Kunst
Bei diesen Autos riecht man keine Abgase

Autos, Autos und nochmals Autos. Das Museum Tinguely in Basel inszeniert den «Fetisch Auto», stellt Fotografien und echte Autos aus. Leider gelingt dies nicht mit Vollgas: Zu viele silbrige und schwarze Wagen und zu wenige farbige Flitzer.

Sabine Altorfer
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Vollkommen entspannt liegt dieser Mann auf seinem Auto © Chris Burden. Fotos: Charles Hill
7 Bilder
Nackte Frau und Auto: Das passt © 2011 Pro Litteris, Zürich Foto: Lee Stalsworth
Ein Mann fährt auf dem Highway © Andrew Bush. Courtesy of Yossi Milo Gallery, New York, and Julie Saul Gallery, New York
Franz Gertsch als Pop-Artist: «Françoise» von 1967 Bild: Franz Gertsch
Ein Berg Autoreifen © 2011, Museum Tinguely, Courtesy of the Artist and Galerie Stefan Röpke
Andy Warhols «Optical Car Crash» von 1962 © 2011 Pro Litteris, Zürich
Auto-Fetisch im Tinguely-Museum

Vollkommen entspannt liegt dieser Mann auf seinem Auto © Chris Burden. Fotos: Charles Hill

Zur Verfügung gestellt

Im Park vor dem Museum Tinguely stehen 29 Autos aller Marken. Ordentlich parkiert. Und damit der Rasen nicht Schaden nimmt, auf Holzpodeste gestellt. Es sieht aus wie die Ausstellung eines Occasionen-Händlers, aber es ist eine wohlerzogene, vielleicht typisch schweizerische Variante eines Autokinos. Ein richtiges Drive-in würde ja Lärm und Spuren verursachen. Immerhin, so versprechen die Initianten, dürfe man im Wagen Popcorn essen. Der Preis ist typenabhängig: Pro Abend zahlt man 44 Franken für einen Cinquecento, für den Jaguar mit Lederpolstern aber 66 Franken.

Die grosse Halle des Museums mit seiner Glasfront würde sich ja prima eignen für einen Autohändler. Im repräsentativen Botta-Bau würden sich Edelkarossen ausnehmend gut präsentieren. Doch hier geht es um Kunst, um den «Fetisch Auto». Also steht ein alter VW-Bus als Büchertisch im Foyer und der witzig windschiefe «Renault 25» von Erwin Wurm, dem österreichischen Bildhauer für Sehstörungen, sorgt für ein Schmunzeln. Und er proklamiert: Hier gehts nicht um die schönsten, schnellsten oder besten Autos, sondern um Fragen zum Auto an und für sich. Und es geht auch um das Verhältnis Mensch-Auto. Das verdeutlicht Andrew Bush mit Fotos von Autofahrern in ihren farbigen Blechkisten, die er Anfang der 90er-Jahre aufgenommen hat. Seine Botschaft: So unterschiedlich die Wagentypen und die Menschen sind, beim Lenken eines Autos wirken alle gleich konzentriert, gleich ausgerichtet.

Ein Rad als Grundform

Die Ausstellung selber ist in Form eines Rades angelegt, von dessen Nabe aus man zehn Kabinette betreten kann. Eine hübsche Idee. Die Aufteilung der Räume in Theorie, Kunstepochen und Themen funktioniert aber nur bedingt. Es gibt zu viele Überschneidungen, zu viele Zufälligkeiten, weil die drei Themenkreise verschiedene Ebenen bedienen.
Kommt dazu, dass die Ausstellung von den Bildern her fast so voraussehbar ist wie ein Blick auf eine Schweizer Autobahn: Man sieht vor allem silbrige und schwarze Wagen und selten mal einen farbigen Flitzer.

Genauso wiederholen sich im Museum Tinguely die Bildthemen: Schöne Lackoberflächen, das tiefe Schwarz der Reifen, Schrottpakete als Abgesang auf das Auto, Fotos und Gemälde, die im Geschwindigkeitsrausch jubeln, und noch mehr, die von der Liebe zum Auto berichten.

Die Entwicklungsabteilung

Zur Theorie: Bei «Warenfetisch», «religiöser Fetisch» und «sexueller Fetisch» landen wir quasi in der gesellschaftlichen Entwicklungsabteilung des Autos. Das Statussymbol mit seinen vielen Facetten der Verehrung und Überhöhung, ja der Vergötterung, passt natürlich in alle drei gängigen Fetisch-Nährböden. Oder wie Kurator Roland Wetzel sagte: «Fetischismus muss man schon lange nicht mehr in Afrika suchen, er ist ein Phänomen der westlichen Gesellschaften geworden.»

Das Auto-Kunstarchiv

Es ist lustig, dass in Ghana Särge in Autoform gebaut werden, und man lächelt über die Anekdote, Mercedes seien dafür out, Geländewagen des Typs Hummer aber absolut in. Man empfindet Busslingers Video ästhetisch gekonnt, in dem zum Liebesgeseufze «Moi non plus» die Kamera Autokurven streichelt. Zum Glück gibts aber auch Pipilotti Rist, die etwas Anarchie in die Garage bringt.

Bei den Kunstepochen (US-Pop-Art, Europop, Futurismus) wird auf die Blütezeiten der automobilen Verehrung fokussiert. Die künstlerischen Roaring Sixties erscheinen jedoch müde, wie in den Leerlauf geschaltet. Selbst wenn John Chamberlain Schrottautos zu Skulpturen presste, Mel Ramos' «Kar Kween» als nackte Schönheit mit einer Zündkerze turtelt und Franz Gertschs gelb-grüne «Françoise» knallig hinter dem roten Rennwagen steht. Beeindruckend ist, wie Giacomo Balla schon in den 1910er-Jahren Geschwindigkeitsrausch und Fortschrittsglaube in Gemälde umgesetzt hat.

Die automobilen Nebenstrassen

Die Themenkabinette «Verkehr», «Geschwindigkeit», «Rückzug und Flucht» sowie «Unfall» bringen leider keine neuen Erkenntnisse: Geschwindigkeit ist jetzt blau statt rot, die Fo-tos von Autorennen sind älter und schwarz-weiss, die Autopneus satt gummischwarz. Erheiternd ist hier die Diaprojektion von Ahmet Ögüt. Er verwandelt auf einem Parkplatz mit wenigen Versatzstücken fremde Autos in Polizeiwagen oder Taxis. Leider sieht man die Gesichter der Besitzer nicht. Beim mit Rosen bemalten «Ayaté Car» der Mexikanerin Betsabee Romero denkt man an Hippiekultur und staunt, wenn es in der Erklärung heisst, sie thematisiere «die gescheiterten Hoffnungen an der Grenze zwischen Mexiko und den USA».

Tinguely gibt Gas

Im Untergeschoss huldigt man Jean Tinguelys Liebe zum Automobil. Er hat stets teure Karossen gefahren und war mit Autorennfahrern befreundet. Der 1971 verunfallte Freund Jo Siffert vermittelte ihm den Originalwagen von Rennfahrerlegende Jim Clark. Der gelb-grüne Lotus 25/33 R8 aus den 60er-Jahren stand mit den lebensgrossen schwarzen «Fünf Witwen» von Eva Aeppli jahrelang im Schlafzimmer von Tinguely. Selbst im Museum entfaltet die Arbeit Wirkung. Man hat dasselbe mulmige Gefühl wie nach einer Vollbremsung. Und man merkt, was einem bei «Fetisch Auto» fehlt: Die Schau ist blutleer. Oder anders gesagt, bei diesen Autos riecht man kein Benzin, keine Abgase, da gibts kein Schmieröl und kein Motorengedröhn. Und man vermisst die Lust und den Mut, mal Vollgas zu geben, statt mit angezogener Handbremse durch einen schön abgesteckten Parcours in einer Tempo-30-Zone zu fahren.

Fetisch Auto Museum Tinguely, Basel. Bis 9. Oktober. Informationen und Reservationen fürs Autokino: www.tinguely.ch

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