«Kunst.Punkt!»

Ein Wildwüchsiger Gesamt-Kunstwerker

Kreation für die Ausstellung: Pedro Gonzales mit seiner Interpretation des Cristo Redentor von Rio de Janeiro.

Kreation für die Ausstellung: Pedro Gonzales mit seiner Interpretation des Cristo Redentor von Rio de Janeiro.

Pedro Gonzales ist einer der Kunstschaffenden, die in der Ausstellung während des Wildwuchs-Festivals ausstellen. Einige seiner Werke wurden von der Sammlung Würth angekauft.

Scheinbar geistesabwesend und wie in Zeitlupe bewegt sich der 50-jährige Pedro Gonzales durch die Kreativwerkstatt des Bürgerspital Basel. Plötzlich lässt er sein schalkhaftes Lächeln aufblitzen und ist ganz präsent.

Sein Arbeitsplatz im Werkraum ist selbst schon ein Kunstwerk. Aufgetürmt stehen die selbst gebauten Arbeitsutensilien in farblich stark akzentuierten Gestellen. Kladden mit Entwürfen und Ideenskizzen liegen herum. «Seine Arbeiten bewegen sich zwischen Kunst und Design», sagt Simone Kurz, welche zusammen mit Martin Meyer die Ausstellung «Kunst.Punkt» kuratiert.

Tatsächlich hat Pedro Gonzales, der in Basel geboren wurde, einen sichtlichen Hang zum Gesamtkunstwerk und zur räumlichen Expansion. Er musste eine Schneiderlehre abbrechen, weil seine Psyche mit den vorgegebenen Strukturen nicht zurande kam. Er trat in das Bürgerspital Basel ein, wo er zuerst in der Textilwerkstatt arbeitete. Es folgten einige Jahre in der Industriellen Montage, bis er 2005 in die Kreativwerkstatt eintrat. Hier hat sich der unangepasste, fast etwas subversive Künstler seinen Platz erobert. Vor zehn Jahren äusserte sich Gonzales, er wolle einen klaren Kopf und das Arbeiten helfe ihm dabei, ihn zu bekommen.

Vom Gewand bis zur Skulptur

Das Wesentliche geschieht bei Pedro Gonzales im Innern. «Oft weiss man nicht, ob er überhaupt einen Plan hat», erklärt Simone Kurz. «Und plötzlich, wie von Zauberhand, steht ein Werk da.» Das können Papp-Autos sein, Menschen- und Tierfiguren, konstruktivistische Zeichnungen oder expressive Acrylgemälde. Eine mit Kunstfell bezogene grosse Kuh und eine mannshohe Kartonfigur hatten die Kuratorin der Sammlung Würth so überzeugt, dass sie diese Skulpturen zusammen mit Bildern ankaufte. Bei der Modeschau am Wildwuchs-Festival 2009 waren textile Kreationen von ihm zu sehen und auch für Le Bal im Jahre 2011 entwarf er ein Festgewand.

«Pedro Gonzales ist fraglos ein Künstler», sagt Simone Kurz. «Gonzales’ Arbeiten haben sehr häufig einen Aspekt der praktischen Anwendung. Seine neue Arbeit «Raumeinteiler» sind Stühle, auf denen man zwar nicht sitzen kann, deren Anwendung aber im Namen definiert wird. Für Eucrea, einen Verband zur Förderung der Kunst behinderter Menschen, schuf Pedro Gonzales ebenfalls Gegenstände zwischen Kunst und Design. Ein grüner Werkzeughalter, eine pinkfarbene Box und die blaue Umhängetasche «Aare» können im Internet begutachtet werden.

Viel zu entdecken

Einige Künstler der Kreativwerkstatt konnten in Wehr D schon den Lothar-Späth-Förderpreis entgegennehmen oder gelangten wie Gonzales in die Sammlung Würth. Markus Buchser kam mit seinen grossartigen Landschaftstableaus sogar in die Endausscheidung des Euward5-Wettbewerbs. Die Bilder wurden im Haus der Kunst in München gezeigt. Für die Ausstellung im Projektraum M54 hat Simone Kurz auch Werke des Künstlers Andreas Maus aus Köln ausgewählt. Unter Sammlern gelten die Werke der Kunstschaffenden der Kreativwerkstatt schon längst nicht mehr als Geheimtipp. Dass dies so ist, darf man auch dem grossen Engagement von Walter Buess, dem Gründer und langjährigen Leiter der Werkstatt, anrechnen. Er ist im Mai in Pension gegangen.

Im Raum M54 wie auch bei den andern beiden Ausstellungen wird es viel Spannendes und Berührendes zu entdecken geben. Und den Skeptikern sei ins Stammbuch geschrieben, was Simone Kurz einmal sagte: «Eine Behinderung erzeugt nicht automatisch Kunst, aber sie verhindert sie auch nicht.»

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