Im Theater mit...
Christian Zehnder: «Ich wollte nie Popstar werden»

Der Musiker und Regisseur Christian Zehnder besuchte mit der bz das Musikstück «Like a Rolling Stone»

susanna petrin
Drucken
Teilen
Musiker Christian Zehnder vor dem Schauspielhaus Basel, wo «Like a Rolling Stone» noch eine Weile läuft.Kenneth Nars

Musiker Christian Zehnder vor dem Schauspielhaus Basel, wo «Like a Rolling Stone» noch eine Weile läuft.Kenneth Nars

Zur Person

Christian Zehnder (1961) lebt und arbeitet als Musiker und Regisseur in Basel. Er hat den Obertongesang weiterentwickelt und die alpine Volksmusik neu interpretiert. Zehnder ist vielen als einstige Hälfte des Duos Stimmhorn bekannt. Auf 2014 ist seine zweite Musikproduktion am Theater Basel geplant. (spe)

Was bedeutet Ihnen Bob Dylan?

Christian Zehnder: Als ich zehn war – ich hatte gerade begonnen, Reinhard May zu hören – tauchte mein älterer Bruder mit diesem Dylan-Krächzen auf. Das hat mich fasziniert, obwohl ich es nicht verstanden habe. Später, als ich mich in die Musikgeschichte vertiefte, ging das nicht ohne Dylan. Dylan hat der Poesie im Pop-Song die Tür geöffnet, hat sie literarisch tauglich gemacht, Themen in einer neuen Komplexität behandelt. Über Dylan kam ich auch auf Rimbaud und Baudelaire.

Haben die 60er-Jahre Sie auch politisch geprägt?

Die Inhalte der Popmusik hatten damals viel mehr mit Widerstand zu tun, mit Revolte. Als Kind der 70er Jahre bin ich in einer politischen Zeit aufgewachsen: RAF, Anti-AKW. Dylan war weiterhin aktiv und extrem einflussreich; als politisches Kind in der Pubertät hat man seine Songs gesungen. Überhaupt waren die Heroes der 60er noch sehr präsent.

Wer waren Ihre Vorbilder?

Als Kind hörte ich viel Beatles. Später eher psychedelische Musik, Doors und Jimmy Hendrix, Pink Floyd, David Bowie und Frank Zappa. Es folgte eine Zeit der Ernüchterung, dann rüttelte die Punkmusik alles auf. Ich habe selbst in einer Punkband gespielt.

Ihre Musik heute scheint eher wieder eine Gegenbewegung zur Popmusik zu sein.

Ich bin vom Pop via Klassik, Jazz und Weltmusik zur Neuen Musik gekommen. Parallel begannen mich schon in den 70er-Jahren die experimentellen Formen zu interessieren: Meredith Monk, David Byrne, Brian Eno, Laurie Anderson, später Stockhausen oder John Cage. Ich wollte nie Popstar werden.

Was haben Sie im Stück «Like a Rolling Stone» wiederentdeckt?

Ich muss ehrlich sagen, dass ich nichts Neues für mich entdecken konnte. Alles, was im Stück vermittelt wird, hat einen etwas oberflächlichen Wikipedia-Anstrich. Aber ich wurde wieder mit dem Nostalgischen konfrontiert, das hat man dann wieder gern. Die Lieder sind sehr schön ausgesucht; die musikalische Dramaturgie fand ich sehr fundiert.

Wie fanden Sie die Qualität der Musikeinlagen?

Es hat Charme, wenn die Schauspieler singen. Das Ensemble ist sympathisch und lebendig. Aber die Lieder sind für meinen Geschmack sehr brav umgesetzt. Sie haben jetzt etwas Karaokehaftes. Die Interpretationen wurden nicht neu mit heutigen Mitteln interpretiert, oder, im Gegenteil, radikal unfertig gebracht. Eine trashige Band, die sich verwegen und frei an Dylan versucht, das hätte mir gefallen.

Was kann uns ein Theaterstück heute von dieser Zeit erzählen?

Mich hätte interessiert, wie die heutige Generation diese Zeit sieht. Und wie junge Menschen heute diesem prägenden Song begegnen. Das habe ich nicht erfahren. Die Figuren im Stück sind schon hundert Mal durch Filme geschleift worden. Wenn sie unter Regisseur Tomas Schweigen zu Karikaturen werden, ist das zwar lustig und lustvoll gemacht, aber es findet nirgends eine Durchdringung statt. Ich bekam keinen erhellenden Blick auf diese Zeit, sondern verbrachte eher eine Google-Stunde mit ihr. Für meinen Sohn ist das vielleicht noch spannend. Aber für meine Generation ist es zu wenig. Anscheinend hat die Truppe etwas anderes interessiert, oder sie wollten einfach einen schönen Abend mit tollen Songs. Den Leuten gefällt das, viele haben getobt. Aber der Schritt ins Musical-Theater ist von hier aus nicht mehr gross. Mir persönlich ist das in einer Bildungsstätte zu wenig.

Paradoxerweise wirkt die Darstellung dieser aufmüpfigen, rebellischen Zeit brav und gefällig.

Diese Aufmüpfigkeit funktioniert heute nicht mehr. Die Schauspieler können tun was sie wollen, sie können nackt und furzend auf die Bühne treten, das löst nichts mehr aus. Witzig fand ich, als einer der Gruppe zugab, er habe nicht gewusst, dass Dylan noch lebe. Diese Unbedarftheit, diese Ehrlichkeit hat mir gefallen. Ein hochemotionaler Moment war für mich, als am Ende der Song lief. Der hat immer noch eine solche Kraft. Aber er entlarvt auch alles, was vorher auf der Bühne passiert ist.

Das Lied spielt das Stück an die Wand.

Ja, das tut mir leid, aber da ist Schweigen, dessen Arbeit ich generell sehr schätze, selbst über den Song gestolpert. Und wenn ich etwa an den Film «I’m not there» denke, muss ich sagen: Es gibt schon Massstäbe bei diesem Thema.

Wenn Sie ein Stück über Dylan und über seine Zeit inszenieren müssten, wie sähe es aus?

Mich interessiert, wie so ein Pop-Song entsteht. Oder mir kommt spontan die Idee, das Stück nach Tokio in einen Karaoke-Raum zu versetzen. Japaner, die Dylan-Songs singen und sich mit dem fernen Geist einer anderen Zeit und Kultur auseinanderzusetzen beginnen. Das Lied stellt für mich auch die Frage nach Bob Dylan und seinem Privatleben. Da gibt es noch so viel Dunkles und Unergründetes.

Konventionen brechen, radikal Neues ausprobieren – gibt es das heute überhaupt noch im Theater oder in Kultur und Kunst?

Es ist schwieriger, weil die meisten Tabus gebrochen worden und die Genres verschmolzen sind. Aber es gibt die Möglichkeit, noch stärker in die Tiefe zu gehen. Das Theater kann sich immer neu erfinden, es gibt immer wieder Produktionen, die etwas aufknacken, abgefahren und frisch sind; die gleichzeitig Tiefe haben und Spass machen. Ich finde es auch in Ordnung, wenn etwas auf hohem Niveau scheitert. Wenigstens wird der Versuch gemacht, neue Sichtweisen zu öffnen oder einen Gedanken ungewohnt aufzufächern. Bob Dylan zum Beispiel, der konnte verstören. Ich werde im Theater gerne ein wenig verstört.

Im Theater mit der bz Was sagt ein Ökonom zu einem Wirtschaftsdrama, was die Slawistin zu einem russischen Stück, was ein Theaterurgestein zu modernster Theaterästhetik? In der Serie «im Theater mit» besucht die bz verschiedenste Stücke mit verschiedensten Menschen und spricht danach darüber.

Im Theater mit der bz Was sagt ein Ökonom zu einem Wirtschaftsdrama, was die Slawistin zu einem russischen Stück, was ein Theaterurgestein zu modernster Theaterästhetik? In der Serie «im Theater mit» besucht die bz verschiedenste Stücke mit verschiedensten Menschen und spricht danach darüber.

bz

Aktuelle Nachrichten