Auch Aarau hat eine Pippilotti Rist

Der Aarauer Künstler Tom Karrer untersucht in seinen cleveren, aber einfachen Videoarbeiten Identität und Gesellschaft – zu sehen im Goldenen Kalb in Aarau.

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Ein Künstler klont sich selber

Ein Künstler klont sich selber

Evelyne Baumberger

«Liebt mich die Kunst? Oder noch wichtiger, liebt mich der Kunstmarkt? Wieso verkauft sich Videokunst so schlecht?» Tom Karrer ist Videokünstler, ein Beruf, von dem ausser Pipilotti Rist kaum jemand leben kann. Und so zeigt der Aarauer in der Galerie Goldenes Kalb in Aarau nicht nur seine Videoarbeiten, sondern hat auch eine Klagemauer eingerichtet, an der Zettel mit Fragen hängen. Damit gibt er nicht nur einen Einblick in die alltäglichen Existenzängste vieler Künstler, sondern zitiert gleichzeitig zwei, die es in materieller Hinsicht geschafft haben: Fischli/Weiss und ihre Arbeit «Findet mich das Glück?» mit den überraschenden, teilweise absurden Lebensfragen.

Selbstironie wendet Karrer in seiner Kunst, die sehr unprätentiös daherkommt, oft an. Zum Beispiel im Video «Den richtigen Moment erwischen». Aus einem Lautsprecher klingen lobende und ermutigende Sätze, vom Künstler selbst mit einer Stimme heruntergeleiert, die alles andere als zuversichtlich klingt. Auf dem Bildschirm sehen wir Karrer doppelt, wie er sich immer wieder zu sich selbst hinbeugt und sich zärtlich küsst. In der Arbeit «Den Dingen seinen Lauf lassen» hingegen verprügelt er sich selber, während ein Monolog zum Thema Schlagen läuft: «Schlag um Schlag tauschen wir uns aus, Schritt um Schritt, Auge um Zahn, Asche zu Asche...»

In allen Filmen und auch in den Fotografien, die er im «Goldenen Kalb» ausstellt, begegnet uns Tom Karrer selbst. Der 32-Jährige ist sich selbst aber nicht nur Darsteller, sondern auch Forschungsobjekt. Identität ist das Thema der meisten seiner Arbeiten: Er klont sich selbst mit digitalen Mitteln für seine Videos, schreibt drei Fotografien, die sich voneinander ganz leicht unterscheiden, alle mit «Original Nr. 4» an, hinterfragt damit seine Identität sowohl als Künstler als auch als Mensch.

Durch die Vervielfältigung seiner selbst thematisiert er aber auch die ganze Gesellschaft; folglich lautet der Titel der Ausstellung «einer unter euch»: Wir sind alle gleich und denken doch jeder auf seine Weise. Wir kommunizieren, manchmal besser, manchmal schlechter. Im Video «Die Sache in die Hand nehmen» stehen sich zwei Tom Karrers in Anzügen gegenüber und schütteln sich lächelnd die Hand wie Politiker, die vor Publikum ihre Einigkeit demonstrieren. Da sie sich aber nur in der digitalen Welt begegnen und ihre Hände sich nicht real fassen, greifen sie immer wieder ins Leere. Eine passende Metapher für die zwischenmenschliche Kommunikation.

Tom Karrer Einer unter euch. Galerie Goldenes Kalb, Aarau.
Bis 17. April.

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