Der Feind des Vaters ist das Idol des Sohnes

Literatur Mit «Der Feind meines Vaters» gelingt Almudena Grandes ein spannender historischer Roman über die Franco-Zeit

Sabine Altorfer
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Gewalt und Gegengewalt prägen das Leben des neunjährigen Nino in Almudena Grandes’ Roman über Francos Spanien 1947.

Gewalt und Gegengewalt prägen das Leben des neunjährigen Nino in Almudena Grandes’ Roman über Francos Spanien 1947.

Key/Rue des Archives

Der Krieg sei seit 1939 vorbei, sagt zwar Dorflehrer Don Eusebio den Kindern immer wieder. Doch es wird weiter gefoltert und gemordet. Die Zeiten unter Francos Regime 1947 in Spanien sind schrecklich, der Alltag in den Bergen Andalusiens hart. Der neunjährige Nino und seine Schwestern dürfen manchmal die Wohnung nicht verlassen, damit sie als Kinder eines Polizisten der Guardia Civil nicht sehen, was draussen passiert – aber auch, damit ihnen nichts passiert. Der Druck ist gewaltig, die Angst gegenwärtig, keiner traut dem anderen. Eine vergiftete, eine explosive Atmosphäre. Und dazu ist das Klima unerbittlich, wie Almudena Grandes’ Nino gleich im ersten Satz ihres Romans klarstellen lässt: «Die Leute sagen, in Andalusien sei es immer warm; in meinem Dorf aber froren wir uns im Winter zu Tode.»

Ein Abenteuerroman

Doch trotz all der Düsternis, Kälte und Gewalt: Das Buch «Der Feind meines Vaters» wirkt tröstlich, manchmal gar heiter, man schmunzelt oft, auch wenn man mitleidet. Und vor allem liest man es voller Spannung.

Almudena Grandes schafft das, indem sie den neunjährigen Nino als Hauptfigur einsetzt, ihn mit einem heiteren Gemüt ausstattet und einem naiven, aber durchaus nachvollziehbaren Glauben an das Gute und an die Zukunft. Die Geschichte ist in Ich-Form geschrieben, wirkt kindlich und doch nicht anbiedernd.

Grandes schreibt im Vorwort, «Der Feind meines Vaters» sei ein Abenteuerroman im klassischen Sinne und er basiere auf Tatsachen. Sowohl Nino wie die zweite heimliche Hauptfigur des Romans, der Widerstandskämpfer Cencerro, sind historisch belegte Figuren. Nino ist ein Freund der Autorin und Cencerro eine Legende des Franco-Widerstands, der die Guardia Civil und die Armee immer wieder narrte, der wie ein Robin Hood aus den Bergen kam, in den Dörfern auftauchte und in den Bars und Kneipen (begehrte) signierte Geldscheine – «so zahlt Cencerro» – hinterliess.

Cencerro ist der Feind von Ninos Vater – im Grunde aber auch sein heimliches Idol. Denn anders als seine Freunde will Nino später nicht zur Guardia Civil. Und wenn sein Vater sich nichts sehnlichster wünscht, als dass der Kleine, der Carajita, endlich wachse, um die Mindestgrösse für die Rekrutierung zu erreichen, so fühlt der sich als Kleiner wohl und geschützt. Er stromert herum, spielt Fussball – und beobachtet.

Nino ist ein exzellenter Beobachter. Doch vieles überfordert ihn. Er begreift den Kampf nicht, sieht das Elend der Witwen, die Todesangst und Ohnmacht der Eltern und hört von den Gräueltaten. Und er tröstet in der Nacht seine kleine Schwester, wenn das Schreien der Gefolterten durch die Kaserne der Guardia Civil dringt. «Es ist nichts, Pepica, sie zeigen nur einen Film, und als ich log, klang meine Stimme besser.»

Pepe, die Hoffnung

Erst in Pepe, dem einsiedlerischen Portugiesen, findet er einen väterlichen Freund, dem er seine Zweifel, seine unbeantworteten Fragen stellen oder mit dem er einfach Krebse fangen, baden und fischen kann. Und seine Schreibmaschinenlehrerin – auch sie eigentlich eine Rubia, eine Oppositionelle – leiht ihm Bücher. Von Jules Verne zum Beispiel, den er verschlingt, der ihn träumen lässt. Ihre (verbotenen) historischen Romane schärfen sein Geschichtsverständnis. Doch als Sohn des Polizisten ist er auch der Feind der Franco-Gegner. «Für einen Jungen wie mich würde es in Fuensanta de Martos kein Pardon geben, nicht in der Sierra Sur, nicht in der Provinz Jaén, nicht in Andalusien und nicht in ganz Spanien. Weder Erbarmen noch eine Zukunft.»

Historische Dokumentation

Almudena Grandes (52) gilt als eine der grossen Romanautorinnen Spaniens. Bereits mit ihrem Debüt «Lulu, die Geschichte einer Frau» landete sie als 29-Jährige auf den Bestsellerlisten. Der Spanische Bürgerkrieg und die Zeit Francos waren auch in ihrem letzten, 2010 auf Deutsch erschienenen Roman «Das gefrorene Herz» die Leitthemen.

Grandes schreibt in «Der Feind meines Vaters» mit viel Nähe zu Nino, mit vielen Dialogen, sodass die Leserin mitten im Geschehen dabei ist. Und im Gegensatz zum gross angelegten Familienepos «Das gefrorene Herz» verzettelt sich die Geschichte nicht, sondern bleibt geschickt fokussiert. Trotz der Kinderperspektive ist die Sprache nicht simpel, sondern hält sich in guter Balance von Knappheit und Detailliebe, von mündlicher Direktheit und vorwärtstreibender Dynamik. Der Roman liest sich zugleich als historische Recherche, als fesselnde Geschichte über ein bei uns wenig bekanntes Kapitel der spanischen Vergangenheit.

Der Roman endet etwas abrupt mit einem Wiedersehen von Nino und dem Portugiesen Pepe Jahrzehnte später. Ihre neuen Rollen mögen im ersten Augenblick überraschen. Aber eigentlich hat sie die geschickte Erzählerin Almudena Grandes in vielen Details über 400 Seiten schon angelegt.

Almudena Grandes Der Feind meines Vaters. Hanser, 2013. 400 S., Fr. 27.90.

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