Ausstellung

Der orientalische Turban als importierte Ikone des Prunks

Das Brustbild eines Mannes in orientalischer Kleidung (1635) diente Rembrandt wohl vor allem als Herausforderung, den Turban prunkvoll ins Licht zu stellen.

Das Brustbild eines Mannes in orientalischer Kleidung (1635) diente Rembrandt wohl vor allem als Herausforderung, den Turban prunkvoll ins Licht zu stellen.

Der Titel «Rembrandts Orient» ist in mehrfacher Hinsicht Programm: Die Ausstellung im Kunstmuseum Basel zeigt, wie die niederländischen Altmeister des 17. Jahrhunderts sich vom Reiz dieser fremden Welt einnehmen und zu eigenen Bildinszenierungen verleiten liessen.

Im Brustbild eines Mannes in orientalischer Kleidung offenbart Rembrandt Harmensz van Rijn das, was ihn als Künstler so einzigartig macht: Unnachahmlich ist das dramatische Spiel von Licht und Schatten, und ungemein fein ziseliert ist die Stofflichkeit des abgebildeten Motivs, das die Realität zu übertreffen scheint. Jedes noch so feine Fältchen des wuchtigen Turbans ist so genau wiedergegeben, dass man das Ganze beim Betrachten zu spüren scheint.

Die Turbane der Reichen und Mächtigen im "Orient" mögen ja prunkvoll gewesen sein - so wolkig wohl aber kaum, meinte Bodo Brinkmann, Altmeister-Kurator am Kunstmuseum am Medienrundgang vom Donnerstag. Rembrandt ging es nicht darum, die Welt der östlichen Handelspartner zu illustrieren, er gab sich vielmehr der Faszination für das Fremde hin. Das Bild zeigt denn auch keinen echten "Orientalen", sondern ein niederländisches Modell im entsprechenden Outfit.

Porträts von Bürgern im orientalischen Outfit

Hierbei war der grosse Meister, der sein Heimatland - soweit man weiss - nie verlassen hat, bei weitem nicht allein. Weitere Künstler, die in der Ausstellung ebenfalls vertreten sind, und auch das Grossbürgertum, das im goldenen Zeitalter zu Reichtum gekommen war, erlagen der Faszination des Fremden. Kunstvolle Teppiche und Säbel schmückten ihre Häuser, sie liessen sich auch gerne mal im Seidenrock und Turban porträtieren.

Mehr noch: Ganze Familien standen Modell für Nachstellungen von alttestamentarischen Szenen. Das Fremde wurde zwar geschätzt und im Sinne von Statussymbolen integriert, an den anderen Kulturen war man aus der eurozentrischen Sichtweise heraus aber nicht wirklich interessiert. Geschweige denn an den negativen Begleiterscheinungen der westöstlichen Handelsbeziehungen wie Sklaverei, Unterdrückung oder kriegerischer Gewalt.

Natürlich übten gewaltvolle Szenerien auf die Künstler eine Faszination aus. Diese entnahmen sie aber nicht aus zeitgenössischen Ereignissen, sondern aus Geschichten aus dem Alten Testament, die sich gut mit orientalischen Versatzstücken ausschmücken liessen. Etwa bei Rembrandts Darstellung der Steinigung des heiligen Stephanus - das erste bekannte Gemälde des Künstlers, das noch von der Freude an Action-Szenerien geprägt war.

Zum Nachdenken anregen

Die von Gastkurator Gary Schwartz initiierte Ausstellung "Rembrandts Orient. Westöstliche Begegnungen in der niederländischen Kunst des 17. Jahrhunderts" möchte aufgrund der rund 120 gezeigten prachtvollen Werke aber auch zum Nachdenken über den noch immer sehr präsenten Eurozentrismus anregen. Und dieses überlassen sie nicht nur der Interpretationsfähigkeit des Publikums und den diesbezüglichen Texten im Katalog.

Im November soll ein Podcast mit dem Titel "Rembrandt, habibi" die Ausstellung aus einer explizit postkolonialistischen Perspektive begleiten. Verantwortlich für diesen Podcast, bei dem verschiedene Akteurinnen und Akteure der aktiven und wissenschaftlichen Kunstszene zu Wort kommen, ist Amina Aziz, eine Spezialistin für die Themenschwerpunkte Autorin und Moderatorin zu den Themenschwerpunkten Klassismus, Post-Kolonialismus, Feminismus, Rassismus, Antisemitismus, Inklusion und Popkultur.

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