Gemeinfreiheit
2016 verfallen Urheberrechte für Anne Franks Tagebücher

In der Schweiz verfallen die Urheberrechte 70 Jahre nach dem Tod des Verfassers. Das blüht auch den Tagebüchern Anne Franks. 2016 gehört ihr schriftliches Erbe der Gemeinfreiheit – dagegen kämpft der Frank-Fonds.

Elena Manuel
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Anne Frank auf einem Foto von 1941. Ihr Tagebuch wird vom Anne-Frank-Fonds verwaltet. Hollywood muss seine Finger davon lassen.

Anne Frank auf einem Foto von 1941. Ihr Tagebuch wird vom Anne-Frank-Fonds verwaltet. Hollywood muss seine Finger davon lassen.

ZVG/ANNE FRANK FONDS BASEL

Verfallen die Urheberrechte an den Tagebüchern von Anne Frank am 1. Januar 2016, 70 Jahre nach Anne Franks Tod? In der Schweiz ja; in anderen Ländern nicht. Noch ist der Anne-Frank-Fonds (AFF) mit Sitz in Basel Universalerbe der Werke und Verwalter deren Werkrechte. Er bemüht sich nun, die Rechte ergiebig zu verlängern. Dafür wird er in den Medien heftig kritisiert und wirft Fragen auf.

Ist Anne Frank die alleinige Urheberin der Texte, auch wenn ihr Vater die Tagebücher in gekürzter Form 1947, nach ihrem Tod, publizierte? Hat Mirjam Pressler, deutsche Schriftstellerin und Übersetzerin, die 1991 Anne Franks Texte in ihrer Originalform als neue Edition veröffentlichte, nicht auch Rechte an den Texten und deren Übersetzung? Der AFF und Urheberrechtsexperten sind unterschiedlicher Meinung.

Nach dem Tod publiziert

In der Schweiz verfallen die Urheberrechte 70 Jahre nach dem Tod des Verfassers – «auch wenn das Werk postum erschienen ist» , erklärt Emanuel Meyer, Urheberrechtsexperte vom Eidgenössischen Institut für Geistiges Eigentum.

Der Inhalt der Anne-Frank-Tagebücher in seiner ursprünglichen, nicht überarbeiteten Fassung, gehört demnach in der Schweiz ab 2016 der Public Domain, der Gemeinfreiheit. Der Anne-Frank-Fonds sieht dies anders. Yves Kugelmann, Sprecher des Stiftungsrats AFF, erklärt gegenüber der bz, dass die Tagebücher in vielen Ländern aufgrund der geltenden Verordnungen weiterhin geschützt seien und begründet dies unter anderem damit, dass ihre Werke unter die alten Gesetze vor der Harmonisierung des Copyrights 1995 fielen. So würden die Originalwerke der Tagebücher von Anne Frank beispielsweise in England 50 Jahre nach ihrer Erstpublikation gemeinfrei. Also erst 2037, 50 Jahre nach der Erstpublikation der Originalwerke in ungekürzter Version.

Gut der Öffentlichkeit

Schwieriger zu beurteilen ist der Umgang mit den übersetzten Versionen des Tagebuchs, wie sie heute in der Buchhandlung zu kaufen sind. «Ein Richter muss hier entscheiden, ob Mirjam Presslers Edition über eigene Werkeigenschaften verfügt und somit als Bearbeitung einen eigenständigen Schutz geniessen kann», sagt Meyer. Dasselbe gilt auch für die erste, veröffentliche Version, die Anne Franks Vater 1947 herausbrachte.

Die Version, die auf dem Markt erhältlich ist, ist die 1991 publizierte deutsche Übersetzung der Historisch-Kritischen-Ausgabe der Tagebücher von Mirjam Pressler. Die Rechte für die Bearbeitung der Pressler-Edition liegen beim Anne-Frank-Fonds. Somit verfügt dieser noch lange über die Tagebücher — bis 70 Jahre nach Ableben der Übersetzerin. Zudem hat der AFF angekündigt, dass im nächsten Jahr eine neue Edition erscheinen wird.

Kritik am Frank-Fonds

Verschiedene Medien, wie zum Beispiel der «Tages-Anzeiger», werfen dem AFF nun vor, in eigenem Interesse zu handeln. Wenn der AFF die Urheberrechte verlängern wolle, dann nur, weil er damit ein lukratives Geschäft betreiben könne. Diese Vorwürfe weist Kugelmann zurück: «Für uns als Stiftungsrat ist das Geld nur zweitrangig erheblich», sagt er. Die Erlöse fliessen in karitative und pädagogische Projekte; der Stiftungsrat arbeitet ehrenamtlich.

Absage an Hollywood

Der AFF habe viele Anfragen von Produzenten auch aus Hollywood abgelehnt. «Der Stiftungsrat fördert vielfältige und verschiedenartige Zugänge im Umgang mit dem Stoff; diese Bearbeitungen dürfen allerdings die Authentizität des Stoffes und die Integrität der ermordeten Hinterhausbewohner nicht beeinträchtigen.»

Der Anne-Frank-Fonds setzt sich für die Verwahrung der Rechte ein, damit er garantieren könne, dass die Adaptionen so nah wie möglich am Originalwerk verlaufen, da es sich um ein Zeitdokument handelt. Das Tagebuch soll nicht zum «unerkennbaren entkoppelten Opfer von Popkultur» werden.

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