Biennale Architettura 2021
«Experiences on the Border»: Vor dem Schweizer Pavillon Orae standen die Menschen Schlange

Venedig lebt wieder auf – und der Schweizer Biennale-Pavillon ist bereits am ersten Tag ein Publikumsliebling.

Daniele Muscionico
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Installationsansicht im Schweizer Pavillon in Venedig, «Orae-Experiences on the Border». Auch so kann Grenze aussehen.

Installationsansicht im Schweizer Pavillon in Venedig, «Orae-Experiences on the Border». Auch so kann Grenze aussehen.

Gaëtan Bally/ Keystone (16. Mai 2021)

Niemand hätte es noch vor ein paar Wochen zu wetten gewagt: Ein ganzes Jahr lang war die Lagunenstadt sich selbst und ihren Menschen überlassen – auf Stippvisite einzelnen Delfinen –, und nun findet tatsächlich in ihrer 17. Ausgabe die Architektur-Biennale statt. Am Eröffnungstag war an diesem Umstand nur eines noch bemerkenswerter: Vor dem Schweizer Pavillon Orae standen die Menschen Schlange.

Den Nerv der Zeit und des Publikums getroffen

Ungläubig sah man per Livestream dem Schauspiel zu: Das Venedig-Wetter war prächtig, der Himmel flockte und lockte – das Team der verantwortlichen Kulturstiftung Pro Helvetia schien gut gelaunt und das Team Orae, eine multidisziplinäre Crew aus Architektur- und Kunstschaffenden, erleichtert: Mounir Ayoub und Vanessa Lacaille vom Genfer Laboratoire d’architecture, der Genfer Bildhauer Pierre Szcezepski und der Godard-bewährte Kameramann Fabrice Aragno aus Lausanne haben ihr Ziel erreicht. Ihr Beitrag «Experiences on the Border», eine handfeste Feldstudie durchgeführt in allen fünf Landesteilen und deren Grenzen, scheint den Nerv der Zeit und des Publikums getroffen zu haben.

Das Projektteam aus Genf und Lausanne mit Mounir Ayoub, Vanessa Lacaille, Fabrice Aragno und Pierre Szczepski (von links nach rechts).

Das Projektteam aus Genf und Lausanne mit Mounir Ayoub, Vanessa Lacaille, Fabrice Aragno und Pierre Szczepski (von links nach rechts).

Keystone

Für Madeleine Schuppli, die Projektverantwortliche von Pro Helvetia, ist der partizipative Ansatz des Projekts entscheidend: «Für mich wegweisend an dem Projekt ist die Art, wie das Team das Thema anging. Damit meine ich die enge Zusammenarbeit, die sie mit Menschen, die an den Schweizer Grenzen wohnen, gemacht haben. Sie haben diesen Personen eine Stimme gegeben und gemeinsam herausgeschält, was das Potenzial, aber auch was die Schwierigkeiten der Grenzregionen sind.»

In der Tat hat die Gruppe Orae (lat. für Grenze oder die Möglichkeit eines Neubeginns) Handfestes zu bieten. Der Schweizer Pavillon ist eine Lagune der Stimmen, Bilder, Worte und Architekturmodelle. Immersiv ist das, illusorische Stimuli sind die Kitzler. Der Raum besteht aus Eindrücken, die die Grenze der Schweiz als emotionale Landschaft vermitteln. Orae ist eine aussergewöhnliche und aussergewöhnlich konkrete Teamarbeit zwischen Kunstschaffenden und Bewohnerinnen und Bewohnern der Schweiz. Gemeinsam verhelfen sie dem Begriff Grenze zu einer eigenen Persönlichkeit, sie geben ihr eine Stimme und ein Gesicht.

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Der Schweizer Pavillon rückt in der Ausstellung an der Biennale Architettura 2021 die Peripherie ins Zentrum: Das Projektteam erkundet die Grenze zwischen der Schweiz und ihren Nachbarländern.

Keystone SDA

Die Parteien fanden sozusagen auf offenem Feld zusammen, Orae ist eine Feldstudie im Sinn des Wortes: Mit einem als Atelier ausgestatteten Lastwagen besuchten die Künstler Gemeinden an der Grenze zwischen der Schweiz und den Nachbarländern. Dort angekommen, war die lokale Bevölkerung eingeladen, Modelle imaginärer oder realer Grenzen oder Grenzorte zu gestalten. Fabrice Aragno filmte sie dabei.

Deshalb sind im Schweizer Pavillon Orae dieses Mal über hundert Menschen anwesend, als Akteure in Porträtfilmen, als Autoren von Modellen – die sich für den Begriff Grenze geformt, gebogen haben. Und in Form von Erzählungen, die sie mitteilen, und die durch die Luft fliegen: Wie dicht ist der Wald, den es zu durchdringen gilt, fragt etwa der afghanische Flüchtling in Chiasso, wenn man ihn nach seiner Vorstellung von Grenze fragt. Ein Bild des Begriffs ­Grenze erstellen kann er nicht, denn für ihn ist er gleichbedeutend mit dem «Stacheldraht». Und diesem wird ein Mensch in seiner Heimat nicht beikommen.

Die Schweizer Grenze, das zeigt die Ausstellung in Venedig, ist ein komplexer Ort: Sie kann der sanfte Fluss sein, den der eine beschwingt jeden Morgen überquert – konkret: Mit dem Basler Trämli überrollt; dem anderen ist sie ein unwägbares gefährliches Territorium. Von solchen und anderen Grenzbildern, vom widersprüchlichen und bedeutungsvollem Umgang mit geografischen Grenzen und ihrer politischen Realität erzählt Orae – und hat eine Botschaft.

An den Grenzen entscheidet sich Zukunft

«Die Grenze ist das Laboratorium des 21. Jahrhunderts, um Gegenwart zu verstehen», meint an der Pressekonferenz Mounir Ayoub. Zu leugnen ist das nicht. Und wie sehr sie in Zukunft an Bedeutung gewinnen wird, lässt Corona ahnen.

Wer keine Gelegenheit hat, das Projekt Orae mit eigenen Augen erfahren, kann sich mit der Begleitpublikation im Lars Müller-Verlag mehr als behelfen: Sie versteht sich als «Leitfaden» und lädt zu einer Reise entlang unserer Grenzen ein vermittels Erzählungen ihrer Bewohner.

17. Internationale Architekturausstellung, La Biennale di Venezia, Die Ausstellung «Orae» im Schweizer Pavillon bis 21. November zu sehen. Die Publikation im Lars Müller Verlag ist ab Juni in einer französischen und einer englischsprachigen Ausgabe erhältlich. Im Buchhandel und im Webshop des Verlags.