Der Teppich liegt auf dem Boden, aber die Sessel haben abgehoben und sind unter der Decke kopfüber eingeklemmt. Das Regal hat die Bodenhaftung verloren, baumelt verkehrt herum an der Wand, dafür sind die Glaslampen auf dem Teppich gelandet. Das ist recht lustig. Auch recht sinnlos. Aber vor allem ist es ein beunruhigendes Bild. Denn, was gilt nun? Was ist oben, was ist unten? Stehe ich richtig?

Auf diese Situation treffen wir im Kunstraum Baden. Gebaut von Eric Hattan. Und von ihm mit dem noch beunruhigenderen Titel «Air Strike» (Luftangriff) versehen. Immerhin, es ist – wie beim Basler Künstler mit Nussbaumer und Wettinger Wurzeln üblich – kein Angriff mit Bomben und Flugzeuggeheul. Seine Waffe ist die Ironie und sein Angriffsziel unsere Wahrnehmung. Erschütterungen von Gewohnheiten nimmt er dabei nicht nur gerne in Kauf, sondern rechnet damit.

Kunstraum Baden: «Air Strike» (Luftangriff) nennt Eric Hattan seine verwirrende Installation mit Möbeln. Rolf Bismarck

Kunstraum Baden: «Air Strike» (Luftangriff) nennt Eric Hattan seine verwirrende Installation mit Möbeln. Rolf Bismarck

Immerhin stimmt er uns ein auf seine verkehrte Welt. In der Stadt ragt sein «Spaghetti» seit Jahren als Markenzeichen über dem historischen Museum ennet der Limmat in die Luft. Dass die orange Linie die eigenwillige Topografie des Lägernhanges nachzeichnet, ist wohl nur wenigen Betrachtern bewusst. Aber von Bedeutung. Was hier ist, was es gibt: Das ist der Stoff, aus dem Hattan seine Arbeiten generiert. Seit Jahrzehnten. Und deshalb entwickelt er Werke oft nach der gleichen Idee, aber für jeden Ort wieder neu. Der Titel «Instant Loop» bringt das gut auf den Punkt.

Die Einrichtung für «Air Strike», so stellt sich heraus, stammt aus dem Haushalt seiner Mutter in Wettingen. Das müsse man nicht wissen, meint der Künstler. Aber weil die Sessel und der Teppich und das Regal eben eine gemeinsame Vergangenheit haben, stimmt ihr Zusammenspiel in unserer subkutanen Wahrnehmung.

So unterschiedlich die Werke von Hattan auch wirken, gemeinsam ist ihnen, dass der Künstler mit den Eigenheiten der Ausstellungsräume und den Bedingungen eines Auftrittes arbeitet. Der Kunstraum Baden ist die ehemalige Werkstatt der Regionalwerke, den Hof teilen sich Kunst und Infrastrukturbetrieb. So landet eine Strassenlampe, eines der schönen alten Modelle mit dem orange-leuchtenden Giraffenkopf in Hattans Ausstellung. Genau gesagt landete sie im Treppenhaus, weil sie dort steckenblieb. Das merkt man aber erst auf den zweiten Blick: Zuerst nämlich versperrt ein langes, diagonal durch den Raum ragendes Metallrohr den Zugang zur Treppe. Die Besucherin muss sich entscheiden: darübersteigen oder untendurch. Erst nach der Treppenkurve entpuppt sich das Rohr als Lampe und der Lampenkopf auf Augenhöhe als ungewohnt riesig.

Die Ausstellung soll einen Überblick über Hattans Schaffen der letzten Jahrzehnte geben, betont Kuratorin Claudia Spinelli. Sie soll also zeigen, wie der Künstler aus Nichts und einer Idee etwas macht. Räume umräumen ist eine seiner Grundideen. Vor Ort Material suchen, eine andere. Eine Garderobe mit sieben Haken und je einem vollständigen Satz Kleider ist das Relikt einer Arbeit in Buenos Aires, wohin der Künstler eingeladen war, die Organisatorin aber kein Geld für Transportkosten hatte. So reiste Hattan ohne Gepäck, kaufte jeden Tag in einem anderen Laden, in einem anderen Quartier frische Kleider und hängte die getragenen umgestülpt in den Kunstraum.

Traum und Flucht in Baden

Nach dem Gottfried-Keller-Motto «Kleider machen Leute» agiert Sarah Hugentobler. Sie präsentiert sich in der Galerie im Trudelhaus in Baden sowohl als Astronautin wie auch als Fitnesstrainerin für Weltraumfahrer. Sie posiert in einem Weltraum-Anzug mit ihrem eigenen Space-Logo und inszeniert sich in Youtube-tauglichen Videos. Dabei lässt sie offen, ob sie sich mit dieser Rolle einen Mädchentraum erfüllt, den Selbstinszenierungswahn der «Generation Online» ironisiert oder ob sie damit die Basis für eine längerfristige, künstlerische Identität legt.

Ihre Fotos und Videos sind Teil der Ausstellung «ALS OB – befragte Gewissheiten». Das Gastspiel im Trudelhaus mit vier Ostschweizer Kunstschaffenden hat Judith Villiger kuratiert. Der Titel passt perfekt zu Hannes Brunners Skulpturen. Wobei der Begriff Skulptur bei ihm ziemlich wackelt. Brunner baut aus Karton Maschinen, Objekte und Tische, die Gegenstände oder Arbeitssituationen imitieren, mit denen Kunst hergestellt wird. Beispielsweise eine Druckerpresse. Oder zumindest etwas, das eine Druckerpresse modellhaft imitiert.

Harte Realität war, dass das «Theater am Kurfürstendamm» in Berlin 2018 schliessen musste, weil das Gebäude abgerissen wurde. Anna Lehmann-Brauns hat zum Abschied des traditionsreichen Hauses eine stimmungsvolle, von Kunstlicht verfremdete Bildstrecke geschaffen – die bestens in die Galerie 94 im geschichtsträchtigen Merker-Areal passt.

Wessen Sinne nach diesen Kunst-Wechselbädern nun Achterbahn fahren, der findet in Baden neuerdings ein Sanatorium. Geeignet für Kunstgeschädigte wie für Kunstbesessene. In der Villa Langmatt darf man nicht nur im Garten im Liegestuhl relaxen, sondern sich drinnen in Betten ausruhen. Was sich Ralph Rugoff für seine Biennale in Venedig zwar gewünscht, aber nicht zu tun getraute, hat Langmatt-Direktor Markus Stegmann in Baden cool umgesetzt. Man darf in der Ausstellung auch Tee trinken oder Beeren naschen – und wer genug hat von Kunst, kann sich in der zur Badminton-Halle umfunktionierten Gemälde-Galerie körperlich ertüchtigen. Und die berühmten Impressionisten? Die lässt zeitgenössische Videokunst derweil in neuem Licht stilvoll verdämmern.

Mit Kopf und Hand in Aarau

Wenn Baden also ruht, reist man nach Aarau. Vögel, Farbe und Gletscher sind im Aargauer Kunsthaus angesagt. Digital gespielt wird im Stadtmuseum, pausiert im Forum Schlossplatz und im Kunstraum. Und nicht vergessen! Geturnt wird bald überall in der Stadt. Wer den Mix von Körper-Performance und Massen-Inszenierung, von Tradition und Volksfest mag, der findet am eidgenössischen Turnfest (13.–23. Juni) viele Aspekte, die auch in der zeitgenössischen Kunst gerade en vogue sind.

Kleiner Einschub: Stafetten gibt es übrigens nicht nur am Turnfest, sondern auch in der Kunst. Über Monate angelegt ist die «Freiämter Kunststafette» im Singisenforum des Klosters Muri. Die Startläuferinnen Esther Amrein, Pearlie Frisch und Christine Lifart haben Anfang Mai an Rosângela de Andrade Boss, Felix Fassbind und Hanspeter Wespi übergeben. Auf dass neben barocker Pracht, alter Bergkunst sich in Muri auch das Hier und Jetzt manifestieren kann.

Zurück nach Aarau: Nur noch diese Woche sind die halsbrecherischen Gleichgewichts-Kunstwerke von Roman Sonderegger im städtischen Rathaus sowie die Gemälde von Roberto Alberati mit ihrem experimentellen Material- und Farbenmix in der Neuen Galerie 6 zu sehen.

Ein Hort für Aarauer und Aargauer Künstlerinnen und Künstler ist seit Jahrzehnten die Rahmenmanufaktur in der Vorderen Vorstadt. «Kopfsache» nennt der Handwerker-Künstler Hansruedi Steiner seine Schau. Er zeigt ornamentierte Scheiben aus Gummi oder Bronze und vor allem kompliziert verschlungene Arabesken. Er braucht viel Geduld, um aus Kugeln oder Körpern die Schlaufen freizuhobeln, zu schleifen und zu sägen ..., aber vor allem auch Köpfchen und räumliche Vorstellungskraft. Denn wie kreuzen, drehen und verwinden sich die Bahnen zu unendlichen Bändern? Was ist vorn und hinten? Was ist oben, was unten?

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