Giuseppe Bausilio
Die Schweiz hat ihren eigenen «Billy Elliot»

Der zwölfjährige Giuseppe Bausilio aus Boll tanzt, spielt und singt in Chicago die grosse Broadway-Rolle des Billy Elliot. Das heisst für den Knaben: üben, üben, üben.

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Giuseppe Bausilio

Giuseppe Bausilio

Zur Verfügung gestellt

Marion Friedrich Honegger*

Schon von aussen ist Klaviermusik zu hören, unterbrochen von kurzen Anweisungen in englisch gefärbtem Französisch. Als er die Tür aufstösst, kommt das Rascheln von Tutus dazu und das Gekicher kleiner Mädchen. «That’s Billy Elliot», sagt eine und die andern wenden schnell ihre Köpfe dem Knaben zu, der strahlt, nickt und im Ballettsaal hinten in der Ecke verschwindet. Die kleinen Ballerinas schauen ihm nach und ihr Blick verrät, wie sehr sie ihn für das bewundern, was er geschafft hat und wovon sie alle träumen: eines Tages auf der Bühne zu stehen, im Rampenlicht, unter dem tosenden Applaus des Publikums.

Giuseppe Bausilio im TV

«Kulturplatz», SF1, 12.5., 22.50 Uhr
«Horizonte», SF1, Dok-Film über Giuseppe Bausilio, 4.7., 15.00 Uhr
Bausilio spielt bis Oktober 2010 die Hauptrolle im Musical «Billy Elliot» im Oriental Theatre in Chicago.
www.billyelliotchicago.com

Der, der da in der Ballettschule von Evanston im Norden Chicagos trainiert, heisst Giuseppe Bausilio, ist zwölf Jahre alt und stammt aus Boll, einem Dorf in der Nähe von Bern, ein Ort, den man als typische Schweizer Provinz bezeichnen könnte. Hier betreiben Giuseppes Eltern eine Ballettschule. Sônia Melo, eine gebürtige Brasilianerin, war früher selbst Tänzerin. Am Stadttheater Bern lernte sie Alfonso Bausilio kennen. Der Napoletaner stand früher mit der Ballettlegende Michail Baryschnikow auf der Bühne. Und wie seine Eltern und sein Bruder wollte auch Giuseppe Tänzer werden.

Nun ist er diesem Ziel ein grosses Stück nähergekommen – schneller als erwartet und wie durch ein Wunder: Die Casting-Direktorin des Musicals «Billy Elliot» wurde im März 2009 beim Youth America Grand Prix in New York – einem der wichtigsten Nachwuchswettbewerbe im Ballett – auf ihn aufmerksam. Sie lud Giuseppe ein, bei der Musical-Audition vorzutanzen. Er brillierte, stach eben mal 1500 Konkurrenten aus und erhielt umgehend die Rolle als Billy Elliot. «Das isch eifach irrsinnig gsi – wie ne Troum» – sein Gesicht leuchtet, als er davon in breitestem Berndeutsch erzählt.

Mit dem Zuschlag für die Rolle änderte sich sein ganzes Leben. Der Knabe, der wie alle andern seines Alters in die sechste Klasse ging, musste plötzlich sein Englisch verbessern und für seine Rolle Akrobatik lernen – neben den bisherigen vier, fünf Stunden Ballett an jeweils sechs Tagen in der Woche. Seine Eltern organisierten Trainingsstunden bei Andreas Gasser. Der Schweizer Meister im Geräteturnen lehrte ihm Flickflack, Rad und Überschlag. «Es war nicht schwierig, aber ich musste zuerst meine Angst überwinden», sagt er rückblickend.

Im November 2009 nahm er Abschied: von der Schweiz, von seinen Schulfreunden, vor allem aber von seinem Vater. Der sollte hier bleiben und sich um die Ballettschule kümmern, während die Mutter ihn in die Staaten begleiten wollte. Hoch über der Michigan Avenue, der Prachtstrasse von Downtown Chicago, wohnen sie nun in einem 2-Zimmer-Appartement. Von hier aus sind es zum Oriental Theatre, wo Giuseppe fast jeden Tag Proben hat und wo das Musical «Billy Elliot» aufgeführt wird, gerade mal fünf Minuten.

Die Tage sind lang und intensiv: Giuseppe lernt neben dem Schulunterricht, den das Theater organisiert, Steppen, Singen, Schauspielern, Sprechen und diesen ganz besonderen Dialekt der Minenarbeiter Nordenglands, den er für seine Rolle können muss. Schliesslich erzählt das Musical getreu dem Film von Stephen Daldry die Geschichte von Billy Elliot, der als Sohn eines Minenarbeiters statt
des üblichen Boxunterrichts heimlich die Ballettklasse von Mrs. Wilkinson besucht, gegen den Willen des Vaters seinem Traum folgt und schliesslich – doch mit dessen Unterstützung – die Royal Ballet School in London besucht.

Wie Billy Elliot, so musste auch Giuseppe sein Elternhaus verlassen. Sein Umzug in die USA, sein Heimweh nach dem Vater, seine Entbehrungen und sein Engagement haben sich für ihn gelohnt: Seit Mitte April spielt er nicht nur Billy Elliot, er ist Billy Elliot. Wenn er auf der Bühne steht, spricht, nach mehreren Flickflacks seinen Hauptsong wieder aufnimmt und diesen dann in 15 Pirouetten enden lässt – mit strahlendem Gesicht, unter tosendem Applaus des Publikums – wird klar, dass der Knabe seinen Platz gefunden hat und seinen Traum lebt.

*Die Autorin des Artikels begleitete Giuseppe Bausilio für einen Dok-Film in Boll und Chicago.

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