Bob Dylans Nachfolger
Der Nobelpreis für Literatur geht an Kazuo Ishiguro – er glaubte an einen Scherz

Der neue Literaturnobelpreisträger Kazuo Ishiguro hat im Laufe seiner bisherigen Schriftstellerkarriere nur acht Romane veröffentlicht - wobei der bis dato letzte, "Der begrabene Riese" (2015), ganze zehn Jahre auf sich warten liess. Und doch hat der auf Englisch schreibende Autor weltweit Millionen Fans, was nicht zuletzt auch dem Kino zu verdanken ist.

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Kazuo Ishiguro gewinnt den Nobelpreis für Literatur 2017.

Kazuo Ishiguro gewinnt den Nobelpreis für Literatur 2017.

ANDREU DALMAU

Bereits sein Romandebüt "A Pale View of Hills" (1982, "Damals in Nagasaki" auf Deutsch 1984) machte ihn schlagartig zu einem Namen auf dem internationalen Literaturmarkt. Es spielt in Ishiguros Heimatstadt Nagasaki, wo der Literaturnobelpreisträger am 8. November 1954 geboren wurde.

Allerdings verliess Ishiguro Japan mit seinen Eltern bereits als kleiner Bub, da der Vater als Ozeanograf eine Stelle in Grossbritannien bekam. So wuchs der spätere Literat südlich von London auf und kehrte erst als Mittdreissiger 1989 für einen Besuch nach Japan zurück.

Eine Karriere als Autor hatte Ishiguro dabei anfänglich gar nicht im Sinn. Vielmehr wollte er nach Abschluss der Schule in Londoner Pubs als Gitarrist, Sänger und Pianist reüssieren. Ishiguro arbeitete ein Jahr lang im Tross der "Queen Mum", der Mutter von Königin Elizabeth II., reiste durch die USA und Kanada und fand schliesslich einen Job als Sozialarbeiter in Schottland.

Kazuo Ishiguro glaubte an einen Scherz

Die BBC war schneller als das Nobelpreiskomitee: Als Kazuo Ishiguro den Anruf der BBC erhielt, dachte er zunächst an einen Scherz. Der offizielle Anruf der Schwedischen Akademie hatte ihn nämlich noch nicht erreicht.

"Es ist eine überwältigende Ehre, vor allem, weil es bedeutet, dass ich nun in die Fussstapfen der grössten Autoren trete, die gelebt haben. Das ist also eine grandiose Referenz", sagte der Autor laut BBC-online.

Er hoffe, dass die Nobelpreise einen positiven Einfluss haben könnten, denn die Welt befinde sich in unsicheren Zeiten. Er wäre zutiefst bewegt, wenn es ihm gelänge, zu einer neuen positiven Atmosphäre mit beitragen zu können.

Mit "The Buried Giant" etwas ganz Neues begonnen

Erst seit 1983 widmet sich der Schriftsteller voll und ganz dem Schreiben. Und das äusserst erfolgreich: Für "The Remains of the Day", sein wohl berühmtestes Buch über einen alternden Butler, bekam der Schriftsteller 1989 den Booker-Preis. Der breiten Öffentlichkeit wurde der Roman spätestens mit James Ivorys gleichnamiger Verfilmung aus dem Jahr 1993 ein Begriff, für die Emma Thompson und Anthony Hopkins vor der Kamera standen.

Auch die Horrorvision "Never Let Me Go" ("Alles, was wir geben mussten", 2005) über als Organspender herangezogene Klone wurde 2011 unter anderem mit Keira Knightley und Sally Hawkins verfilmt. Und schliesslich arbeitete Ishiguro selbst zeitweilig für das Kino und schrieb etwa das Drehbuch für Ivorys Drama "The White Countess" mit Ralph Fiennes.

Der Chemie-Nobelpreis ging an Schweizer Jacques Dubochet:

Chemie-Nobelpreis geht an Jacques Dubochet
6 Bilder
Neben Dubochet wurden auch Joachim Frank (Bild) und Richard Henderson ausgezeichnet.
Die drei Gewinner: Dubochet, Frank und Henderson (von links).
Dubochet arbeitet an der Universität Lausanne.
Das Nobelpreiskomitee verkündet die Nobelpreisgewinner am Karolinska-Institut in Stockholm.
Dubochet forscht an der Mikroskoptechnik.

Chemie-Nobelpreis geht an Jacques Dubochet

KEYSTONE

Wie vielgestaltig sein Oeuvre sein kann, stellte Ishiguro auch mit seinem jüngsten Roman "The Buried Giant" unter Beweis, der an der Nahtstelle zwischen Fantasy und Realismus angesiedelt ist und im England des 6. Jahrhunderts, dem Land der Ritter und Drachentöter, spielt.

"Das Grandiose ist, wie Ishiguros Roman alle Gattungsgrenzen sprengt und das, was gerade noch sicher schien, nach und nach fraglich macht", zollte bei Erscheinen Daniel Kehlmann in der "F.A.Z." dem Kollegen Respekt.

Der Kontakt zum inneren Kind

Insgesamt wurden die Werke des frisch gebackenen Literaturnobelpreisträgers in mehr als 40 Sprachen übersetzt und verkauften sich millionenfach. Für ihn persönlich sei es dabei wichtig, den Kontakt zu seinem inneren Kind auf der Reise ins Erwachsenenleben nicht zu verlieren, räsonierte der Autor vor zwei Jahren beim Cheltenham Literature Festival: "Indem man sich davon wegbewegt, verliert man vielleicht etwas."

In seinen 30ern sei der Gedanke des Abschieds von der Kindheit noch in Ordnung gewesen: "Jetzt mit fast 60 ist er etwas deprimierend." Vielleicht tröstet da der Nobelpreis über manch dunkle Stunde hinweg.

Letztes Jahr gewann Bob Dylan den Literaturnobelpreis. Zu reden gab damals vor allem, dass Dylan sich nicht meldete und den Nobelpreis persönlich erst drei Monate später abholte. Dylan wurde für seine poetischen Neuschöpfungen in der amerikanischen Songtradition ausgezeichnet. Er habe "den Status einer Ikone" und einen tiefgreifenden Einfluss auf die zeitgenössische Musik, begründete die Jury damals. (sda)

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