Kunstschatz

Eine Werkliste der Gurlitt-Sammlung aufgetaucht

Max Liebermann: «Polospieler» 1907.akg-IMAGES

Max Liebermann: «Polospieler» 1907.akg-IMAGES

Im US-amerikanischen Nationalarchiv ist eine Liste mit Kunstwerken aufgetaucht, bei der es sich um eine Zusammenstellung der in München gefundenen Bilder handeln könnte. Demnach hatten Alliierte die Sammlung nach dem Krieg kurzzeitig beschlagnahmt.

Kunstwerke aus der Sammlung des früheren Dresdner Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt sorgen weltweit für Aufsehen. Welche Kunstwerke beschlagnahmte die Staatsanwaltschaft Augsburg vor rund eineinhalb Jahren in der Münchner Wohnung des heute 80-jährigen Sohnes Cornelius Gurlitt? Der Öffentlichkeit wurden bis jetzt erst 11 Bilder des schier unfassbaren Fundes von 1406 Bildern präsentiert. Der Zeitung «Nordwestschweiz» liegt nun eine Liste mit 125 Werken vor.

Die fünfseitige Liste aus den National Archives in Washington bringt Brisantes zutage. Bei der Mehrzahl könnte es sich um die Highlights des Münchner Funds handeln, sagt der deutsche Jurist und Raubkunstspezialist Willi Korte gegenüber der «FAZ».

Wie wahrscheinlich ein Zusammenhang zwischen den in München beschlagnahmten Bildern und der gestern aufgetauchten Liste ist, zeigt sich an einigen Überschneidungen. So präsentierte am Dienstag die Staatsanwaltschaft Augsburg den «Löwenbändiger» von Max Beckmann oder das Selbstporträt von Otto Dix, die sich ebenfalls auf den amerikanischen Listen befinden.

Wie kommt es, dass die USA Werkbestandslisten des umstrittenen Kunsthändlers Gurlitt in ihren Archiven lagern? Nach dem Zweiten Weltkrieg flohen viele Kunsthändler mit Werken ungeklärter Provenienz aus der sowjetischen Besatzungszone. Einer von ihnen war Hildebrand Gurlitt. Er wurde 1950 von der US-Armee aufgegriffen, seine Sammlung beschlagnahmt, dokumentiert und wenig später am Wiesbadener Collecting Point wieder an ihn zurückgegeben.

Ob die Alliierten wirklich kontrolliert haben, ob es sich bei den beschlagnahmten Werken um Raubkunst handelt, ist offen. «Die Tatsache, dass Gurlitt die Sammlung zurückbekam, heisst nicht, dass die Bestände von den Amerikanern überprüft wurden», sagt die Provenienzforscherin Meike Hopp gegenüber der «FAZ».

«Die in den Depots lagernden Massen von Kunstgegenständen waren dazu zu umfangreich.» Zahlreiche Händler der NS-Zeit verlangten ihre Sammlungen zurück – und erhielten sie auch. Fakt ist: Die Namen auf der amerikanischen Liste sind hochkarätig. Aufgelistet sind Kunstwerke, Gemälde und Zeichnungen, die meisten von namhaften Künstlern des 19. und 20. Jahrhunderts. Darunter Namen wie Edgar Degas, Gustave Courbet oder Wilhelm Lehmbruck.

Heikle Aufgabe für Experten

Allerdings fehlen zu einer genaueren Einordnung wichtige Informationen wie unter anderem das Entstehungsdatum. Auch ein anderer Punkt macht es für die Experten sehr schwierig: «Die Werktitel klingen sehr allgemein und sind bestimmt nicht von den Künstlern selbst so gesetzt worden», sagt Marc Joachim-Wasmer, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Kunstmuseum Bern und am Kunsthistorischen Institut der Universität Zürich. Möglicherweise seien bei der Bestandsaufnahme Laien am Werk gewesen, so Wasmer. Davon zeugen auch einige Schreibfehler, die den Behörden unterlaufen sind.

Auch Nina Zimmer, Kuratorin des Kunstmuseums Basel, mahnt zur Vorsicht. «Man muss die Herkunft der Listen und den historischen Zusammenhang zuerst seriös und sorgfältig abklären, bevor man irgendwelche Rückschlüsse anstellt», sagt sie.

Rückschlüsse, die so wichtig wären, um jüdische Eigentumsforderungen zu klären. Deutschland ist nun in einer Bringschuld. Unverständlich deshalb für Korte, warum die Staatsanwaltschaft die Mehrheit der Werke unter Verschluss hält. Der jetzt entstandene Eindruck sei verheerend. Das sieht auch Yves Kugelmann von der jüdischen Zeitschrift «Tachles» so: «Es gibt auf jeden Fall ein Recht der Öffentlichkeit auf möglichst offene Information, da die möglichen Eigentümer kaum anders Anspruch erheben können.»

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