Paris
Das Museum aus dem Windkanal

Mitten im Pariser Stadtwald wird die Stiftung Louis Vuitton für zeitgenössische Kunst eröffnet. Pariser Medien sehen in der Fondation eine kristalline Wolke, eine schiefe Zeltstadt oder einen geflügelten Walfisch.

Stefan Brändle aus Paris
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Ein mysteriöses Gewirr aus Stahl, Glas und Holz: Mit der Eröffnung der Fondation Louis Vuitton erhält Paris ein neues Wahrzeichen.

Ein mysteriöses Gewirr aus Stahl, Glas und Holz: Mit der Eröffnung der Fondation Louis Vuitton erhält Paris ein neues Wahrzeichen.

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Von weitem scheint es, als hebe sich der Panzer eines vorsintflutlichen Ungetüms aus dem Bois de Boulogne, dem Pariser Stadtwald. Aus der Nähe richtet sich der Bau dann wie ein Schiffsbug in die Höhe. «Ein herrliches Flaggschiff, das die kulturelle Berufung Frankreichs symbolisiert», meint sein Schöpfer, der amerikanisch-kanadische Stararchitekt Frank Gehry.

Mit der Eröffnung der Fondation Louis Vuitton erhält Paris ein neues Wahrzeichen, das sich – nein, nicht über die berühmten Dächer von Paris, sondern über dessen Bäume am westlichen Stadtrand ausbreitet. Pariser Medien sehen darin eine kristalline Wolke, eine schiefe Zeltstadt oder einen geflügelten Walfisch, während es der Volksmund bereits «Eisberg» nennt – vielleicht auch in Anlehnung an die kalte Aura des Initiators Bernard Arnault, Herrscher über den weltgrössten Luxusgüterkonzern LVMH. Die zwei ersten Lettern bedeuten «Louis Vuitton», die anderen stehen für den Champagner Moët und den Cognac Hennessy.

Zumindest bei Sonnenlicht ist das eisige Prädikat etwas unfair: Dann zeigt sich die Stiftung als filigranes und doch mysteriöses, hochkomplexes, aber nicht überfrachtetes Gewirr aus Stahl, Glas und Holz, an dem das Auge stets Neues entdeckt. Elf Säle mit insgesamt 3850 Quadratmeter Fläche erlauben periodische Schauen und die Ausstellung von Arnaults eigener Sammlung an zeitgenössischer Kunst.

«Ein Geschenk für Frankreich»

So leichtfüssig das Gebäude daherkommt, birgt es doch mehr Stahl als der Eiffelturm, was allein seine Enormität belegt. Das Schwierigste war aber nicht der Bau, sondern die Vorarbeit am Computer. Der von Einfällen sprudelnde Gehry hatte wie schon beim Guggenheim-Museum in Bilbao Dutzende seiner 50 Projekte vorgelegt, und Kapitän Arnault nahm selbst Einfluss auf das Konzept. Spannungen waren da programmiert, gerieten aber nur gerüchteweise an die Öffentlichkeit. Die Software stammte zum Teil vom Baukonzern Vinci, zum Teil sogar vom Flugzeugbauer Dassault; das letzte Baumodell wurde gar im Windkanal getestet, um seine Haltbarkeit zu gewährleisten.

Das alles hatte seinen Preis: Die Baukosten betrugen offiziell 100 Millionen, Experten zufolge wohl eher das Doppelte. Für Arnault, der mit knapp 30 Milliarden Euro zu den reichsten Menschen der Welt gehört, war das ein Pappenstiel. In 50 Jahren geht seine Stiftung in öffentlichen Besitz über. «Zweifellos ein einzigartiges Beispiel von Mäzenatentum», ehrt sich der LVMH-Gründer selbst und nennt das Ganze «ein Geschenk für Frankreich».

Diese Bemerkung ist auch ein dezenter Tritt ans Schienbein des alten Rivalen François Pinault, seinerseits Herr über ein Luxusgüterimperium namens Kering und mit knapp 10 Milliarden Euro auf dem Vermögenszähler. Das Dumme ist: Auch er liebt und sammelt nicht nur rentable Luxusunternehmen, sondern zeitgenössische Kunst. Pinault kaufte 2005 (für ähnlich vernachlässigbare 29 Millionen Euro) den Palazzo Grassi in Venedig; dort stellt er heute seine Kunstsammlung sowie andere Künstler aus. Als guter Franzose wollte er sein Palais ursprünglich in Paris ansiedeln, doch infolge der bürokratischen und teils auch politischen Hürden zog er schliesslich entnervt nach Venedig, das ihn mit offeneren Armen empfing.

Reihe von Einsprachen

Arnault zeigt nun Pinault, wie man es in Frankreich macht. Er musste sich zwar auch mit einer Reihe von Einsprachen herumschlagen, da sich viele Bürger im chicen Pariser Westen gegen den skurrilen, so gar nicht an das Haussmann-Paris gemahnenden Gehry-Bau im Bois de Boulogne wehrten. Zuerst erwirkten sie sogar die Annullierung der Baubewilligung.

Darauf vermachte der 65-jährige Arnault die Fondation Louis Vuitton ab dem Jahr 2064 taktisch geschickt der Hauptstadt. Damit zog er die Stadtväter und -mütter wie Bürgermeisterin Anne Hidalgo auf seine Seite, und die änderten flugs das Pariser Urbanismus-Reglement. Die Baubewilligung wurde darauf erneuert, die Rekurse zielten ins Leere. In Sachen Kunstsammlung steht das Fernduell damit zwischen den Milliardären Arnault und Pinault 2:1. Dagegen scheint das Ausstellungsprogramm der Vuitton-Stiftung fast sekundär. Geplant sollen etwa Ellsworth Kelly (USA) und Olafur Eliasson (Dänemark/Island) sein. Die Konservatoren rechnen mit 800 000 Besuchern im Jahr, bei einem Eintrittspreis von 14 Euro. Doch darum geht es Bernard Arnault nun wirklich nicht.

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