Raubkunst

Braucht die Schweiz ein Schiedsgericht für Nazi-Raubkunst?

Geraubt oder nicht? Ein US-Soldat betrachtet im Mai 1945 Bilder, die Reichsmarschall Hermann Göring während des Krieges zusammentrug.

Geraubt oder nicht? Ein US-Soldat betrachtet im Mai 1945 Bilder, die Reichsmarschall Hermann Göring während des Krieges zusammentrug.

Fall Gurlitt hat Debatte entfacht und setzt Schweizer Kunstmuseen unter Druck. Nun steht die Bildung einer Kommission zur Klärung von Streitfällen im Raum. In Deutschland gibt es bereits eine ähnliche Institution.

Geht da was? Tatsächlich: Nach Jahren der Selbstgenügsamkeit stehen die Schweizer Kunstmuseen unter Druck. Der Fall Gurlitt hat die Debatte um Raubkunst und Fluchtgut neu entfacht. Und das Kunstmuseum Bern, als testamentarischer Erbe im Zentrum des Interesses, geht neuerdings in die Offensive. 

Anfang September kündigte Direktor Matthias Frehner einen Effort bei der Aufarbeitung der eigenen Sammlung an: Provenienzlücken sollen endlich geschlossen werden – mit Bundesgeldern. Als Präsident der Vereinigung Schweizer Kunstmuseen versucht Frehner zudem, die anderen Häuser im Umgang mit belasteten Kunstwerken auf eine Linie einzuschwören.

Berner Vorstoss bleibt unbeachtet

Ein konkreter Berner Vorstoss in diesem Zusammenhang ist bisher unbeachtet geblieben. Es geht um die Schaffung eines Schiedsgerichts oder eines ähnlichen Gremiums nach deutschem Vorbild.

In Deutschland hat die Bundesregierung 2003 die sogenannte Limbach-Kommission einberufen. Diese tritt bei Streitfällen im Zusammenhang mit NS-Raubkunst als Mediatorin auf und spricht wegweisende Empfehlungen aus (siehe Kasten). «Die Raubkunstdiskussion birgt nicht nur Risiken, sondern auch Chancen. So könnte sich die Schweiz überlegen, sich als internationalen Standort für Provenienzforschung und -beurteilung zu etablieren», sagt Marcel Brülhart, der für Bern im Fall Gurlitt mit den deutschen Behörden verhandelt.

Brülhart spricht von der «Einsetzung eines international besetzten Gremiums». Dies sei notwendig, zumal es sich bei potenziellen Raubkunstfällen oft um «komplexe Indizienlagen» handle, «die im Lichte des historischen Kontextes bewertet» werden müssten. Brülhart sieht in einer solchen Kommission «eine grosse Chance für die Schweiz und den hiesigen Kunstplatz».

Basel wartet, Zürich schweigt

Derzeit weibelt die Dachstiftung von Kunstmuseum und Klee-Zentrum für die Pläne. Kürzlich haben sich Museumsvertreter in Bern zu Gesprächen getroffen. Auf Nachfrage geben sich die meisten Museen allerdings zurückhaltend. «Aus unserer Perspektive ist es im Moment zu früh, über die Schaffung einer solchen Kommission nachzudenken. Wir werden die Entwicklung abwarten und mit Interesse verfolgen», sagt etwa Bernhard Mendes Bürgi, der Direktor des Kunstmuseums Basel. Im Kunsthaus Zürich lässt die Direktion ausrichten, sie sei «an dieser Idee nicht beteiligt» und enthalte sich daher eines Kommentars.

Entschieden dagegen ist Marc Fehlmann, Direktor des Museums Oskar Reinhart in Winterthur. Fehlmann, der demnächst an das Deutsche Historische Museum in Berlin wechselt, hält eine solche Kommission schlicht für «Zeitverschwendung». «Die Rechtslage in unserem Land ist ausreichend. Eine solche Kommission wäre nur ein politisches Instrument», sagt Fehlmann.

Dass eine solche Instanz keine zusätzliche Rechtssicherheit bringe, zeige das Beispiel Deutschlands. Wenn ein Entscheid der Limbach-Kommission einem Anspruchssteller nicht passe, klage dieser trotzdem gegen die heutigen Eigentümer – etwa im Fall des sogenannten Welfenschatzes, einer Sammlung von Reliquien, die 1935 angeblich unter Druck verkauft wurden. «Diese Wildwestmanier ist skandalös, wird von gewissen Anwaltskanzleien bewusst gefördert und hat nichts mit einer Wiedergutmachung von begangenem Unrecht zu tun.»

Unterstützung erhalten die Berner indes vom Basler Historiker und Raubkunstexperten Georg Kreis. «Eine überdachende Kommission wäre zu begrüssen, weil sie durchgehende Standards setzen würde», sagt er. Eine Schiedsgerichtskommission sei nicht nur im Interesse des Bundes, «der in Kulturfragen ja wenig Kompetenzen hat», sondern auch der Museen und Sammler, so Kreis.

Museen in der Pflicht

Gefragt ist der Bund aus Berner Sicht vorab für die Finanzierung des Projekts. Das Lobbying der Berner Parlamentarier läuft längst, gesucht wird der direkte Draht zu Kulturminister Alain Berset.

Mit Erfolg? Noch gibt man sich im Bundesamt für Kultur (BAK) zurückhaltend. Aber man will sich auch nichts verbauen. Benno Widmer, Leiter der «Anlaufstelle Raubkunst», betont die Eigenverantwortung der Museen. «In erster Linie ist es an den Institutionen, bei Raubkunst faire und gerechte Lösungen mit Anspruchsstellern zu finden.» Bereits heute biete das BAK zudem Unterstützung bei Gesprächen mit Anspruchsstellern an. Und laut Widmer haben sowohl die Unesco als auch der internationale Museumsrat in den letzten Jahren Verfahren zur «alternativen Streitbeilegung» geschaffen.

Ob das genügt? Widmer sagt: «Die Schaffung einer solchen Kommission ist auch eine Frage der Verhältnismässigkeit.» Angesichts von Einzelfällen, die in der Schweiz zu erwarten seien, sehe das BAK derzeit «noch keinen Bedarf». Falls sich die Sachlage ändere, werde der Bund seine Position überprüfen. Das heisst: Entscheidend ist, was die Museen in ihren Kellern noch alles finden – und ob sie konsequent suchen.

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