Realitätscheck

Brauchen die Schweizer Buchhandlungen Zwischenhändler noch?

Das Buchzentrum in Hägendorf führt über 80000 Titel, die in Deutschland nicht erhältlich sind.

Das Buchzentrum in Hägendorf führt über 80000 Titel, die in Deutschland nicht erhältlich sind.

Schweizer Buchhandlungen kämpfen ums Überleben. Und wickeln ihre Geschäfte dennoch via Zwischenhändler BZ ab. Ein Unsinn?

Man muss weder Bücherwurm noch Buchexperte sein, um zu merken, dass die Schweizer Buchhandlungen schon bessere Zeiten gesehen haben. Weit und breit kein Buchhändler, der nicht Grund zu Klagen hätte, und Jahr für Jahr schliessen immer mehr Buchhandlungen ihre Tore. Susanne Jaeggi von der Buchhandlung Librium in Baden fasst das Problem zusammen: «Seit vierzig Jahren werden Bücher immer billiger, unsere Kosten sind aber im Jahr 2015 angelangt.»

Hinter den Schliessungen stecken also selten gewinnmaximierende Manager mit Millionenboni, sondern Afficionados, die sich alles andere als eine goldene Nase verdienen (zum Vergleich: 2012 Betrug das Mindestgehalt für Buchhändler drei Jahre nach der Ausbildung 4197 Franken pro Monat).

Das zeigt: Wenn Buchhandlungen schliessen, dann offenbar, weil der Ertrag nicht mehr zum Überleben reicht. Die Lage ist Ernst. Und noch ernster, seit der Franken-Euro-Entkoppelung: «Der aktuelle Eurokurs hat lange bestehende Problem im Buchhandel verschärft», so Susanne Jaeggi.

Trotzdem bestellen die meisten Schweizer Buchhandlungen ihre Bücher weiterhin treu über den Schweizer Zwischenhändler Buchzentrum (BZ). «Ich bin doch nicht blöd», lautet der Slogan eines Elektronik-Discounters, bei dem man tüchtig sparen kann. Und tatsächlich kann man sich fragen: Warum einen Zwischenhändler zahlen, obwohl einem selbst das Wasser bis zum Hals steht? Eine Frage, die sich noch drängender stellt, weil das BZ seit Januar eigene Ersparnisse durch den Eurokurs zunächst nicht automatisch an die Buchhandlungen weitergegeben hat, sondern sie (individuell berechnet nach Auftragsvolumen und Tageskurs) als Gutschrift teilweise rückerstattete.

Dass Buchhändler «blöd» wären, ist arg zu bezweifeln. Aber sind sie zu nostalgisch? Immerhin haben sie vor 133 Jahren das BZ selbst ins Leben gerufen und halten genossenschaftlich Anteile daran. Wozu aber in aller Welt braucht es ein Schweizer Buchzentrum?

Mal vorausgesetzt, es bräuchte keines. Was wären vier mögliche Alternativen zum BZ im Realitätscheck?

Variante 1 «Toll, ein anderer machts.» Statt einen teuren Zwischenhändler in Anspruch zu nehmen, überlassen Buchhandlungen den Vertrieb den Verlagen. Laut Dani Landolf (Geschäftsführer des Schweizerischen Buchhändler- und Verlegerverbandes, SBVV) ist dies im französischen Sprachraum die gängige Praxis. Jedoch eine Praxis mit schwerwiegenden Folgen für Buchhandlungen in der Schweiz: Da französische Verlage ihre Bücher selber zu festen Frankenpreisen in die Schweiz importieren, sind Schweizer Buchhandlungen den Interessen der Verlage ausgeliefert und müssen sich quasi unterordnen (während ein grosser Schweizer Zwischenhändler durch seine Position für die hiesigen Buchhandlungen bessere Konditionen erwirken kann, da der Verlag auf ihn angewiesen ist.) Das gilt umso mehr, als der überschaubare Schweizer Buchmarkt für die französische Verlagslandschaft eine Quantité négligéable darstellt. Das wird am Buchhandel in der Romandie deutlich, der - beim gleichen Eurokurs in Frankreich und Deutschland - weit mehr ums Überleben kämpft, als jener in der Deutschschweiz.

Variante 2 «Das kleinere Übel.» Die Buchhandlungen steigen vom BZ auf einen günstigeren, hiesigen Zwischenhändler um. Beispielsweise auf die AVA, die dem BZ mit niedrigeren Preisen Konkurrenz macht. Dafür kann die AVA nicht ganz mithalten, was das BZsche Auslieferungstempo angeht. Langsamer und günstiger? Oder schneller und teurer? Diese Frage muss jede Buchhandlung selbst beantworten. Und offenbar gilt in Buchhandlungskreisen nicht nur: «Dä schnäller isch dä gschwinder.» Sondern für manche Buchhandlung eben auch: «Dä gschwinder isch de besser.»

Variante 3 «Sparen in Euroland.» Schweizer Buchhandlungen nehmen per sofort die Dienste deutscher Zwischenhändler in Anspruch und machen sich die günstige Eurozone zunutze, indem so viele Arbeitsschritte wie nur möglich im Ausland abgewickelt werden. Grosse Buchhandlungen wie Orell Füssli/Thalia praktizieren diese Lösung bereits teilweise und sparten damit schon vor der Franken-Euro-Entkoppelung bis zu 15 Prozent. (Zu bemerken bleibt: Die Buchhandelskette OF/Thalia teilt sich gemeinsam mit Ex Libris den Löwenanteil am Schweizer Buchhandlungskuchen und kann darum zu günstigeren Konditionen wirtschaften.) Vom Schweizer BZ auf den deutschen Zwischenhändler KNO umzusteigen, würde zwar Kosten senken, aber auch die Qualität, erklärt Dani Landolf, Geschäftsführer des Schweizerischen Buchhändler- und Verlegerverbandes (SBVV). Zumal die KNO ihr Zentrallager 2014 vom schweiznahen Stuttgart ins nicht mehr nahe Erfurt verlegt hat. Somit wird der Transportweg in die Schweiz um einiges länger.

Die Folge: Konnte man als Leser bisher nachmittags in eine Buchhandlung spazieren, einen Buchwunsch äussern und die Nase bereits am kommenden Vormittag in den Wunschtitel stecken, wäre dies mit einem deutschen Zwischenhändler nicht mehr gewährleistet. Manchmal bleiben Buchtransporte sogar ganz stehen, erklärt Landolf: am Zoll. Doch nicht nur was Buchhandlungen, auch was die Schweizer Literatur angeht, ist das Umsatteln auf einen deutschen Zwischenhändler problematisch. Denn «Das BZ führt über 80 000 Titel, die in Deutschland nicht erhältlich sind», erklärt Buchhändlerin Jaeggi. Die einheimische Literatur wäre (bei einem deutschen Zwischenhändler) ungeliebtes Stiefkind. Vom Schweizer Verlag über Deutschland in die Schweizer Buchhandlungen liefern? Dagegen ist die berühmte nach Athen getragene Eule vergleichsweise noch sinnvoll. Zudem schadet etwas Konkurrenz nie, merkt Landolf an. Ob im eigenen Land oder zwischen BZ und KNO. Denn solange die BZ der KNO Paroli bietet, muss sich der deutsche Zwischenhändler einiges einfallen lassen.

Variante 4 «Totale Freiheit.» Warum verzichten die Buchhandlungen nicht ganz auf einen Zwischenhändler und bestellen direkt via Verlag in Deutschland (wie es etwa das Geschäft mit CDs vormacht)? Damit entfiele die Marge des Zwischenhändlers ganz. Tönt wunderbar. Ist es aber nicht. Denn ab sofort müsste jede einzelne Buchhandlung individuell für den Transport aufkommen, ebenso für Verpackungsmaterial; dazu Inkasso, Bestellungen und Rücksendungen selber verwalten. In keinem Land – ob in der Schweiz oder im benachbarten Ausland – funktioniert der landesweite Buchhandel ohne Zwischenhandel. Denn Zwischenhändler wie das BZ sind durch ihre Spezialisierung effizienter als eine Buchhandlung. Und da sie riesige Mengen an Büchern umschlagen, sind ihre Transportkosten sowie die Kosten für das Verpackungsmaterial ungleich niedriger. Die Ersparnis durch den Direkthandel ohne BZ würde den Mehraufwand der Buchhandlungen kaum rechtfertigen.

Somit scheint es zur Zeit keine bessere Alternative für Schweizer Buchhandlungen zu geben, als die Zusammenarbeit mit dem Zwischenhändler BZ. Doch, wer weiss, was die Zukunft bringt: Papier ist zwar geduldig, doch der Buchhandel rasant im Wandel.

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