Weihnachtsgeschichte
Die Flucht nach Ägypten – Kapitel 3

Eine Weihnachtsgeschichte von Pedro Lenz

Pedro Lenz
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In der touristischen Welt von Sharm-el-Sheikh treffen die zwei befreundeten Paare auf westliche Weihnachtsstimmung. Illustration: Philip Bürli

In der touristischen Welt von Sharm-el-Sheikh treffen die zwei befreundeten Paare auf westliche Weihnachtsstimmung. Illustration: Philip Bürli

Für das Weihnachtsessen hatten sie sich herausgeputzt. Sie tranken ausgezeichneten Bordeaux und auch das Fondue chinoise war hervorragend. «Fast wie zu Hause!», sagte Robert nicht ohne Ironie. «Ja», bestätigte Ines, «aber wisst ihr, was mir fehlt? Die Weihnachtsgeschichte. Für mich ist Weihnachten irgendwie erst ganz richtig, wenn jemand die Weihnachtsgeschichte vorliest.» – «Welche Weihnachtsgeschichte?», fragte Lilian. «Halt die richtige Weihnachtsgeschichte, die aus der Bibel, mit der Krippe und den Hirten und den Engeln. Bei uns zu Hause liest sie immer jemand vor. Für
mich gehört das einfach dazu. Ich hätte dran denken sollen, eine Bibel mitzunehmen.»
Sie solle froh sein, dass sie keine dabei habe, unterbrach Robert seine Freundin. Man könne doch nicht in einem muslimischen Land in einem öffentlichen Lokal aus der Bibel vorlesen. Aber es seien ja
nur europäische Touristen da, versuchte Ines sich zu verteidigen.
Und ausserdem hätte es ja niemand bemerkt.
Die Sache mit der Weihnachtsgeschichte aus der Bibel begann die Stimmung der Tischrunde, die eben noch aufgeräumt gewesen war, zu trüben. Sie selbst habe nicht an die Weihnachtgeschichte gedacht, sagte Lilian, aber ihr fehle auch irgendwas. Trotz dem Fondue chinoise und der feierlichen Atmosphäre komme für sie hier keine rechte Weihnachtsstimmung auf. «Weihnachten und Sharm-El-Sheik, das passt einfach nicht richtig zusammen.»
Er sei nicht sehr bibelkundig, sagte nun Joe. Doch wenn er sich recht erinnere, passten Weihnachten und Sharm-El-Sheik sehr wohl zusammen. Maria und Josef seien doch nach Ägypten geflüchtet, wegen dieses Königs Herodes, der alle kleinen Kinder habe umbringen lassen.
Das habe sie nicht gemeint, unterbrach Lilian. Sie rede von der Weihnachtsstimmung und nicht von der Weihnachtsgeschichte. Und sie merke erst jetzt richtig, wie viel Weihnachten für sie mit Winter und Kerzen und Besinnlichkeit zu tun habe.
«Was denn für eine Besinnlichkeit?», fragte Joe. «Ist es für dich besinnlich, wenn dein Vater jedes Jahr nach dem Essen diese saublöde CD mit den alten Weihnachtsschnulzen laufen lässt? Oder meinst du die Besinnlichkeit deiner Mutter, wenn sie den ganzen Abend zwischen der Küche und dem Wohnzimmer hin und her rennt und dauernd fragt, ob alle genug haben?»
Lilian wehrte sich: «Ist es bei deinen Eltern etwa besser? Meinst du, mir mache es jeweils Spass, den ganzen Abend zuzuhören, wie deine Schwester davon erzählt, wie begabt und wie gescheit ihre verwöhnten Kinder seien?»
Der Streit hätte eskalieren können, wenn nicht Ines’ Handy in diesem Augenblick geklingelt hätte. Ihre Mutter war dran und wünschte ein frohes Weihnachtsfest. «Das wünsche ich euch allen auch!», sagte Ines erfreut. «Ja, wir haben es sehr gut. – Ja, sehr angenehm. – Nein, im Meer noch nicht. – Willst du noch mit Robert reden? – Klar, klar, ich richte es ihm aus. Euch auch alles Liebe!»
Kaum hatte Ines das Telefongespräch beendet, brachte der Kellner das Dessert. Die Eis-Portionen waren viel zu gross. Als die Teller abgeräumt waren, gingen sie zur Bescherung über. Die Männer übergaben den Frauen die Blusen, die sie am Nachmittag für sie gekauft hatten. Dann schenkten sie sich gegenseitig die T-Shirts. Ines hatte für Lilian und für Joe je ein Buch, das sie noch in der Schweiz gekauft hatte. Robert erhielt von ihr ein silbernes Feuerzeug. Als Letzte verteilte Lilian ihre Geschenke. Sie hatte für alle CDs mit arabischer Popmusik gekauft. Später würden sie erzählen, die Bescherung habe den Abend gerettet.

Die Weihnachtsgeschichte erscheint in diesem Jahr als Fortsetzungsgeschichte in sechs Teilen. Der vierte Teil folgt in der Ausgabe vom 29. Dezember. Verpasste Folgen können online
nachgelesen werden.

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