Kaserne
Die Kunst geht ins Theater

Der jurassische Künstler Augustin Rebetez erweitert sein fantastisches Universum zur Theaterperformance.

Susanna Petrin
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Seltsame Wesen, Maschinen, Töne, Musik, Tanz: Im Theateruniversum von Augustin Rebetez weiss man oft nicht, wo zuerst hinsehen.

Seltsame Wesen, Maschinen, Töne, Musik, Tanz: Im Theateruniversum von Augustin Rebetez weiss man oft nicht, wo zuerst hinsehen.

ZVG/Noé Cauderay

Auf einem anscheinend eiligst zusammengenagelten Bretterpodest steht ein zerlumptes Wesen mit Pferdekopf. Und als ob sein Pferdegebiss nicht Gebiss genug wäre, hat es noch ein weiteres Gebiss davorgeklemmt. Via eine Art Bremskabel kann es diese dritten Zähne öffnen und schliessen, seltsame Laute einer seltsamen Sprache von sich gebend. Ein wildgelockter Mann singt und spielt auf einer Gitarre, die aus einem kubistischen Bild Picassos stammen könnte. Eine Tänzerin lässt ihren Körper dazu konvulsieren. Eine Frau mit schwarzem Herzmund singt eine melancholische, norwegische Weise.

Wir sind im Universum von Augustin Rebetez. Eine fantastische, wilde Welt. In seiner Ästhetik schwarz, dunkel, abgedroschen. Aber gleichzeitig doch hell und heiter. «Man fühlt sich irgendwie geschützt», sagt eine Zuschauerin. «Unsere Absicht ist es nicht, euch zu ängstigen oder zu verstören», wird denn auch einer der Performer später bei der Publikumsdebatte sagen. Denn Gothic trifft hier auf kindliche, überbordende Fantasie, auf die schiere Freude am Gestalten einer eigenen Kunstwelt, in der man sich trotz dessen Dunkelheit gerne aufhält – ob als Darsteller oder Zuschauer. Vielleicht auch, weil es ein Ort ist, an dem jeder tun und fühlen kann, was sie oder er will, sein kann, wer sie oder er will.

Via Skulptur zum Theater

Bisher hat der junge, jurassische Künstler fotografiert, gefilmt, gemalt, skulpturiert. Letzten Winter gestaltete Augustin Rebetez für das Basler Museum Tinguely eine mehrstöckige, begehbare Installation – eine fröhliche Geisterbahn, in der jede und jeder die angebrachten Monster selbst bewegen konnte. Schon hier musste niemand Angst haben, erschreckt zu werden, schon hier konnten die Besucher den Schrecken packen und selber manipulieren. Schon hier fing der Künstler damit an, die Kunst in Bewegung zu setzen, ihr weitere Dimensionen hinzuzufügen.

Nun hat Augustin Rebetez den nächsten, irgendwie naheliegenden Schritt genommen und seine Kunstinstallation zum Theaterabend erweitert. Im Grund ist das Stück «Rentrer au Volcan» eine um Menschen vervollkommnete Kunstinstallation, live, auf der Bühne, mit Ton, Musik, Gesang und Tanz. Zusammen mit Performern, Musikern, einer Sängerin und einer Tänzerin hat er sie vor einem Jahr in Lausanne am Théâtre de Vidy entwickelt. Nach Paris wurden sie damit eingeladen. Am Freitag und am Samstag haben Rebetez und sein Team «Rentrer au Volcan» auch in der Kaserne Basel gezeigt.

Eine gute Stunde läuft die theatrale Kunstmaschine; mal explosiv, mal melancholisch, mal laut, mal ganz leise. Oft weiss man nicht, wo zuerst hinsehen; irgendwo geht immer eine Türe auf und etwas schleicht oder springt heraus, zeigt sich, verschwindet wieder. Ihre Fantasie weckt unsere Fantasie. Ihre Gefühle wecken unsere Gefühle. Aber nie forciert. Ein Zuschauer wird später sagen, er habe geweint, das erste Mal seit langem.

Alles auf der Bühne hat die Gruppe selbst zusammengeschustert, gelötet, genäht, gehämmert. Von Tinguely-artigen Maschinen über die Masken bis zu den Instrumenten. Es ist eine solche Freude, diese selbst gebauten, merkwürdigen Objekte zu sehen, dass manche Zuschauer nach der Vorstellung die Bühne betreten, um sich die Dinge genauer anzuschauen. Den Weinkarton, der zur Gitarre wurde. Die alten Telefone, deren Wählscheiben nun Retro-Soundeffekte liefern. Die Maschine mit den langsam flatternden Rabenflügeln.

Es geht um Verwandlung, von allem und allen, von Anfang an. Bereits wer den Zuschauerraum betritt, muss zunächst durch einen dunklen Tunnel, bevölkert mit den wilden Vögeln und Fratzen Augustin Rebetez’. «Rentrer au Volcan» will zurück ins Erdinnere führen, zu Hitze und explosiver Lebendigkeit. Oder, wie auf einer Lichtprojektion am Boden des Tunnels, geschrieben steht: «Nous sommes des fantomes qui voulons devenir visibles.» (...)Nous sommes l’appétit qu’il te manque.» Lebensgeister und Lebenshunger, sie sind am Ende geweckt und hellwach.

Die Vorstellung in der Kaserne ist eine Kooperation mit der bis 22. Januar laufenden Musikmaschinen-Ausstellung im Museum Tinguely: www.tinguely.ch

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