Kunstmuseum Basel
Die Erfindung des Alltäglichen im Kunstmuseum Basel

Eine spannende Ausstellung von frühen Arbeiten auf Papier von Ed Ruscha ist im Kunstmuseum Basel zu sehen.

Simon Baur
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Ed Ruschas Silbergelatineabzug «Americana», 1965/2003.HO

Ed Ruschas Silbergelatineabzug «Americana», 1965/2003.HO

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Ed Ruscha ist Kult. Ed Ruscha ist so was wie der Cézanne des 21. Jahrhunderts, eine Legende, ein Idol und ein Massstab und dabei immer noch sehr lebendig. Er hat Generationen von Künstlern beeinflusst, Fischli/Weiss wären ohne ihn undenkbar und er ist einer der wenigen Künstler über 70, die heute ein Frühwerk präsentieren können, von dem man denkt, es sei in den letzten Monaten entstanden. Ed Ruscha hat nicht nur mit seinen Publikationen Massstäbe gesetzt, auch seine Arbeiten auf Papier haben tiefe Spuren in der Kunstgeschichte hinterlassen.

In Basel sind vor allem Werke aus seiner frühen Zeit, «Twentysix Gasoline Stations», «Hollywood» und die «Los Angeles Apartments» zu sehen, neun Vorzeichnungen für die bildmässig ausgearbeiteten Zeichnungen von «Los Angeles Apartments» befinden sich im Kupferstichkabinett und bilden das Fundament der Ausstellung. Das bedeutet nun gar nicht, dass Ed Ruscha keine Kunst mehr macht: Bestimmt werden an der diesjährigen Art auch aktuellere Arbeiten zu sehen sein. Die letzte grosse Ed-Ruscha-Ausstellung in Basel eröffnete übrigens vor exakt fünf Jahren, am 8. Juni 2008, in der legendären Galerie Beyeler an der Bäumleingasse. Und auch sie war den frühen Werken des Künstlers gewidmet.

Ed Ruscha hat immer wieder Fotografien zum Ausgangspunkt seiner Arbeiten auf Papier und seiner Malerei gemacht. Sie hatten für ihn die Funktion eines Readymade, sie selbst sah er nicht als Kunst, aber sie sind die Transportmittel, um die Tankstellen, Werbeschriften und Hausfassaden in die Kunst und ins Museum einzuschleusen. Dabei hat er eine neue Sichtweise entwickelt, die darauf abzielt das Unscheinbare, Banale und Alltägliche als zentrales Bildmotiv zu qualifizieren.

Solche Bilder gehören heute zum Kanon, damals war das neu, fern von Bauhaus und neuer Sachlichkeit, wollten auch sie mehr als nur Dokumentationsmaterial sein. Aus diesen Bildern hat Ruscha seine Zeichnungen entwickelt und wie die Fotografie die Realität abstrahiert, so liegen zwischen den Fotografien und den Zeichnungen zahlreiche Abstraktionsschritte. Die Zeichnungen sind ausgewogen komponiert, werden in Ausschnitten nahe an die Betrachter «gezoomt», und alle störenden Einzelheiten wie Menschen, Autos, Telefonmasten sind entfernt, hinzu kommt eine grobe Bildkörnung und ein neutrales Licht, Qualitäten, die wir von der Fotografie her kennen.

Interessanterweise fühlt man sich bei Ruschas Zeichnungen an die Kohlezeichnungen von Georges Seurat erinnert; vermutlich wurden sie von ähnlichen Ideen getrieben. Egal ob die frühen oder aktuellen Arbeiten von Ed Ruscha, immer arbeiten sie mit der Oberfläche, so, als würde er sich für das, was hinter dem Motiv liegt, nicht interessieren. Im Gegenteil, er zeigt es über die Oberfläche und als Readymade. Wie bereits Duchamp, legt auch er falsche Fährten.

Wie hat er doch einst gesagt: «Los Angeles ist für mich wie eine Reihe von Ladenfronten – von der Strasse aus gesehene senkrechte Flächen –, und da ist fast nichts hinter diesen Fassaden. Es ist alles Fassade hier. Das ist es, was mich an dieser Stadt überhaupt interessiert, ihre Fassadenhaftigkeit.»

Ed Ruscha – Los Angeles Apartments, Kunstmuseum Basel. Bis 29. September. www.kunstmuseumbasel.ch. Der Katalog zur Ausstellung erscheint im Steidl-Verlag, Göttingen.

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