Portrait
Dem Teufel vor den Zug gesprungen

Evelinn Trouble überlebte den Sprung auf ein Zugdach. Jetzt will die junge Schweizer Musikerin sich mit und trotz ihrer Eigenwilligkeit international durchsetzen.

Susanna Petrin
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Evelinn Trouble auf dem Album "Arrowhead".

Evelinn Trouble auf dem Album "Arrowhead".

AZ

Evelinn Trouble ist kein nettes Mädchen. Ihre Musik drückt aus, was wir uns oft nicht auszuleben trauen, und weckt zugleich eine grosse Sehnsucht danach: intensive Gefühle, ein freies Leben, wild und rücksichtslos. «I’m on Fire», «Just a Fever», «Touching Air». Farbig ist ihr Haar; ungeschliffen ihre Lieder; charismatisch ihre Auftritte. Die 26-jährige Sängerin wirkt bestimmt und verletzlich, melancholisch und draufgängerisch. Und wütend, auch das, immer wieder. «Alternative Psychedelic Rock» ist die Definition für ihren Stil, der Kategorien sprengt.
Dieser Eindruck emotionaler Intensität und starken Lebenshungers sind nicht nur Projektionen eigener Wünsche. Sie sagt es auch im Gespräch: Intensität ist, was sie sucht, lebt – und weitergibt. «Das Leben ist dramatisch, Songs auch.» Wer nichts zu sagen habe, solle nicht auf die Bühne: «Eine gewisse Dringlichkeit brauchts.» Sie denke: «Es könnte noch intensiver sein», das Leben. «Aber es ist besser als auch schon.» Gerade habe es Fahrt aufgenommen – mit vielen Konzerten und Projekten; bald folgen ein neues Album und eine Tournee – das sei nicht immer so gewesen.

Sprung auf ein Zugdach

Vor vier Jahren schien ihre Karriere stillzustehen – und damit auch ihr Leben. Es war im Juli nach einem Konzert in einem besetzten Haus in Zürich, nicht einmal ihre Freunde seien gekommen. Was sie danach tat, erscheint ihr heute «wie eine Trotzreaktion meiner Psyche; ich wollte, dass etwas geht». Evelinn Trouble sprang beim Bahnhof Hardbrücke auf das Dach eines fahrenden Zugs. Ein Lichtbogen bildete sich zwischen der Fahrleitung und ihrem Körper, eine elektrische Entladung. «Das überlebt man eigentlich nicht.» Evelinn Trouble überlebte. Sie zog sich allerdings schwere Verbrennungen zu. «The devil threw me on the tracks, to help me get back on my feet», singt sie später im schlichten «Magic Friends».
Nach ihrem Sprung von der Brücke sei sie sehr dankbar gewesen, am Leben zu sein. Sie habe bewusster, intensiver gelebt. «Aber irgendwann verflüchtigt sich dieses Lebensgefühl leider wieder.» Obwohl: Die Verbrennungen hätten sie lange täglich daran erinnert. «To all my magic friends, it’s going up again, you’re all under my skin, it’s growing back again.»
Evelinn Trouble weiss Kitsch zu verhindern, weiss, wann sie aufdrehen kann, wann sie sich zurücknehmen muss. Sie ist sehr talentiert, sehr ehrgeizig; will ein grösseres Publikum erreichen, internationale Bekanntheit. Aber sie möchte es schaffen, ohne künstlerisch Kompromisse einzugehen, ohne sich zu verbiegen. Trouble will mit all ihren Eigenheiten unter den Grossen bestehen können. Ohne Sicherheitsgurte. Vor zweieinhalb Jahren ist sie deshalb von Zürich nach London gezogen.

Zählt heute zu den hiesigen Stars

Seit sie im Ausland ist, wird sie in der Heimat immer bekannter: Wie selbstverständlich war sie unlängst Teil der «Bob Dylan Birthday Party» am Schweizer Fernsehen, als es hiess: «Schweizer Stars singen Dylans Lieder» – und ihre Interpretation von «Love Sick» war hinreissend. Letzten Sommer tourte sie mit Rapper Stress, früher arbeitete sie mit Sophie Hunger. Fürs neuste sperrig-schöne Konzeptalbum «Arrowhead» erhielt sie begeisterte Kritiken. Und fürs nächste organisiert das Basler Musikmanagement «Radicalis» ihr eine Tournee. Trouble setzt auf bessere Planung, eine Professionalisierung ihrer Karriere. Drogenverzicht gehört dazu.
Nicht zum ersten Mal ist sie zudem Teil eines Theaterprojekts: Bei Thom Luz’ «Unusual Weather Phenomena Project» ist auch Troubles Stimme ein aussergewöhnliches Phänomen. Sie sei in diese Theaterprojekte reingerutscht; inzwischen könne sie sich sogar vorstellen, mal eine Rolle zu übernehmen. Doch bei Konzerten habe sie «viel mehr Spielraum für Spontanität», auf Manipulation wolle sie da verzichten: «Ich möchte die Leute genuin mitreissen.»
Seit sie denken könne, habe sie gesungen. Mit 13 begann Evelinn Trouble – damals noch als Linnéa Racine, wie sie eigentlich heisst – Songs zu schreiben und gründete ein Punk-Rock-Trio. Ihre Maturarbeit war ihr erstes Musikalbum. Ihr nächstes Album soll zum ersten Mal etwas fröhlicher sein. Auch für ihr eigenes Seelenheil, denn die Lieder haben eine Rückkoppelung auf ihren Zustand. Etwas leichter, und trotzdem tief: «Es darf nicht trivial werden, das ist die Herausforderung.» Sie nennt es, bisher, «Hope Music».

Evelinn Trouble ist dieses Wochenende mehrfach in Basel zu erleben:
Freitag bis Sonntag, 3. bis 5. Juni, in der Kaserne beim Theaterabend «Unusual Weather Phenomena Project», und heute Nacht als Topact beim Imagine-Musikfestival um
22.30 Uhr auf der Klosterhof-Bühne.
http://www.evelinntrouble.com/

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