Kultur

«Auch in Fingernägeln steckt ein Stück Seele»: ein Künstler und seine spezielle Sammelwut

Von weitem wirkt sie fast wie von Pelz überzogen: Die Tasse aus Fingernägeln des Künstlers Jan Kaeser.

Von weitem wirkt sie fast wie von Pelz überzogen: Die Tasse aus Fingernägeln des Künstlers Jan Kaeser.

Fleissige Spender haben dem St.Galler Künstler Jan Kaeser über viele Jahren ihre Nägel geschenkt. Jetzt sind sie als filgrane Kunstwerke in der Galerie Bleisch in Arbon zu sehen.

Der Museumskäfer ist sein grösster Feind, genauer: Die Larven dieses Käfers. Sie lieben die Hornsubstanz von Fingernägeln. Die Schächtelchen, in denen Jan Kaeser seit Jahrzehnten geschnittene Fingernägel von rund 120 Spenderinnen und Spendern sammelt, wären ein gefundenes Fressen für diesen Käfer. Der St.Galler Künstler muss also wachsam sein. Seine eigenen Nägel sammelt der 53-Jährige seit seinem dreizehnten Lebensjahr. 2002 hat Kaeser ein Nagelarchiv eingeweiht. Mit achtzig Schächtelchen, in denen er minutiös die Spendernägel aufbewahrt. Der im August verstorbene ehemalige Konservator des Kunstmuseums St. Gallen, Rudolf Hanhart, ebenfalls ein Nagelspender, hatte damals dieser Aktion ein Büchlein gewidmet.

Neben seinem «normalen» künstlerischen Werk sind seither im Stillen Kunstwerke aus diesen Nägeln entstanden, die Jan Kaeser jetzt erstmals in der Arboner Galerie Bleisch zeigt. Für ihn ein mutiger Schritt, habe die Arbeit mit Fingernägeln, mit menschlichem Material, auch viel mit Vertrauen zu tun, das im die Spender entgegengebracht hätten. Nägel werden so zum künstlerischen Rohstoff, der den Künstler eng mit anderen Menschen verbindet.

Aus hartem Stoff werden zarte Kunstwerke

Schon Zarathustra riet, man solle abgeschnittene Nägel vergraben, damit sie nicht in die Hände von bösen Geistern fallen mögen. «In Afrika hätten mir die Menschen niemals ihre Nägel gespendet» sagt Jan Kaeser. Dass in den Nägeln ein Stück Seele stecke, glaubt auch er. Aus harten Nägeln, die aus weichen Hautzellen entstanden sind, hat Kaeser filigrane, zarte, manchmal fast luftig wirkende Kunstwerke geschaffen. In Arbon sind die geschnittenen Nägel etwa zu kleinen Nagelscheren geworden, oder zu speziellen, kegelförmigen Hörnchen-Paaren.

Es ist faszinierend, wie unterschiedlich die Objekte daherkommen, je nach Form, Schnitt, Beschaffenheit, Lackierung, aber auch nach Reinigungsgrad der gespendeten Nägel. Sie sind typische Jan-Kaeser-Arbeiten. Wie in anderen Werken deutet Kaeser Alltagsgegenstände um, zeigt sie in neuem Kontext. Er geht scheinbar Bekanntem genau auf den Grund, probiert auf seine Art, den Dingen so ihr Geheimnis zu entlocken.

Gemessene und individuell empfundene Zeit

Nägel von sechzig Spendern, darunter auch verstorbenen, sind in die Arboner Schau eingegangen. Die Arbeiten im Galerieraum strahlen eine merkwürdige Stille aus. Stille, die auch aus der Langsamkeit des Wachsens dieses Materials resultiert. Eine Armbanduhr ist statt mit Ziffernblatt und Glas mit Fingernägeln bestückt. Mit dieser Arbeit «Menschzeit» thematisiert Kaeser auch den Gegensatz von gemessener Zeit und individuell empfundener Zeit.

Nicht nur die Nagel-Armbanduhr verweist auf einen wichtigen Aspekt dieser speziellen Kunstwerke: Sie sind gespeicherte Lebenszeit. Sind sind organisch Gewachsenes, aber durch den Schnitt auch schon Abgestorbenes. Ein weiterer Fragenkomplex zum Thema Ewigkeit und Vergänglichkeit tut sich da auf. Als seelengeladene, illusionslose Arbeiten bezeichnet Jan Kaeser seine Nagelobjekte selbst. 14 Jahre hat er etwa für eine Nageltasse seine eigenen Nägel gesammelt.

Für ihn ist diese Ausstellung ein spezieller Moment. Er geht mit intimen Dingen an die Öffentlichkeit, mit Dingen, die nirgendwo käuflich sind, und mit Dingen, vor denen sich viele Leute ekeln. Eindrucksvoll sind auch Kaesers Bleistifte, die ganz unterschiedlich mit Fingernägeln bestückt sind. Entstanden sind sie auch aus der Idee, dass beim künstlerischen Arbeiten mit dem Bleistift an den Fingernägeln Abrieb entsteht.

Mit Fingernagelpulver einen Mann verliebt machen

Auf Jan Kaesers Stillleben mit Blumensträussen sind die Blüten der Blumen aus Fingernägeln. Die Hintergrundfarben schimmern durch. Wie Nägel schneidet man auch Blumen ab, die vor dem Verwelken noch in vollster Schönheit dastehen. Kaesers Arbeiten sind Blicke auf Langsamkeit. Was wir als wenig appetitlich erscheinende Nagelreste oft schnell entsorgen, wird hier zu einem Stück neuer Zeitlosigkeit. In diesem Sinne sind die Arbeiten so still wie radikal. Sie schaffen zudem Querverweise zur Idee von Heiligen-Reliquien, aber auch zum (abergläubischen) Brauchtum: So könne eine Frau die Liebe eines Mannes gewinnen, wenn sie ihm ein wenig Nagelpulver in den Wein mische, sagt man in manchen ländlichen Gegenden.

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