Kunst
Die Liebe zur Geometrie hat viele Gesichter

Drei Künstlerinnen, drei Haltungen und doch eine Ausstellung aus einem Guss und zu einem Thema. Im Trudelhaus Baden gibt es konstruktive Kunst in zeitgemässer Form.

Sabine Altorfer
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Einfache Raster, verwirrende Wirkung: die geometrisch aufgebauten Gemälde von Silva Reichwein. Werner Erne /Trudelhaus

Einfache Raster, verwirrende Wirkung: die geometrisch aufgebauten Gemälde von Silva Reichwein. Werner Erne /Trudelhaus

werne erne/trudelhaus

Die Tücken der Galerie im Trudelhaus kann man zur Stärke machen. Die störenden Säulen, die unruhigen Wände, die Deckenbalken und -träger oder gar den gekachelten und abgetreppten Parterre-Raum. Das beweisen Kuratorin Sadyho Niederberger und die drei Künstlerinnen Rita Ernst, Clare Goodwin und Silva Reichwein.

Sie verbergen nichts, machen keinen kuratorischen Handstand, sondern setzen den schwierigen Räumen unaufgeregt ihre klare Werke entgegen. Und siehe da: Zwischen den geometrischen Werken und den Räumen entsteht eine wohltuende Ruhe, ein ruhiger Diskurs.

Auch die Ordnung – jeder Künstlerin ihren Raum – ist unspektakulär, aber richtig. So kann man sich als Besucherin auf die drei Werkgruppen konzentrieren und spürt beim Wechsel in den nächsten Raum die Unterschiede umso besser. Doch auf den ersten Blick scheint das Gemeinsame zu überwiegen. Die Liebe der drei Künstlerinnen zur Geometrie.

Die Untergründe der Architektur

Die Architektur des Klosters Müstair, genauer die formale Struktur von Innenräumen und Decken, ist das Thema der aktuellen Werkgruppe von Rita Ernst. Die 1956 in Brugg geborenen, heute in Zürich und auf Sizilien lebende Künstlerin geht von technisch perfekten Tusche-Zeichnungen aus. Diese einfachen Raster der Linien und Balken überlagert, spiegelt und verdoppelt sie, gibt ihnen 3D-Tiefe und fertigt hochästhetische Gemälde mit verwirrender Wirkung.

Elegant sind die Grau-, Blau und Weisstöne, glatt und perfekt die Acrylmalerei. Und doch haben diese Bilder auch Dynamik: Diagonalen ziehen den Blick in die Tiefe, perspektivische Wechsel irritieren und die Ebenen scheinen sich beim kurzen Wegsehen heimlich zu verschieben. Die Sicherheit der gebauten Architektur ist weit weg, wir scheinen in den fiktionalen Räumen eines Piranesi gelandet.

Das Flimmern der Quadrate

Die Zürcherin Silva Reichwein (*1965) benutzt ein bewährtes Muster der konkreten Kunst. Sie füllt ihre grossformatigen Leinwände mit regelmässigen Quadraten – manche auch mit einer Mischung aus Streifen und Quadraten.

Doch im Gegensatz zu den konkreten Grossvätern füllt sie die Raster nicht mit mathematisch errechneten Mustern. Ihre Systematik ist intuitiv gesetzt und ihr Augenmerk gilt der optischen Wirkung. Und die ist oft frappant. Denn die in weicher Ölmalerei gefertigten Quadrate scheinen sich zu bewegen, mal drängen die bunten Felder nach vorn, mal die schwarzen, mal sieht die Besucherin vor allem die horizontalen Streifen mal die vertikalen Strukturen – bis sie an der eigenen Sehschärfe zweifelt.

Die Muster der 70er-Jahre

Clare Goodwin, mit Jahrgang 1973 die Jüngste des Trios, sucht ihre Inspiration in Mustern und im Alltag der 1970er-Jahre. Gestreifte Krawatten mit den zeittypischen Braun-Schwarz-Tönen haben sie zu einem grossformatigen Gemälde angeregt. Diagonalen, Brüche, Falten kombiniert sie zu einem geometrischen Gefüge, das ins Zentrum zielt.

Vor Ort hat sie sich vom kleinteiligen Raster der dunkeln Plattenbodens anregen lassen und setzt ihm zwei schwarze, grossformatige Wandmalereien entgegen. Der samtene Glanz und das flimmernde Schwarz erinnert an Reichweins Quadrate, die Tiefenwirkung an Ernsts Architekturbilder.

Rita Ernst, Silva Reichwein, Clare Goodwin Trudelhaus Baden, bis 4. Mai.

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