Kunst

Christoph Blocher soll ein Raubkunst-Gemälde besitzen

In Christoph Blochers Sammlung: Ferdinand Hodler, «Lied aus der Ferne», 1914, 180×129 cm.

In Christoph Blochers Sammlung: Ferdinand Hodler, «Lied aus der Ferne», 1914, 180×129 cm.

SVP-Chefdenker Christoph Blocher besitzt Raubkunst, wie die linke Wochenzeitung in ihrer jüngsten Ausgabe berichtet. Das Bild «Lied aus der Ferne» von Ferdinand Hodler soll im zweiten Weltkrieg zwangsverkauft worden sein.

In Winterthur sind aktuell 83 Gemälde aus der Sammlung von Alt-Bundesrat Christoph Blocher zu sehen. 83 von rund 400 Werken, mehrheitlich von Albert Anker und Ferdinand Hodler. Sie alle hat der Unternehmer und Politiker in den letzten 30 Jahren gekauft. Nicht zu sehen ist sein Hodler-Bildnis «Lied aus der Ferne» von 1914. Vielleicht mit gutem Grund. Denn wie gestern in der Wochenzeitung «WOZ» zu lesen war, steht das Bildnis unter Raubkunst-Verdacht.

Hodler

Das Figurenbild war einst im Besitz des jüdischen Industriellen Max Meirowsky. Er musste es zusammen mit anderen Werken 1938 im Auktionshaus H. W. Lange in Berlin verkaufen, um die Reichsfluchtsteuer (25 Prozent des Vermögens) bezahlen zu können, wie die «WOZ» schreibt. Nur so konnte Meirowsky Deutschland verlassen. Für Ferdinand Hodlers «Lied aus der Ferne» – im Katalog damals als «Ferner Klang» aufgeführt – bekam er 2800 Reichsmark. Er flüchtete nach Holland, dann in die Schweiz.

Auf der Suchliste

Heute sucht die Stiftung Max Meirowskys das Gemälde auf der Plattform Lost Art. Die «WOZ» hat anhand des Schwarz-Weiss-Fotos auf Lost Art (vom 1938er-Auktionskatalog) und eines aktuelleren Fotos aus dem Schweizerischen Institut für Kunstwissenschaft SIK in Zürich festgestellt, dass dieses Werk in den letzten Jahren in der Schweiz verkauft wurde.

Christoph Blocher zeigt seine Kunstschätze – ist das Wahlkampf im Museum?

Christoph Blocher zeigt seine Kunstschätze – ist das Wahlkampf im Museum?

Christoph Blocher bestätigte der «WOZ», dass er das Gemälde besitzt: «Wir haben vor Jahren eine solche Hodler-Variante durch Vermittlung einer namhaften Kunstgalerie erworben, nachdem dieses Bild in öffentlichen Ausstellungen – zum Zeitpunkt des Erwerbs in einem deutschen Museum – gezeigt wurde.»
Wo und wann und für wie viel Blocher das Hodler-Gemälde gekauft hat, wissen wir nicht. Jedenfalls ersteigerte er es nicht auf einer Auktion, diese Verkäufe werden publiziert. 

Christoph Blocher wisse um die Raubkunstvorwürfe, er habe Jahre nach dem Kauf von dritter Seite davon gehört, schrieb er der «WOZ»: «Seither sind der Sachverhalt und die rechtliche Situation in Abklärung. Sie werden verstehen, dass ich, bevor diese abgeklärt sind, keine Auskünfte gegeben werden.»

Die Anwältin der Meirowsky-Stiftung habe bisher aber nichts von Christoph Blocher gehört. Sie wolle ihn nun anschreiben «und eine faire und gerechte Lösung finden», sagte sie der «WOZ». Laut der Anwältin war Blochers Bild letztmals 2002 in der Kunsthalle Hamburg ausgestellt und sei nachher von der Bildfläche verschwunden.

Mehr als heikler Kauf

Ob Blochers «Lied aus der Ferne» Raubkunst ist oder nicht, ob der Verkauf von Meirowsky unter Zwang erfolgte und wie eine faire Lösung aussieht (Restitution, also Rückgabe oder Abgeltung), werden Anwälte aushandeln müssen. Klar ist nur, dass ein Sammler sich beim Kauf eines Kunstwerkes, das vor 1933 gemalt wurde, absichern muss. Selbst wenn er es bei einem «namhaften» Händler oder Auktionshaus erwirbt. Dazu gehört zwingend ein Online-Check auf Lost Art.

Aber man muss auch die Provenienz prüfen. Ist die Liste der Vorbesitzer vollständig? Gehörte das Werk vor 1933 einem deutschen (oder französischen, österreichischen oder holländischen) Sammler? Gar einem mit jüdischem Namen? Wechselte das Werk zwischen 1933 und 1945 den Besitzer? Durch wen (es gab «spezialisierte» Händler für Nazi-Raubkunst)? Gibt es nur ein einziges Ja, dann müssen die Alarmglocken läuten. Wer diese Fragen nicht stellt, handelt nicht nur blauäugig, sondern fahrlässig oder einfach besitzgierig.

Bei Hodlers «Lied aus der Ferne» ist die Identifikation gar nicht so einfach, hat er doch zwischen 1906 und 1917 mehrere Varianten gemalt – und ähnliche blau gekleidete Frauenfiguren auch für andere symbolistische Gemälde verwendet, etwa für «Blick ins Unendliche». Eine Studie dazu besitzt Blocher auch: Sie ist in Winterthur ausgestellt.

Beim «Lied aus der Ferne» schreibt die «WOZ» nach Rücksprache mit dem Hodler-Spezialisten Paul Müller vom SIK von drei Varianten: Einer im Kunsthaus Zürich, einer im Genfer Musée d’art et d’histoire und jener im Privatbesitz von Christoph Blocher. Vergessen gegangen sind aber die erste Variante im Kunstmuseum St. Gallen von 1906 und eine in der Staatlichen Kunsthalle Mannheim.

Bevor nun aber auch diese Museen unter Raubkunstverdacht geraten: Das Kunsthaus Zürich hat sein «Lied» 1919 erhalten als Geschenk von Alfred Rütschi, St. Gallen hat seines bereits 1906 erworben und in Genf kam es zwar erst 1999 an die Stadt und ins Museum, aber durch eine Schenkung von Nachkommen des Hodler-Schülers und Sammlers David Schmidt.

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