Literatur
Dickes Brett zwischen dünnen Planken

In Noah Hawleys Thriller «Vor dem Fall» wird ein Flugzeugabsturz zum philosophischen Rätselspiel.

Peter Henning
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Noah Hawley schreibt bereits am Drehbuch seines Romans. Leah Muse

Noah Hawley schreibt bereits am Drehbuch seines Romans. Leah Muse

Leah Muse

«Eine gute Geschichte sollte mit einem Knalleffekt beginnen!», sagte kürzlich der amerikanische Schriftsteller und Drehbuchschreiber Noah Hawley in einem Interview. Sein aktueller und inzwischen fünfter Roman «Vor dem Fall» tut es – und er ist gut. Sehr gut sogar, denn in Hawleys Büchern mischt sich regelmässig das Beste des Romanciers mit dem Besten des Drehbuchschreibers. Rasantes Erzählen paart sich da mit staubtrockenen Dialogen, sodass man sich verwundert fragt, weshalb dieser Romanschreiber noch immer als Geheimtipp gilt. Denn als Drehbuchschreiber ist Hawley, seit er 2014 den Filmklassiker «Fargo» der Coen-Brüder fürs US-Fernsehserienformat adaptierte, eine grosse Nummer.

Der Kerl vollbrachte das nicht kleine Kunststück, den ebenso grotesken wie philosophischen Thriller der Genre-Erneuerer von 1996 in eine neue, eigenständige Handlung zu überführen, ohne dabei das Original billig ins Bezahlfernsehen zu übertragen oder gewissenlos zu fleddern. Das Resultat ist eine rabenschwarze Typenkomödie, die es bereits in zwei Staffeln gibt – und die ebenso als blutiger Thriller funktioniert wie als amerikanisches Sittengemälde: Feinkost für anspruchsvolle Serien-Junkies. Im Moment schreibt Hawley an der dritten.

Atmosphäre des Zufälligen

«Ich bevorzuge Geschichten, die überraschen und unvorhersehbar sind und sich ständig verändern, sodass sie den Leser oder Zuschauer verunsichern», sagt Hawley, dessen Romane «Die Heiratsschwindlerin» (2004) und «Der Vater des Attentäters» von 2014 hierzulande aber kaum Beachtung fanden. «Denn dadurch entsteht eine Atmosphäre des Zufälligen und der Bedrohung.» Eine Mixtur, die auch sein Roman «Vor dem Fall» präsentiert, indem er die Drastik und die Wucht eines James Ellroy mit der zeitdiagnostischen Tiefe Don DeLillos mischt.

«Ich dachte beim Schreiben an ‹L.A. Confidential› von Ellroy», erklärt der 1967 in New York City geborene Hawley, der 1994 nach San Francisco zog, erste Storys schrieb und sich dem Schriftstellerkollektiv «San Francisco Writer’s Grotto» anschloss. Und so liest er sich auch. Ambitioniert, ein dickes Brett zwischen lauter dünnen Planken. «Meine Geschichte sollte wie ein Stromschlag ins Bewusstsein des Lesers rauschen. Und zwar gleich mit dem ersten Satz.» Das tut sie. Denn tatsächlich besitzt Hawleys Roman so ziemlich alles, was einen kommenden Bestseller ausmacht: Tempo und sprachliche Dichte – gepaart mit einem Helden, dessen aberwitzige Geschichte geradezu danach schreit, auf der Kino-Leinwand zu landen. Wie man hört, schreibt Hawley bereits an der Drehbuchfassung. «Wir leben in einer Zeit, in der man uns mit Geschichten regelrecht überschwemmt», sagt er. «Also muss man sich was einfallen lassen, um da nicht unterzugehen mit seinem Buch.»

Prosa ohne ein Gramm Fett

Und Hawley hat sich etwas einfallen lassen. Denn «Vor dem Fall» ist gut abgehangen, Prosa ohne ein Gramm Fett. Er tut es mit einer Geschichte, die da ansetzt, wo Romane über Flugzeugkatastrophen wie «Nachtflug» von Nelson DeMille aufhören und sich mit dem reisserischen Heruntererzählen ihrer Plots begnügen. Denn Hawley geht weiter. Er erzählt seinen Stoff eines Flugzeugabsturzes, bei dem neun Menschen sterben, aber ein ex-alkoholkranker Maler und ein kleiner Junge wie durch ein Wunder überleben, als beissende Medienkritik und bitteren Abgesang auf deren Zynismus.

Langsam, wie in Zeitlupe, rollen die Bilder an, nachdem die Maschine des Medienmoguls David Bateman achtzehn Minuten nach ihrem Start in Richtung New York vor der Südküste von Cape Cod abgestürzt ist – und die Ermittler hinter das Rätsel des Unglücks zu kommen versuchen.

Die Medien feiern Scott Burroughs als Helden, nachdem es ihm gelungen ist, den kleinen JJ, der mitüberlebt hat, vom offenen Meer aus an Land zu bringen. Und Scott, der mit seiner Malerei nicht eben grosse Erfolge feiert, geniesst die Momentaufnahme. Doch die Ermittlungen gestalten sich schwierig, und so blendet Hawley in einer Art Erzählreigen rückblickend durch die Leben der bei dem Unglück Umgekommenen, um den Leser mit Spekulationsstoff im Hinblick auf die Frage zu versorgen, die da lautet: Wie konnte es zu der Katastrophe kommen? Denn nach und nach verdichten sich die Hinweise darauf, dass es sich bei dem Absturz der Maschine keineswegs um technisches Versagen handelt – sondern um Massenmord, einen Akt vorsätzlicher Tötung.

Wie eine polizeiliche Ermittlung

«Ich wollte, dass sich mein Buch wie eine polizeiliche Ermittlung liest», sagt Hawley. «Jeder sollte als möglicher Täter infrage kommen.» Bis sich die öffentliche Wahrnehmung Scott Burroughs nach und nach dreht – und aus dem eben noch gefeierten Retter des 4-jährigen JJ der Hauptverdächtige wird. «Für ihn als Maler ist es faszinierend zu sehen, wie sein eigenes Bild fabriziert wird – hergestellt, Stück für Stück. Die Geschichte Scotts. Die Geschichte des Absturzes. Sie stellen ihm eine Falle.» Doch Burroughs ist klug genug, nicht hineinzutappen. Doch sie jagen ihn durch einen wahren Mediensturm – bis sich auf den letzten Metern das Blatt nochmals dreht und Hawleys Roman in ein spektakuläres Finale mündet.

So gelingt dem Amerikaner mit «Vor dem Fall» unterm Strich eine überzeugende philosophische Fallstudie über Sein und Schein, Macht und Ohnmacht. «Es ist ein menschliches Grundbedürfnis, sich zu gruseln in dem Bewusstsein, dass am Ende alles gut ausgeht», sagte er kürzlich. Sein neuer Roman jedenfalls befriedigt dieses Verlangen perfekt.

Noah Hawley – Vor dem Fall Roman. Aus dem Amerikanischen von Rainer Schmidt. Goldmann Verlag, München 2016. 448 S. Fr. 33.90.

Noah Hawley – Vor dem Fall Roman. Aus dem Amerikanischen von Rainer Schmidt. Goldmann Verlag, München 2016. 448 S. Fr. 33.90.

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