Spurensuche

Auktionator Kuno Fischer: «Gurlitt ist nie bei uns vorbeigekommen»

Kuno Fischer ist Geschäftsführer der Galerie Fischer Auktionen AG in Luzern.

Kuno Fischer ist Geschäftsführer der Galerie Fischer Auktionen AG in Luzern.

Der Münchner Kunstfund stehe in keiner Verbindung zur Schweizer Auktion für «Entartete Kunst» von 1939, sagt der Luzerner Auktionator Kuno Fischer. Damals verkaufte Fischers Grossvater im Auftrage der Nazis 125 Bilder «entarteter Künstler».

Führen Spuren von der jetzt entdeckten Sammlung «Entarteter Kunst» von Cornelius Gurlitt nach Luzern?

Kuno Fischer: Soweit ich das überblicke, kann das ausgeschlossen werden. Mein Grossvater Theodor Fischer (1878–1957) hatte 1939 125 Werke sogenannter «Entarteter Kunst» im Auftrag des deutschen Staates verkauft. Diese Werke stammten aus deutschen Museen, und der deutsche Staat war Eigentümer. Es handelte sich dabei nicht um Raubkunst. Die jetzt gefundenen Werke wurden offensichtlich nicht weiterverkauft. Dies, obwohl Hildebrand Gurlitt einer von vier Verwertungskommissären war, die ihre Werke direkt vom NS-Regime bezogen haben. (Siehe Artikel unten rechts)

Wer hatte denn 1939 vermittelt?

Das war ein Verbindungsmann der NS-Regierung. Er ist auf die Galerie Fischer zugekommen, weil es das grösste Auktionshaus der Schweiz war.

War Ihr Grossvater ein Nazi?

Das ist meines Erachtens nicht so. Theodor Fischer hatte meines Wissens keinen direkten Kontakt zur Fröntlerbewegung. Er war als Kunsthändler aber trotzdem auf der schwarzen Liste der Alliierten gelandet. Die Recherchen der Bergier-Kommission haben aber gezeigt, dass mein Grossvater Juden, die aus Deutschland flüchten mussten, geholfen hat.

Wie?

Indem er Kunstgegenstände, aber auch Möbel, Teppiche oder Schmuck von flüchtenden Juden bei sich gratis eingelagert hat. Normalerweise erhoben Auktionshäuser dafür eine Gebühr. Und wenn er die Gegenstände versteigert hatte, überwies er die Erlöse nicht einfach der für den grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr zuständigen Clearingstelle, wie es vorgeschrieben war. Er befürchtete, dass auf diesem Wege die Gelder nie zu den wirtschaftlich Berechtigten gelangt wären.

Hildebrands Nachkomme Cornelius soll Werke dem Berner Galeristen Eberhard Kornfeld 1990 zum Kauf angeboten haben.

Das habe ich auch gelesen.

Cornelius Gurlitt ist nie bei Ihnen vorbeigekommen?

Nein. Ich kenne ihn auch nicht.

Die Galerie Fischer hat also nie Raubkunst verkauft?

Bekannt ist mir nur ein Fall, den die Bergier-Kommission auch im Detail aufgearbeitet hat. Es handelte sich um ein Werk, das die Nazis dem Pariser Galeristen Paul Rosenberg entwendet hatten. Damit wollte der deutsche Staat seine Schulden gegenüber meinem Grossvater bezahlen. Später hat er das Werk an den Waffenproduzenten und Kunstsammler Emil Bührle verkauft.

War denn nicht klar, dass es sich dabei um Raubkunst gehandelt hatte?

Mein Grossvater wurde damals vom deutschen Staat getäuscht. Damals war der Kunsthandel noch weitgehend intransparent. Es gab damals nur sehr wenige Provenienzurkunden, geschweige denn ein Art-Loss-Register, mit dem man hätte überprüfen können, ob es sich bei Objekten um gestohlen oder vermisst gemeldete Kunst handelte.

Wie ging die Geschichte aus?

Nach dem Krieg wurde die Transaktion rückabgewickelt und Emil Bührle musste das Werk zurückgeben. Das Bundesgericht kam zum Schluss, dass mein Grossvater nicht bösgläubig gehandelt hatte, sondern getäuscht wurde. Ihm wurde Gutgläubigkeit attestiert. Dennoch hat die Angelegenheit meinen Grossvater stark mitgenommen. Er hat angeblich die Sache bis zu seinem Tod nie verkraftet.

Wie beurteilen Sie, der Sie die Galerie Fischer nun in dritter Generation führen, den Fund von München?

Das ist eine absolute Sensation. Da sind Werke plötzlich wieder aufgetaucht, die man für verschollen oder vernichtet glaubte. Aus kunsthistorischer Sicht ist das ein Super-Coup.

Freut sich da auch der Kunsthändler, der schon eine Belebung des Kunstmarktes sieht?

Nein. Die Werke kommen wohl noch Jahre nicht in den Handel. Jetzt muss der deutsche Staat erst mal abklären, wem die Werke gehören und allenfalls für eine entsprechende Rückführung sorgen. Gestohlene Werke werden ins Art-Loss-Register aufgenom- men, und der Handel mit dort verzeichneten Objekten ist in der Schweiz verboten. Mit dem Kulturgütertransfergesetz und dieser Regelung besteht in der Schweiz eines der weltweit strengsten Regulative.

Der Staat hat die Gurlitt-Sammlung nun beschlagnahmt. Ist das in Ordnung?

Dies ist Gegenstand der juristischen Abklärungen. Nun gilt die Strafprozessordnung, und die Rahmenbedingung für die Rückführung der Werke ist klar definiert. Es ist dabei zu hoffen, dass die Werke – sofern diese nachweislich nicht Eigentum von Cornelius Gurlitt sind – möglichst schnell und direkt den Berechtigten ausgehändigt werden.

Wieso?

Langwierige Rechtsverfahren kosten viel Geld und Zeit. Ist klar, dass die Erben jüdischer Sammler an den Objekten berechtigt sind, wird der Zeitfaktor wichtig, andernfalls diese meist betagten Erben leer ausgehen. Dies wäre inakzeptabel.

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