Ausstellung

Der Lichtmaler William Turner kehrt zurück in die Schweiz

Der englische Landschaftsmaler des 19. Jahrhunderts und Meister des Lichts für einmal lieblich: Auch so hat William Turner den Vierwaldstättersee mit der Rigi im Hintergrund gesehen.

Der englische Landschaftsmaler des 19. Jahrhunderts und Meister des Lichts für einmal lieblich: Auch so hat William Turner den Vierwaldstättersee mit der Rigi im Hintergrund gesehen.

Sechs Mal ist der Londoner Landschaftsmaler William Turner (1775-1851) in die Schweiz gereist, um Fels, Eis, Wind und Wetter zu studieren. Nun lädt das Kunstmuseum Luzern zu einer Schau mit rund 100 daraus entstandenen Werken, die weit über die Romantik hinausweisen.

William Turner, heute der wohl bekannteste britische Landschaftsmaler, war 27 Jahre alt, als er erstmals in der Schweiz weilte - und damals längst kein unbeschriebenes Blatt mehr.

Mit 15 hatte er sein erstes Aquarell an der Royal Academy ausgestellt, mit 21 sein erstes Ölbild, "Fishermen at Sea". Letzteres steht in der Luzerner Ausstellung "Turner. Das Meer und die Alpen" nicht am Anfang, sondern am Schluss.

Nachdem man gesehen hat, mit welcher Intensität der Maler die oft bedrohliche Kraft der Natur in immer abstrakterer Kühnheit darstellte, fällt auf: Auch auf diesem frühen Nachtgemälde ist das Meer im Mondlicht schon sehr bewegt, schaukeln die damals noch detailliert ausgeführten Fischerboote nicht beschaulich auf den Wellen. Zudem ragen im Hintergrund schwarz die Felsen auf, an denen sie leicht zerschellen könnten.

Turner war ein Maler, der für "delightful horror" sorgte, "wohligen Schauer" beim Anblick von Gefahr auf Bildern, die in sicheren, warmen Bürgerstuben hingen. Dafür stehen auch seine Gemälde von der Schöllenenschlucht und vom Niedergang einer Lawine in Graubünden. Den Künstler faszinierten die Elemente. Nicht als Kulisse gestaltete er die Natur, sondern als machtvolles, lebendiges Wesen.

Partnerin Tate Gallery

"Das Wetter war gut, er erlebte herrliche Gewitter in den Bergen", berichtete einer von Turners Lehrern über die erste Reise seines einstigen Schülers in die Schweiz. 1802 hatte Turner eine kurze Friedensphase während der napoleonischen Kriege genutzt, um auf dem Kontinent die Sujets zu suchen, die ihn besonders interessierten: Landschaft und Licht. In Luzern schlug er sein Basislager auf.

"Welcome back, Mr.Turner!", begrüsst ihn nun ein grosses Transparent am KKL beim Luzerner Bahnhof, wo sich das Kunstmuseum befindet. Was der britische Künstler an den Ufern des Vierwaldstättersees in Skizzenbüchern festgehalten und später in seinem Londoner Atelier umgesetzt hatte, wurde für die Ausstellung aus der weiten Welt zurückgeholt.

Denn die wenigen Bilder des Alpenmalers, die in Schweizer Sammlungen eingegangen sind, zählt Fanni Fetzer, Museumsdirektorin und Kuratorin der Schau, demonstrativ an einer Hand ab. Wichtig war für sie vor allem, die Londoner Tate Gallery als Partnerin zu gewinnen, da dort Turners Nachlass verwaltet wird.

Idyllen und Tourismus

Wer bei William Turner nur das romantische Idyll sucht, liegt falsch. Trotzdem wird man in der Luzerner Ausstellung immer wieder verführt von lieblichen Aquarellen mit Sujets wie die Rigi oder den späten "Seestücken", Ölgemälden, auf denen sich jegliche Kontur aufgelöst hat in Licht und Farbe. "Turner wollte damit die alten holländischen Meister übertrumpfen", erklärt Kuratorin Fanni Fetzer und betont, dass er zugleich interessiert gewesen sei am Fortschritt seiner Zeit: "Er war kein moderner Maler, aber er hat die moderne Welt gemalt."

Die Industrialisierung war für William Turner kein Schreckgespenst. Er stellte sie schon in seinem Frühwerk dar und profitierte von der Verschmutzung der Luft, in der Russpartikel das Licht reflektierten und die Sonnenuntergänge an der Themse in besonders leuchtenden Farben erstrahlen liessen.

Mit 69 Jahren reiste Turner zum letzten Mal in die Schweiz. Sein Spätwerk war umstritten, doch das kümmerte ihn wenig. Längst hatte er mit den damals beliebten Kupferstichen und einer Professur an der Royal Academy sein Geld gemacht. So geschäftstüchtig er war, so geschäftig entwickelt sich die Schweiz damals als Tourismus-Destination.

Heute sind 70 Prozent der Gäste im Kunstmuseum Luzern Touristen. Zur Zeit finden sie dort keine Alpenklischees, sondern Bilder einer Landschaft, die in rasch wechselnden Wetterlagen und Lichtverhältnissen immer wieder neu, anders und so auf gewisse Weise auch unfassbar wirkt.

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