Herr Neeser, nur um mich kurz zu versichern: Ich dürfte dieses Interview mit Ihnen auch veröffentlichen, wenn ich es unter Umständen nicht in "10 Punkt Times New Roman", Ihrer bevorzugten Schrift, werde publizieren können?

Andreas Neeser: Selbstverständlich. 

Da bin ich froh … Sie sind in Schlossrued [ich sage Schlossrüed] geboren und aufgewachsen …

Schlossrued – mit "u". Ja, ein sehr schönes Dorf, vor allem in landschaftlicher Hinsicht. Ich weiss nicht, ob Sie auch schon mal dort waren, aber es liegt in einem V-Tal, dem Aargauer Emmental wie einige sagen. Es ist aber auch ein sehr enges Dorf. Und so waren halt auch die Menschen ein wenig.

Hat diese "beengenden Nestwärme" der "schönen und schrecklichen Dorfwelt" (SRF) mit dazu beigetragen, dass Sie zu schreiben begonnen haben?

Nein, ich habe nie geschrieben, um gegen etwas anzuschreiben. Ich habe seit jeher einfach gerne mit Worten jongliert. Ich halte das auch gar nicht für möglich, dass man gegen etwas anschreiben kann. Schreiben gründet zwar in der Auseinandersetzung mit der Welt, aber man schreibt nicht, um diese Reibungen loszuwerden, sondern um die Welt zu verstehen. Das ist ein Prozess.

An Schlossrued schätzen Sie also die Landschaft. Was bedeutet Ihnen der Aargau, von dem Schlossrued ja ein Teil ist, als Ganzes?

Ich stelle fest, dass ich reflexartig Partei für ihn ergreife, wenn er einmal mehr auf den Kanton der weissen Socken oder der A1 reduziert wird. Denn gerade landschaftlich verfügt auch der Kanton als Ganzes über einen unglaublichen Reichtum: All seine Flüsse, seine Auenlandschaften und Regionen. Ich denke da zum Beispiel ans Fricktal mit seinen blühenden Kirschbäumen ... Und dann hat der Aargau natürlich auch eine sehr vielfältige Kulturlandschaft zu bieten, was sicher auch damit zusammenhängt, dass er kein urbanes Zentrum hat wie zum Beispiel die Stadt Zürich im gleichnamigen Kanton, die alles dominiert. Die aargauischen Städte Aarau und Baden verschlucken nicht alles, sondern lassen das regionale Potpourri bestehen, was ich als einen grossen Gewinn empfinde.

Sie haben vorhin auf den Aargau gemünzte Klischees erwähnt. Auch Schriftstellerinnen und Schriftsteller werden damit immer wieder konfrontiert: Oft imaginiert man sie sich rauchend über ein Notizbuch gebeugt – in der Hand vielleicht noch ein Glas Rotwein. Wie gehen Sie mit solchen Klischees um?

Sie sind absolut irrelevant. Ob ein Schriftsteller jetzt abgewetzte Jeans oder einen modischen Anzug trägt, spielt doch keine Rolle. Gerade als ich in den 90er Jahren zu publizieren begonnen habe, schienen viele zu meinen, dass man als Schriftsteller abgefuckt rumzulaufen habe. Oder dass man kein richtiger Schriftsteller sei, wenn man nicht in einem Loch wohnen würde. Diesbezüglich denke ich jeweils an das berühmte Bild "Der arme Poet" von Carl Spitzweg: Darin liegt der Poet in seinem Bett in einer Kammer, die mehr Loch als Kammer ist. Solche Assoziationen sind vollkommen unnötig. Aber entsprechende Diskussionen lassen sich wohl über jede Berufsgruppe führen und bringen immer gleich viel: nichts.

In "S wird nümme, wies nie gsi isch" erinnern Sie sich an Ihre Bubenzeit in den 1970er Jahren. Inwiefern hat sich der Aargau seit da verändert?

Massiv. Schlossrued und alle Dörfer, die ich kenne, sind komplett anders geworden. Sie sind nicht nur enorm gewachsen, Zuwanderinnen und Zuwanderer aus anderen Schweizer Regionen oder aus dem Ausland haben auch ihre Bevölkerungsstrukturen vollständig verändert, was sich natürlich auch massiv auf die Sprache ausgewirkt hat: Als ich Kind war, konnte man anhand des Dialekts noch ziemlich genau sagen, aus welchem Dorf jemand kam. Heute ist das nicht mehr denkbar. Und ich meine, das hat alles mit der Mobilität zu tun.Früher spielte sich das Leben in der Käserei oder in der Metzg ab. Heute sind an deren Stelle Coop- oder Migros-Filialen getreten. Man mag diese Entwicklungen bedauern. Ich tue es nicht, denn „s wird sowiso nümme, wies nie gsi isch“.

Sie haben soeben den Dialekt erwähnt: Sowohl das vorhin erwähnte Buch als auch "No alles gliich wie morn" und die Anthologie über das Gedicht "Z'Nacht" von Paul Haller, die Sie herausgegeben haben, sind auf Mundart erschienen. Dabei "loten Sie die literarischen Möglichkeiten der Mundart" (Zytglogge-Verlag) aus. Wie würden Sie den Unterschied der Mundart zum Schriftdeutschen beschreiben?

Die Mundart ist in erster Linie eine gesprochene Sprache. Es ist eine Eigenheit der Deutschschweiz, dass ihre Bewohnerinnen und Bewohner immer mit zwei Sprachen leben: Die eine sprechen sie, die andere schreiben sie. Auch in Deutschland gibt es zwar verschiedenste Dialekte, aber nebst diesen und der Schriftsprache existiert auch noch eine Art Umgangssprache.

Was interessiert Sie an der Mundart, wenn sie literarisch mit ihr arbeiten?

Mich interessiert primär nicht die Mundart von heute, sondern meine persönliche Ursprache. Als ich seinerzeit nach Aarau in die Kanti kam, habe ich mich für meine Sprache geschämt. Also habe ich versucht, sie abzustreifen und stattdessen die Aarauer zu imitieren. Ich habe meine Mundart verleugnet. Nachdem ich mich jetzt schon länger mit meiner Herkunft arrangiert habe, kamen mir vor gut acht Jahren plötzlich wieder Worte aus meiner Kindheit hoch, was mich extrem gefreut hat. Durch alle inneren Schichten haben sie sich einen Weg zurück an die Oberfläche gesucht.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel das Wort "verbibääbele", das so viel heisst, wie jemanden zu verwöhnen. Oder "chnoorze". Oder "Mach nid so ne Mauggere" – also, schau nicht so griesgrämig drein. Und eine Unmenge mehr… Das Problem war, dass mich immer mehr Wörter dieser Ursprache überkamen, die ich so lange verdrängt hatte. Und ich schrieb sie alle auf. Aber was sollte ich jetzt mit ihnen tun? Normalerweise habe ich immer zuerst eine Idee und überlege mir dann, wie ich diese sprachlich umsetzen kann. Doch jetzt war es umgekehrt: Ich hatte eine Unmenge an Worten, aber noch keinen Inhalt. Mir wurde dann relativ schnell klar, dass ich sie für meine Jugend- und Kindheitszeit in den 60er und 70er-Jahren verwenden musste, wo sie auch zeitlich anzusiedeln waren. Denn die Mundart von heute ist nicht mehr dieselbe. Sie ist zunehmend geprägt von Einflüssen aus dem englischen Sprachraum und von technischen Begriffen; sie entfernt sich logischerweise zunehmend von dem bäuerischen und handwerklichen Hintergrund, der sie ursprünglich geformt hat.

"Bei den meisten Laien-Autoren, die Mundart schreiben, steht das oft verklärende Nacherzählen der Vergangenheit im Vordergrund … […] Aber Andreas Neeser ist Berufsliterat." (SRF)

Ja, viele schreiben gerne im ausschweifenden "Bluemetröögli-Modus" über ihre Erinnerungen. Mir ging und geht es aber um die Sprache. Um ihre Klänge, um ihren erdigen Charakter. Die Mundart ist dem Boden viel näher als das Schriftdeutsche, welches eher im Kopf anzusiedeln ist. Aber klar, man muss auch die Grenzen des Dialekts kennen. Mit seinem bäuerischen Vokabular lässt sich zum Beispiel kein Science-Fiction-Roman schreiben.

Neben dem Gedichtband "Wie halten Fische die Luft an" ist 2015 auch Ihr erstes Kinderbuch in Zusammenarbeit mit Lea Guidon unter dem Titel "Ravi & Oli in Grünland" erschienen. Wie reagieren die Kinder darauf?

Kinder sind ein sehr aufmerksames Publikum und saugen förmlich alles in sich auf. Ihre Reaktionen sind indes einfach grossartig. Dass Ravi und Oli zwei Ravioli sind, die sprechen können und über Hände und Füsse verfügen, ist für uns Erwachsene ja relativ gewöhnungsbedürftig. Für Kinder ist das aber überhaupt keine Frage. Das zeigt mir, wie heftig unsere Phantasie über die Jahrzehnte eines Lebens hinweg doch beschnitten wird, und erst im Alter merkt man, wieviel von ihr man verloren hat.

Könnten Sie sich vorstellen, weitere Kinderbücher zu schreiben?

Ja, durchaus.

Die Schweizer Illustrierte hat über ein Interview, das Sie mit Ihnen im Jahr 2010 geführt hat, preisgegeben, dass Sie sich im Innersten (trotz all der anderen Genres, in denen Sie sich aufhalten) als Dichter fühlen. Sind es auch aktuell noch die Gedichte, auf die Sie immer wieder zurückkommen?

Wahrscheinlich schon. Ich werde nie ein grossflächiger Erzähler werden und wie die alten Russen über hunderte von Seiten Ereignisse schildern können. Bei mir geht es auch in den Romanen ums Verdichten und um Bilder, die ich mit Sprache zu gestalten versuche.

Auf was richten Sie Ihr Augenmerk vor allem, wenn Sie Schreibseminare geben?

Bei diesen geht es mir primär um die Bewusstseinsentwicklung für die Sprache. Dazu vielleicht ein banales Beispiel: Wenn ich von einem "blauen Himmel" schreibe, was tut dann das Adjektiv "blau" genau zur Sache? Nichts. Denn es ist zu unpräzis und belanglos. Es hat keine Qualität. Man kann es genauso gut weglassen. Ich möchte die Teilnehmenden eines solchen Seminars dazu anregen, die Sprache ernst zu nehmen und sie nicht mit den erstbesten Worten zu prägen, die am Wegrand eines Schreibprozesses liegen.

Zu welcher Tageszeit sind Sie am kreativsten?

Unglücklicherweise beginnt meine kreativste Phase in der Regel erst am Abend. Wenn ich aber im Fluss bin, kann ich immer und überall schreiben, ich kenne dann keine Tageszeiten mehr. Ich habe beispielsweise auch schon während einem Fussballmatch ein Gedicht geschrieben. Und zwar nicht über den Match.