sondern auch mit den Ohren. Man braucht eben «bloss» ein Komponist wie Leonard Bernstein zu sein.

Die Sängerin freut sich, dass sie und ihre langjährige Klavierpartnerin Maren Gamper bei den Musikalischen Begegnungen Lenzburg (MBL) mit diesen und weiteren Liedern – unter anderem von Hugo Wolf – zum Thema Essen und Genuss das Publikum überraschen können. Mit «Küche – Liederabend» ist ein Konzert betitelt, das die beiden Musikerinnen gerne in einer Küche aufgeführt hätten. Doch die Coronazeit erfordert grössere Schauplätze, die Abstände erlauben – somit wird im Alten Gemeindesaal musiziert.

«Ein Konzert kann nur live seine Wirkung entfalten»

Für Viviane Hasler ist der Auftritt in Lenzburg der erste seit Monaten. Auch sie hatte, wie so viele Musikerinnen und Musiker schwierigste Wochen hinter sich, «aber es war zugleich eine ruhige Zeit, die ihr Gutes hatte». Ihr sei unter anderem wieder einmal richtig bewusst geworden, wie sehr erst «die Interaktion zwischen Musikern und Publikum das Konzerterlebnis ausmacht». Deshalb hofft sie, «dass die Zuhörenden später vermehrt ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass ein Konzert eben nicht gestreamt, sondern nur live seine Wirkung entfalten kann.» Und das natürlich auch bei einem, das sich auf zeitgenössische Musik fokussiert. Wer Viviane Hasler darauf anspricht, merkt: Hier hat sich eine junge Sängerin komplett dieser immer mal wieder als «kopflastig» bezeichneten Musik verschrieben.

Ist diese Leidenschaft als Absage an den klassischen Gesang zu verstehen? «Nein, keineswegs. Ich experimentiere einfach sehr gerne, denn mit der Stimme kann man in der zeitgenössischen Musik mehr machen als in der klassischen. Da ich aber bis 60 oder sogar noch länger singen möchte, muss ich genau wissen, was ich meiner Stimme zumuten kann.» Viviane Hasler empfindet diese als «robust», weshalb sie zeitgenössische Musik, die sie ab und an mit solcher aus der Barockzeit kontrastiert, liebend gerne singt.

Viviane Hasler hofft auf das Gastspiel in Hamburg

«Hochleistungssport», sagt sie, sei die zeitgenössische Musik allemal. «Aber», und da blitzt erneut Freude auf, «anders als in der klassischen, sind wir in der zeitgenössischen Musik nicht dem bekannten Dur-Moll-Schema unterworfen – wir sind wesentlich freier.» Natürlich sei diese für das Publikum fordernder als die klassische, weil sie nicht per se «schön» sei und gängige Erwartungen bediene. Als Beispiel erwähnt die Sängerin den Komponisten Helmut Lachenmann, dessen Oper «Das Mädchen mit den Schwefelhölzern» vergangene Saison am Opernhaus Zürich gespielt wurde – in der Choreografie von Christian Spuck. Wer ganz oben, im zweiten Rang, sass, konnte verfolgen, welch eminenten Anteil die Basler Madrigalisten an der Aufführung hatten. «Eine wunderbare Erfahrung», betont Viviane Hasler, die damals mitwirkte.

Mit ihren Basler Kolleginnen und Kollegen wird sie Anfang nächsten Jahres in der Hamburger Elbphilharmonie konzertieren. Ob das Gastspiel in Stein gemeisselt ist? Wer weiss es derzeit schon.

Viviane Hasler hofft es – wie sie hofft, dass die für November geplante, wegen Corona jedoch abgesagte Uraufführung mit dem Ensemble für Neue Musik Zürich später zu Stande kommt. «Johannes Marks hat mit ‹Neues vom Weltuntergang› eine Art schräger Operette komponiert, die bestimmt auch Skeptiker der zeitgenössischen Musik überzeugen würde.» Vorerst geht es aber erst einmal nach Lenzburg, wo Viviane Hasler und Maren Gamper zu einem vergnüglich-ironischen Liederabend zum Thema «Küche» einladen.

Musikalische Begegnungen Lenzburg

Programm «Hausmusik»



Mit dem Motto «Hausmusik» geben sich die Musikalischen Begegnungen Lenzburg (MBL) dieses Jahr ein Motto, das sich spielerisch-witzig unterschiedlichen Genres widmet. Das Harter-Locher Duo lockt mit seinem Jazzkonzert ins «Treppenhaus». Das MOA Trio lässt im «Schlafzimmer» Bachs «Goldbergvariationen» erklingen. Dem Thema Küche widmen sich Sängerin Viviane Hasler und die Pianistin Maren Gamper. Zu einem Meisterkonzert im «Garten» laden die Cellisten David Riniker (Berliner Philharmoniker) und Daniel Schaerer sowie die Pianistin Judith Flury auf Schloss Lenzburg ein. Eröffnet wird auf der Lenzburg: mit dem Aarauer Studentenorchester. (E. F.)
21. 8. bis 6. 9.
www.mbl-lenzburg.ch

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