Romane handeln nun mal zumeist von der Liebe, weiss Julian Barnes, der britischen Booker-Prize-Träger des Jahres 2011. Und «Die einzige Geschichte» ist sein 13. Roman. Unter dem Pseudonym Dan Kavanagh kommen noch ein paar Krimis hinzu.

«In der Liebe ist alles wahr und falsch zugleich; sie ist das einzige Thema, über das man unmöglich Absurdes sagen kann.» Also sind auch die daran Beteiligten niemals absurd, selbst wenn sie noch so sehr von der Norm abweichen. Es ist, was es ist, sagt Erich Fried. Gleich zu Beginn seines Romans stellt Barnes «die einzig wahre Frage»: «Würden Sie lieber mehr lieben und dafür mehr leiden oder weniger lieben und weniger leiden?»

Vor über fünfzig Jahren, als es in London noch Parkplätze gab und eine sexuelle Revolution, als noch wenig telefoniert wurde und die Drogerien keine Verhütungsmittel führten, kommt der 19-jährige Paul Roberts nach seinem ersten Studienjahr für drei Monate nach Hause in den Vorort. Er ist ein Einzelkind mit langen Haaren und unanständig jung. Seine Mittelschichteltern sind bieder, arbeiten hart und führen eine gute Ehe.

Hier im Börsenmaklergürtel stehen Männer in Anzügen am Bahnhof, abends oder samstags verwachsen sie zur Einheit mit ihrem benzinbetriebenen Rasenmäher. Jüngere Frauen kochen schon etwas wagemutiger, deswegen gibt es einen ersten Feinkostladen. Als Lebensperspektive winkt den noch Jüngeren eine «Liguster- und Kirschlorbeerzukunft». Dieses Herkunftsmilieu rückt Julian Barnes wunderbar ins Bild. Zwei Fernsehsender sind verfügbar, ein Golf- und ein Tennisclub.

Eine erschöpfte Nation

Die Mutter rät zu Letzterem, weil man hier üblicherweise seine Freundin findet. Willkommen im Klischee. Doch Paul findet eine Frau, die fast 30 Jahre älter ist als er. Er will keine vorgestanzte Zukunft, und auch deswegen sind sie irgendwann nicht nur auf dem Platz ein Doppel.

Susan Macload hat zwei Töchter, die älter sind als Paul, hat ihren Bruder im Krieg verloren und ist schon ein Vierteljahrhundert verheiratet. Ihr Mann trinkt und schläft lange schon im anderen Zimmer. Im Golfclub drischt er auf ruhende Bälle ein, was sie nicht besonders sportlich findet. Auch zu ihr ist er alles andere als sanft. Julian Barnes macht in seinem Roman sehr plausibel, wie diese «abgehalfterte Nation» immer noch erschöpft ist nach dem Krieg, in dem sie ihre Besten verloren hat.

Die Begegnung mit Paul hat für Susan etwas Vitalisierendes, über das sie selbst am meisten staunt. Insgesamt ist nun die nächste Generation am Zug. Weil Susan noch einen Rest Lebenslust hat, öffnet sie sich einer Komplizenschaft mit dem Jüngeren, die sie schliesslich überfordern wird. Die hat nichts mit dem Ödipusding zu tun und erst recht nichts mit einem Toyboy-Abenteuer zum Zeitvertreib. Ihre erotischen Erfahrungen bis dahin sind ebenso dürftig wie seine.

Barnes präpariert heraus, warum diese Beziehung neben allen Normen gut zehn Jahre gehalten hat, wie das Paar gemeinsam nach London ging und er bis zu seinem 30. Jahr ein Mass von Verantwortung empfand, das ihn auf alles Generationstypische verzichten liess: die Freiheiten der sexuellen Revolution, Drogen, Hippiereisen und das ganze Über-die-Stränge-Schlagen der Jugend. Und doch kann Susan sich nicht vollständig lösen aus ihrem Milieu. Das lässt alles langsam in die Katastrophe driften.

Der Autor tritt auf die Bremse

Wenn Julian Barnes nun davon erzählt, wie sie immer mehr im Alkoholismus versinkt, bis sie dann in einer psychiatrischen Anstalt verdämmert, verliert sein Text an Tempo und beginnt, traurig auf der Stelle zu treten. Susan wird Paul immer fremder, der fortan ohne wirklichen Halt durch sein Leben trudelt: «Wir sind alle auf der Suche nach einem sicheren Ort. Und wenn man den nicht findet, muss man lernen, sich die Zeit zu vertreiben.»

In drei Teilen lässt Julian Barnes ihn vom anderen Ende des Lebens her seine einzige wirklich erzählenswerte Geschichte aufrollen, wobei Paul vom Ich übers Du zum objektivierenden Er findet. Das ergibt eine mal fesselnde, mal redundante Suche nach der erschreckenden Logik eines Endes.