Zum 80. Geburtstag des US-Musikpoeten: Wie er zum Leitstern des Schweizer Pops wurde

Bob Dylan
Zum 80. Geburtstag des US-Musikpoeten: Wie er zum Leitstern des Schweizer Pops wurde

Bild: Columbia Records

Wie kaum ein anderer Musiker hat Bob Dylan die Entwicklung der Popmusik beeinflusst. Auch in der Schweiz war er prägend. Am 24. Mai wird der amerikanische Poet 80 Jahre alt.

Stefan Künzli
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«Die muesch chaufe, de singt wie du», sagte Hardy Hepp und knallte das Album «Freewheelin’» eines gewissen Bob Dylan auf den Ladentisch. Hepp, 1965 Plattenverkäufer im Globus-Provisorium, war damals in Sachen Popmusik der bestinformierte Mann Zürichs. «Wer isch das?», fragte der verdutzte Toni Vescoli. «Tubel! Du singsch ja sälber es Lied vo ihm: ‹Mr Tambou­rine Man›.» Tatsächlich hatte Vescoli den Song im Repertoire seiner Sauterelles, aber in der Version der Byrds. Dylans «Freewheelin’» mit dem epochalen Song «Blowin’ in the Wind» ist zwar schon 1963 erschienen, doch, wie so oft damals, nahm man in der Schweiz erst mit grosser Verspätung von den neusten Trends Notiz.

«Blowing in the Wind» bei einem Live-Auftritt

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Umso grösser sollte Dylans Einfluss auf die Schweizer Pop- und Rockmusik werden.

In dieser Pionierphase haben nicht nur Vescoli und Hepp dem amerikanischen Protestpoeten Reverenz erwiesen. Auch Polo Hofer spielte mit seiner Band Polo’s Pop Tales Dylan-Stücke. Die drei einflussreichsten und wichtigsten Sänger des Schweizer Pop in dieser Frühphase haben sich direkt auf Dylan bezogen.

Für Vescoli war «Freewheelin’» ein Erweckungserlebnis. Schon eine Woche später baute er «Blowin’ In The Wind» in das Repertoire der Sauterelles ein. Hardy Hepp, der im Publikum sass, war begeistert: «I has ja gseit. Dä singt wie de Dylan.» Vescoli hatte keine Mühe, Dylan zu interpretieren. «Mein Gesang klang automatisch ähnlich», sagt er und vermutet, dass Dylan wie er eine Nasenscheidewandverkrümmung hat.

«Mr. Tambourine Man», gespielt von Toni Vescoli.

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Hardy Hepp war damals der Antreiber und Mischler, Dreh- und Angelpunkt einer jungen, aufstrebenden Zürcher Szene. Er hat nicht nur Vescoli zu Dylan geführt, sondern auch Walty Anselmo. Er galt als der hoffnungsvollste Elektrogitarrist des Landes. Doch Hepp schaffte es, dass Anselmo seine E-Gitarre verkaufte und mit Hepp ein Duo gründete, um auf der akustischen Klampfe Folksongs im Stil Dylans zu spielen. Kein Gestöpsel, kein Feedback, keine Effektgeräte und Verstärker. Nur zwei Stimmen und zwei Gitarren.

Das Duo Hepp Anselmo war Mitte der 60er-Jahre die erste Folkgruppe der Schweiz und die Songs «Walkin On This Road»/«Go On Home» bildeten die erste Schweizer Folk-Single (leider vergriffen). Eine relativ kurze Episode, aber Bob Dylan blieb für Hepp Lichtgestalt und Begründer einer Kulturrevolution. «Da kam einer, hat gesungen, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, und hat sich foutiert um irgendwelche ästhetischen Konventionen», sagt er.

«Mit Dylan wurde die amerikanische Songtradition wieder aktuell. Gleichzeitig hat er mich angespornt, meine eigenen Lieder zu komponieren und zu interpretieren.»

Zu einem Leitstern ist Dylan auch für Vescoli geworden: «Er hat mich bekräftigt, nicht stehen zu bleiben und stets Neues auszuprobieren. Ohne auf den Mainstream zu schielen, hat er einfach sein Ding durchgezogen.»

Polo wollte sich wie Dylan sozialkritisch äussern

Zumindest mitschuldig ist Bob Dylan auch, dass Polo Hofer von Englisch zu Berndeutsch wechselte und damit das Genre des Mundart-Rocks begründete. Polo war ein politischer Mensch und verspürte den Drang, sich mitzuteilen, sich kritisch zu äussern. Wie dies Dylan in den USA tat. Polo war fasziniert von Dylans sozialkritischem Umgang mit Texten und begann, Texte von Dylan zu übersetzen.

Der erste Mundart-Rocksong, der konsumkritische «Warehuus-Blues», orientiert sich denn auch unüberhörbar an Dylans «Just Like Tom Thumb’s Blues». Für Polo war Dylan der Shakespeare der Popmusik. «Keiner dichtet so gut. Er ist der Dichterfürst», sagte er einmal. Dylan interessierte ihn vor allem als Lyriker, musikalisch war Rumpelstilz weniger von Dylan geprägt.

«Dirt Road Blues» von The Alpinistos

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Erst 1981 gab Bob Dylan sein erstes Konzert in der Schweiz. Trotzdem spielte er in dieser Frühphase des Schweizer Pop und Rock eine prägende Rolle. Bob Dylan hat dem Schweizer Pop entscheidende Starthilfe gegeben. Vescoli und Polo haben ihrem Vorbild sogar Alben gewidmet, mit Mundartversionen von Dylan-Songs. Der erste Schweizer aber, der Dylan übersetzte, war Franz Hohler.

Aus «With God On Our Side» machte er 1973 «Dr lieb Gott isch derby». «Peinlich», sagt dazu Hardy Hepp dezidiert. Überhaupt konnte er wie auch Endo Anaconda mit Übersetzungen wenig anfangen. «Das halte ich für Humbug», sagt Anaconda «bei allem Respekt vor den Kollegen, die Texte von Dylan haben so viele Facetten. Das kann man nicht einfach übersetzen.»

Polo Hofer singt «Röthebach».

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Wie der Dylan-Spezialist Martin Schäfer in einem Vortrag über «Dylan in der Schweiz» ausführte, hat der Dylan-Einfluss in der zweiten Generation von Schweizer Popmusikern nur vordergründig abgenommen. Weder Patent Ochsner noch Züri West und Endo Anaconda beziehen sich direkt auf den Poeten. Bei allen gäbe es aber dylaneske Bezüge. Für Schaefer ist Anaconda sogar «die einzige wirklich dylaneske Figur der Schweizer Szene». Offen als Vorbild nennt ihn dagegen Stephan Eicher, und auch sein Gesang erinnert zuweilen an den Amerikaner.

Dylan hat den Song zur Kunst erhoben

«Wer sich mit dem Lied als Kunstform beschäftigt, kommt um Bob Dylan nicht herum. Unabhängig davon, ob einem seine Art zu singen gefällt», sagt der Gitarrist und Sänger Hank Shizzoe. Der 55-jährige Berner hat sich von allen Schweizer Musikern am intensivsten mit Dylans Werk beschäftigt und identifiziert. «Dylan hat das Lied befreit», sagt er. Vor Dylan hatten Lieder relativ triviale Inhalte und Geschichten transportiert. Er hat das Lied der Poesie geöffnet und sich gleichzeitig an die sozialkritische Tradition des Folks angelehnt. «Er hat den Song zur Kunst erhoben und Poesie in Liedform gepackt», sagt Shizzoe. «Es gibt Leute, die können in einem Song mehr sagen als andere in einem ganzen Buch.» Dylan ist darin der Beste.

Bei Shizzoe geht die Faszination für Dylan über das Lyrische und Poetische hinaus. «Mich fasziniert auch seine Phrasierung. Sein Umgang mit Metrum und Worten. Es ist brillant, wie er Worte in die Songform bringt. Das ist eine sehr aussergewöhnliche Begabung, die man durchaus mit dem Begriff Genie erklären kann. Man sollte vorsichtig sein mit diesem Begriff, bei Dylan ist er angebracht», sagt Shizzoe. Für ihn gibt es Dylan-Texte, die funktionieren auch, wenn man sie einfach liest. «Sie haben einen Groove», sagt er. Es geht beim Nobelpreisträger für Literatur also nicht nur um das Was, sondern auch um das Wie.

Umstrittener ist Dylan als Musiker und Sänger. «Als Gitarrist hat er mich weniger beeinflusst», sagt Shizzoe, «aber ich habe das Gefühl, dass man seine musikalischen Fähigkeiten unterschätzt.» Das hat wohl auch damit zu tun, dass er an den Konzerten nicht immer gleich inspiriert und motiviert ist. Shizzoe hat ihn sicher fünfzehnmal live erlebt und sagt dazu: «Das beste Konzert, das ich in meinem Leben erlebt habe, war ein Dylan-Konzert. Das schlechteste aber auch. Ein lustloser Scheissgig im Hallenstadion in Zürich.»

«Like a rolling stone» gespielt von Sophie Hunger.

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Der Einfluss von Bob Dylan ist bis heute präsent. Etwa bei Sophie Hunger, die auch Dylan interpretiert hat. Aber bei den heute erfolgreichen Mundart-Musikern hat der Einfluss von Dylan merklich und hörbar nachgelassen. Polo Hofer hat schon vor Jahren beklagt, dass jüngere Musikerinnen und Musiker Form und Reim vernachlässigten. Und für Endo Anaconda ist Mundart-Pop heute Ton gewordene Bauernmalerei.

«Es klingt alles wie ein Parkplatzkonzert von Marc Sway und Bligg. Einfach langweilig und platt. Und wenn es nicht schmeckt wie Aromat, wird es nicht gefressen. Mundart-Pop untermalt eine Idylle, die es nicht gibt, und ist in der Werbung gelandet. Ich entdecke nichts Neues und nichts, was irgendwie meine Fantasie anregen könnte.» Für Hardy Hepp ist Dylan die Antithese zur heutigen Szene: «Die heutigen Musiker wollen Erfolg, Dylan will Musik, will Kunst.»

Diese Schweizer Musiker liessen sich von Bob Dylan inspirieren:

Polo Hofer (1945– 2017): Ihn inspirierte Dylans Sozialkritik
9 Bilder
Toni Vescoli (78): Bob Dylan war seine Erleuchtung.
Hardy Hepp (77): Er hat Dylans Botschaft verbreitet
Endo Anaconda (65): Die einzige dylaneske Figur der Schweiz.
Stephan Eicher (60): Er nennt Dylan als sein Vorbild.
Kuno Lauener (60): Dylaneske Passagen
Büne Huber (59): Indirekter Bezug auf Dylan.
Hank Shizzoe (55): Der Dylanologe unter den Musikern
Sophie Hunger (38): Sie wagt sich an Dylan und kanns.

Polo Hofer (1945– 2017): Ihn inspirierte Dylans Sozialkritik

zvg

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