«Die Harfe ist ein Weltinstrument»

Alexander Boldachev wanderte mit seiner Harfe von Zürich nach La Tène. Im August wird der 30-Jährige in Aarau spielen.

Elisabeth Feller
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Eine Harve, ein Mann, ein Ergebnis, als stamme die Musik von einem Orchester: Alexander Boldachev.

Eine Harve, ein Mann, ein Ergebnis, als stamme die Musik von einem Orchester: Alexander Boldachev.

Bild: David M. Benett/Getty (Genf, 13. Juni 2019)

Die Harfe zählt zu den ältesten Instrumenten der Menschheit. Normalerweise steht sie im Orchestergraben oder auf der Bühne. Wer sie bewegen will, muss Kraft einsetzen, denn sie bringt 50 Kilogramm auf die Waage. Doch wer will das schon? Er: Alexander Boldachev. Weil seine Konzerte in China, den USA, Brasilien und Kanada abgesagt wurden, wanderte der 30-jährige Harfenist kürzlich mit seiner Harfe von Zürich nach La Tène im Kanton Neuenburg, um in vielen, auch kleineren Orten, Konzerte zu geben und damit auszudrücken: «Es gibt uns Musikerinnen und Musiker noch, trotz Corona.» Und an das jeweilige Publikum gewandt: «Wir brauchen Sie: Künstler sind ohne Sie nicht denkbar.»

Wer derzeit mit einem Musiker spricht, kommt um das Thema Corona nicht herum. Doch nach Lamentieren steht Boldachevs Sinn nicht. Zwar konnten seine Konzerte in den letzten Monaten nicht stattfinden, aber die dadurch freigewordene Zeit hat er genutzt, um vieles – gerade im Zusammenhang mit dem Konzertbetrieb – zu überdenken sowie zu komponieren und ­arrangieren. Denn dafür ist der gebürtige St.Petersburger, der mit 15 in die Schweiz kam und mittlerweile Schweizer ist, berühmt. Über 200 Bearbeitungen belegen: Dieser junge Mann ist ein Musiker, der für sein Instrument brennt. Dabei bewegt sich Boldachev als souveräner Grenzgänger zwischen der Klassik und der sogenannt populären Musik. Seine Bearbeitung von Igor Strawinskys Ballett-Klassiker «Petruschka» ist ebenso legendär wie jene von Freddie Mercurys Rocksong «Bohemian Rhapsody» oder Frédéric Chopins Walzer in h-Moll, um nur einige Beispiele aufzuführen.

Auf der Harfe lässt sich einfach alles spielen

Nach Monaten der Konzertabstinenz wird der Musiker, der seinen 30. Geburtstag mit dem Début in der New Yorker Carnegie Hall feierte, nun im Rahmen der Aarauer Sonaare-Reihe auftreten. Er ist verwundert, als man ihn auf das Programm mit Werken von Rachmaninow, Debussy und Rimski-Korsakow anspricht. «Sie kennen das Programm? Ich nicht.» Wie bitte? «Ja. Im Ernst. Ich habe natürlich viele Programme, die ich – abgestimmt auf die Wünsche – spielen kann. Aber so oft als möglich, gestalte ich den Abend ohne Plan. Das heisst: Ich möchte zuerst spüren, welch ein Publikum mir gegenübersitzt – dementsprechend ‹komponiere› ich das Konzert.»

Spüren, spielen, improvisieren, begeistern: Das will Alexander Boldachev. Und dafür setzt er ein Instrument ein, von dem er sagt: «Die Harfe ist ein Weltinstrument. Jede Nation kennt es. Deshalb ist die Harfe eine Verbindung zu allen Ländern.» Auf ihr lasse sich einfach alles spielen, weshalb er von Konzertbesuchern häufig dies zu hören bekomme: «Eine Harfe klingt wie ein Orchester.» Das liess sich im letzten Jahr überprüfen, als Boldachev an der Zürcher Hochschule der Künste, wo er studiert hatte, das erste Harfenfestival der Schweiz ins Leben rief. Eine wertvolle Erfahrung, die er und all jene, die gespielt, gelehrt und zugehört haben, erneut gerne machen würden.

Im nächsten Jahr wird der Fokus aber nicht allein auf der Harfe liegen, sondern auch auf anderen Instrumenten, zu denen etwa die menschliche Stimme zählt.

Wer Boldachev bei seinem Spiel auf der Harfe zusieht und ihm zuhört, wird ein wunderbar vielfältiges, gleichermassen zartes wie kraftvolles Instrument entdecken. Welchen Stellenwert hatte es in Russland, wo Alexander Boldachev aufwuchs? «Die Harfe war im 19. Jahrhundert vor allem für den russischen Adel bedeutend. Nach der Revolution und während der kommunistischen Zeit, spielte sie indessen kaum mehr eine Rolle, weil sie als Teil der Bourgeoisie betrachtet wurde. Das hat sich später geändert. Doch noch 1995, als ich mit dem Harfenspiel begonnen habe, gab es erst drei bekannte Harfenisten in St.Petersburg; die Harfe war damals vor allem als Orchesterinstrument bekannt. Heute geniesst sie jedoch auch als Soloinstrument grosse Akzeptanz.»

«Wir werden alle etwas gemeinsam erleben»

Wird sich daran nach Corona etwas ändern? Nein, glaubt Alexander Boldachev. Ändern werde sich aber die Konzert-, und die Vermittlungsform. «Wir müssen neue Genres einbeziehen und neue Technologien nutzen.» Geht es nach dem russisch-schweizerischen Harfenisten, muss auch das Publikum anders als bisher in Konzerte einbezogen werden.

Boldachev will dies am 24.August versuchen. Dann wird er mit seiner Harfe auf dem Zürcher Sechseläutenplatz vor dem Opernhaus stehen und auf Musikliebende warten. «Wir werden zum Bruno-Weber-Park wandern, wo ich spielen werde. Somit werden wir alle einige Stunden zusammen sein und gemeinsam etwas erleben.»

Konzert Aarau, Pauluskirche, 7. August, 19 Uhr.

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