Buchmarkt

Das E-Book ist tot, es lebe das gedruckte Buch

Mit einem Umsatz von jährlich 148 Milliarden US-Dollar erwirtschaften die Buchproduzenten mehr als die Kino- oder Tonträger-Industrie. Michael Probst/AP/Keystone

Mit einem Umsatz von jährlich 148 Milliarden US-Dollar erwirtschaften die Buchproduzenten mehr als die Kino- oder Tonträger-Industrie. Michael Probst/AP/Keystone

Die Digitalisierung in der Branche flacht ab, das gedruckte Buch boomt – zumindest in Schwellenländern.

Die anachronistischen Neuigkeiten kamen ausgerechnet aus dem Land der Zukunft. Aus den USA. Dem Land, das wie kein anderes als Vorreiter der Digitalisierung im Buchmarkt galt. Dem Land, in dem jeder Vierte Literatur via E-Reader konsumiert. Und nun das: In den ersten fünf Monaten 2015 brach der Umsatz mit digitalen Inhalten um 10 Prozent ein. Hat das Buch die digitale Zukunft bereits hinter sich?

Die Momentaufnahme aus dem US-Büchermarkt signalisiert, dass der grosse Digital-Boom im Büchermarkt tatsächlich vorbei ist und zwar viel früher als angenommen. Nicht nur in den USA. Auch in der Schweiz. Für Dani Landolf, Geschäftsführer des Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verbandes, ist klar, «dass digitale Bücher in der Schweiz niemals diesen Anteil erreichen werden, von dem wir noch vor 5 Jahren sprachen». 50 Prozent werde er bald betragen, hiess es da. Nur eine Frage der Zeit sei es, bis das gedruckte Buch verschwinde.

Heute sagt Landolf: «Ich und andere Branchenkollegen, mit denen ich an der Frankfurter Buchmesse sprach, rechnen mittelfristig mit 15 Prozent Digital-Anteil.» Heute liegt er gemäss Schätzungen zwischen sechs und acht Prozent. Noch steigt die Zahl der digitalen Leser in der Schweiz zwar, beim grössten Schweizer Buchhändler Orell Füssli Thalia gegenüber dem Vorjahr im mittleren zweistelligen Prozentbereich. Doch das hat einen Grund. Pressesprecher Alfredo Schilirò sagt: «Der E-Book-Markt in den USA hat immer rund 2½ Jahre Vorsprung auf den Schweizer Markt.» Das Ende des Digital-Booms im Schweizer Buchmarkt kommt also mit angekündigter Verspätung. Die totale Digitalisierung, wie sie andere Unterhaltungs- und Kulturbranchen erfasst, wird beim geschriebenen Wort ausbleiben.

«Das Buch ist wie der Löffel»

Damit unterscheidet sich die Literatur klar von der Musik. Dort hat in der Schweiz der digitale Umsatz im ersten Halbjahr 2015 zum ersten Mal die CD-Verkäufe übertroffen. Die Digitalisierung hat bei der Musik allerdings viel früher und schrittweise eingesetzt, von der Schallplatte über die CD und schliesslich zum MP3-Format und dem Streaming. Das Buch ist dagegen auch heute noch aus Papier. Die «NZZ» nennt es ein «Fetisch- und Kultobjekt». Der Schriftsteller Umberto Eco sagt: «Das Buch ist wie der Löffel, der Hammer, das Rad oder die Schere: Sind diese Dinge erst einmal erfunden, lässt sich Besseres nicht mehr machen.» Kein Mensch denkt bei Literatur an einen E-Reader.

Verändert hat die Digitalisierung den Buchmarkt trotzdem und zwar fundamental, insbesondere die Verlage. Sie schlossen sich in Furcht vor den Internetgiganten Amazon, Google und Co. panisch zu immer grösseren und internationaleren Konzernen zusammen. Es begann 1998 mit der Übernahme des US-Verlags Random House durch den deutschen Berthelsmann-Konzern. Was die Macht und Grösse der Konzerne angeht, ist der Kampf aussichtslos. Der Analyst und Buchmarkt-Experte Rüdiger Wischenbart schreibt in einem Gastbeitrag in der Zeitung «Die Welt»: «Selbst die grössten Konzernverlage müssen erkennen, wie bescheiden ihr Gewicht im Vergleich zu jenen Internet-Giganten ist.» Der weltweit grösste Verlag, Penguin Random House, erwirtschaftet jährlich einen Umsatz von 3,3 Milliarden Euro. Der Online-Versandhändler Amazon einen Umsatz von 89 Milliarden Euro.

Stagnation eines Statussymbols

Noch immer sind Bücher ein gewaltiges Geschäft. Mit einem Umsatz von jährlich 148 Milliarden US-Dollar erwirtschaften die Buchproduzenten mehr als die Kino- oder Tonträger-Industrie. Nur im TV-Markt wird noch mehr Umsatz gebolzt. Zwar haben Wirtschaftsprüfer des Unternehmens McKinsey errechnet, dass die globalen Ausgaben für Bücher zwischen 2008 und 2013 stagnierten, doch es gibt immer noch Wachstumsmärkte. Zu ihnen zählen aufstrebende Schwellenländer wie China, Brasilien oder Indonesien (Gastland an der Frankfurter Buchmesse), wo sich eine wachsende Mittelschicht die Regale mit Büchern füllt. Ein Alleinstellungsmerkmal wird das Buch immer haben, etwas, das kaum ein anderes Kulturprodukt im selben Masse vorweisen kann. Status. Man zeigt, was man liest. E-Books lassen sich einfach schlecht ins Bücherregal stellen.

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