Mein Lieblingswerk aus dem Kunstmuseum
Beat von Wartburg: «Nicht nur das Bild ist geheimnisvoll, der Maler ist es ebenso»

Beat von Wartburg, Direktor der Christoph-Merian-Stiftung, stellt sein Lieblingswerk aus dem Kunstmuseum vor. Er wählt Matthias Grünewalds «Die Kreuzigung Christi» um 1515.

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Matthias Grünewald: «Die Kreuzigung Christi» um 1515.

Matthias Grünewald: «Die Kreuzigung Christi» um 1515.

Kunstmuseum Basel/Martin P. Bühler

«Die Kreuzigung von Matthias Grünewald, dieses ebenso dunkle wie farbstrotzende, geheimnisvolle Andachtsbild im Kunstmuseum Basel zieht mich seit meiner Jugend in den Bann. Nicht nur das Bild ist geheimnisvoll, sondern auch der Maler Matthias Grünewald selbst. Über seine wahre Identität streitet die Forschung noch heute. Nur eines ist gewiss, der Künstler, der heute unter dem Namen Matthias Grünewald bekannt ist, hiess nie so. Während andere Maler seiner Zeit profane Bildthemen wählten, besteht sein Werk aus religiösen Motiven, darunter vielen Kreuzigungsszenen. Seine Kunst gehörte zu einem künstlerischen und spätgotischen Universum, das im Zeitalter der Reformation im Untergang begriffen war, er selbst verhielt sich wie ein mittelalterlicher Maler, der hinter seinem Werk zurücktritt.

Beat von Wartburg.

Beat von Wartburg.

Kenneth Nars

Wer den Basler Grünewald sieht, ist in Gedanken immer auch in Colmar im Musée Unterlinden beim Isenheimer Altar, diesem gewaltigen Opus, dem doppelten Triptychon, mit seiner unglaublichen Bildwucht, mit der Kreuzigungsszene, den schauerlichen Figuren, den geheimnisumwitterten Landschaften, der euphorischen farbexplosiven Auferstehungsszene.

Im Antoniterkloster in Isenheim erlebte Grünewald die Gläubigen, Pilger, Mönche und die an der Mutterkorn-Epidemie, dem Antoniusfeuer, erkrankten Dahinsiechenden. Der deutsche Autor W.G. Sebald beschreibt das so:

‹Spätestens mit dem Anfang der Arbeiten / in dem Elsässer Krüppelheim, wo das vielfältigste / Anschauungsmaterial dafür, wie der Mensch / in sich hineinkriecht oder aus sich / heraus will, versammelt war, wird Grünewald, / der ohnehin zu einer extremistischen Auffassung / der Welt geneigt haben muss, die Erlösung /des Lebens als eine vom Leben verstanden haben.›

Die Darstellung der Kreuzigungsszene war ein häufiger Bildtopos gotischer Andachtsbilder. Matthias Grünewalds Darstellung hebt sich von der seiner Vorgänger und Zeitgenossen aber dadurch ab, dass der Leib Christi wie vielleicht nie zuvor derart todeswirklich dargestellt wurde. Die Inszenierung von Tod und Leichenhaftigkeit erinnert uns Baslerinnen und Basler natürlich an Holbeins toten Christus im Grab. Doch Holbein malte seinen Leichnam später und man kann davon ausgehen, dass er von Grünewalds gekreuzigtem Christus in Isenheim inspiriert war.

So sehr der Gekreuzigte im Zentrum steht, die wichtigste Figur auf dem Bild ist der Centurio Longinus, der erste Mensch, der die Göttlichkeit Christi erkannte: ‹Vere filius dei erat ille›, steht wie in einer Sprechblase beim Kopf des römischen Soldaten. Und genau um diesen Moment und um ihn, den Centurio, geht es in Grünewalds Bild. Für die katholische Kirche ist die Szene und die durch die Lanze des römischen Soldaten geöffnete Seite Jesu am Kreuz der spirituelle Ursprungsort, aus dem die Sakramente kommen: ‹ ... einer der Soldaten stiess mit der Lanze in seine Seite, und sogleich floss Blut und Wasser heraus› (Johannes 19,34).

Und noch auf etwas verweisen die entsprechenden Bibelstellen: Auf die Sonnenfinsternis, die sich bei der Kreuzigung zwischen 6 und 9 Uhr ergeben hatte. Und so taucht Grünewald Jerusalem im Hintergrund in tiefe Nacht. Nur schemenhaft kann man die Stadt und einzelne kleine Figuren erkennen, die ganz klein, ganz fein und ganz transparent gezeichnet sind. Sind es Engel oder Auferstandene? Die Figuren irritieren in ihrer Zartheit die Betrachter, weil sie – und die Kunsthistoriker – sie nicht einwandfrei deuten können.

Matthias Grünewalds ‹Kreuzigung› ist ein kleines Bild – durch seine kompositorische und expressive Dichte mit grosser Anziehungs- und Ausstrahlungskraft.

Die Kreuzigung ist bis 18. Februar 2016 im Museum der Kulturen ausgestellt.

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