Zirkus

Clown Gaston gibt seinen Abschied - der doch keiner ist

So hat man ihn über die Jahrzehnte kennen und lieben gelernt: Clown Gaston in voller Aktion.

So hat man ihn über die Jahrzehnte kennen und lieben gelernt: Clown Gaston in voller Aktion.

Gaston tritt im Zirkus auf, seit er 16 Jahre alt ist. Nun ist er einer der bekanntesten Clowns der Schweiz – und auf Abschiedstournee. Das Ende seiner letzten Saison im Zirkus Nock naht, doch völlig aufgeben wird er die Clownerie nicht.

«Dass am Ende dieser Tournee Schluss ist, kommt für mich wie gerufen. Ich hätte für die langen Saisons sowieso nicht mehr genügend Energie gefunden», sagt Gaston, als ich ihn an diesem lauen frühherbstlichen Nachmittag einige Stunden vor der Vorstellung im Zirkus Nock treffe. «Der Zirkus ist heute halt einfach ein hartes Pflaster», erzählt er und weist auf die Probleme hin, die den Zirkusleuten in der heutigen Gesellschaft Sorgen bereiten. Oft sind Vorstellungen nicht ausverkauft, die Zuschauer fehlen. Das Interesse am Zirkus schwindet.

Während früher der Zirkus die Attraktion in der Stadt war, haben die Menschen heute zahlreiche andere Möglichkeiten, sich anderweitig anhand eines gleichwertigen Ersatzes zu amüsieren. Für die Artisten im Zirkus keine einfache Situation. Die Reaktionen und Feedbacks bleiben aus. Die nötige Motivation zu finden, wird immer schwieriger. Dazu kommt die acht Monate dauernde Saison, in der während der etlichen Vorstellungen kaum Raum für andere Aktivitäten oder Hobbys bleibt.

Neben der schwindenden Wertschätzung hat sich der Zirkus zudem intern verändert. So wurden zum Beispiel die bekannten Nummerngirls abgeschafft, welche jeweils die nächste Attraktion ankündigten und von Ab- und Aufbauarbeiten im Hintergrund ablenkten; oder wurden die Auftritte von Tieren vor allem in den letzten Jahren massiv reduziert. Aber auch die Figur des Clowns durchlief eine Entwicklung.

Die traditionellen Zirkusclowns, die in ihren Auftritten versuchten, eine Geschichte mit klarem Anfang und Ende zu erzählen, gibt es immer weniger und werden von moderner Comedy sowie Strassenclownerie ersetzt. Gaston ist also sozusagen einer der Letzten seines Faches. Zusammen mit seinem Manege-Partner Roli Noirjean verkörpert er das klassische Clown-Kollektiv, welches sich aus dem «Weissclown» und dem «dummen August» zusammenstellt.

Noirjean lernte Gaston bei einem privaten Treffen von Clowns aus der ganzen Schweiz kennen. «Ich habe ihm gesagt, er sehe aus wie Oliver Hardy und solle sich ein paar seiner Videos kaufen und diese studieren, damit wir vielleicht einmal gemeinsam ein paar Auftritte machen könnten: ‹Ich als Stan Laurel und du als Oliver Hardy›.» Da Gaston und sein damaliger Partner einen dritten Gefährten suchten, kamen sie auf die Idee, für die kommende Saison Noirjean an Bord zu holen, der damals als Werbeclown beim Circus Nock beschäftigt war.

Vor Beginn der neuen Spielzeit zog sich Gastons bisheriger Partner aber vollständig aus dem Zirkusgeschäft zurück, sodass Gaston und Noirjean alleine dastanden. Innerhalb von drei Wochen musste das Duo ein neues Programm einstudieren und sich aufeinander abstimmen, wobei ein Mammutprogramm inklusive zahlreicher Kostümwechsel und Musikinstrumente auf die beiden wartete. Gaston reflektiert: «Am Anfang war es schwierig, aber letztlich hat es funktioniert. Unsere Partnerschaft besteht nun immerhin seit 16 Jahren.»

Clown von klein auf

Gaston war für Noirjean in der Manege wie eine Vaterfigur. Denn im Gegensatz zum noch eher unerfahrenen Roli verfügte Gaston zu diesem Zeitpunkt schon über reichlich Erfahrung im Zirkusbusiness. Angefangen hatte dabei alles in Spanien, als der sechsjährige Gaston, der aus einer echten Zirkusfamilie stammt, während der Tournee eine kleine Rolle im Programm des auftretenden Clownduos einnehmen durfte.

Wie anderen zum Beispiel das Ballgefühl oder die Akrobatik als Talent in die Wiege gelegt werden, spielte Gaston schon von klein auf am liebsten den Clown. In der Schule sagten sie über Gaston, dass er der «fertige Clown» sei, und im Militär war er selbstverständlich das «Kompaniekalb». Sein grosses Vorbild war sein Grossonkel. Aber erst mit 16 Jahren fing Gaston hauptberuflich an, im Zirkus die Menschen zum Lachen zu bringen. Einige Jahrzehnte später gehört er zu den bekanntesten und besten Schweizer Clowns.

Noch immer als Clown tätig

Clown Gaston steht am Ende seiner Laufbahn. Obwohl: Ganz mit Zirkus aufhören wird er trotzdem nicht. Er wird weiterhin im Zürcher Winterzirkus Conelli zu sehen sein. Einem Elitezirkus, in dem Artisten aus der ganzen Welt auftreten. Im Zirkus Conelli war es auch, als Gaston einen der peinlicheren Momente seiner Karriere erlebte: «Während der Wartezeit haben wir einmal Schach gespielt und waren so ins Spiel vertieft, dass wir unseren Auftritt verschlafen haben. Alle haben gerufen, die Musik wurde schon abgespielt, aber wir haben rein gar nichts gemerkt.»

Wer Gaston ein letztes Mal im Zirkus Nock sehen möchte, hat noch bis zum 11. Oktober Zeit, bis die Tournee über Büsserach und Liestal weiterzieht.

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