Basler Kunstpreis

Eric Hattan: «Basteln ist bei mir eine Grundkonstante»

Der Künstler Eric Hattan, Träger des Basler Kunstpreises 2016, in seinem Atelier in Basel.

Der Künstler Eric Hattan, Träger des Basler Kunstpreises 2016, in seinem Atelier in Basel.

Der Künstler, der zuletzt mit einem Findling als Grundstein für die St.Jakobshalle aufgefallen ist, wird mit dem Basler Kunstpreis geehrt.

Eric Hattan ist Installations-, Video-, Konzept- und Performancekünstler. Seit seinen künstlerischen Anfängen setzt sein Handeln in ganz konkreten Räumen an: Hattan hat dem Sperrgut im Quartier neue Ordnungen eingeschrieben, seinen Hausrat zur Installation verdichtet, seine Kleider zum Gegenstand der Betrachtung gemacht. Der öffentliche Raum spielt ihm Materialien, Bilder und Situationen zu. Er nimmt sie zu sich, lässt sie zirkulieren und räumt wieder auf – darum ist sein Werk eher als Dokumentation von Handlungen denn als Verzeichnis von Skulpturen und Videos einsehbar. Dieses Jahr wird der 1955 in Wettingen geborene Eric Hattan mit dem Basler Kunstpreis ausgezeichnet.

Es steckt in Ihrem Tun viel Anerkennung für das, was schon da ist: Beobachten und Verändern scheinen Ihnen wichtiger als das Erfinden. Was hat Sie solche Aufmerksamkeit für Situationen gelehrt?

Ich habe beim Zuschauen gemerkt, wie Dinge funktionieren. Meine Eltern hatten ein Elektrofachgeschäft und ich habe schon früh in der Werkstatt und im Büro zugeschaut. Basteln, wo es vor allem darum geht, für die eigenen Zwecke ohne spezielle Werkzeuge und Material eine Lösung zu finden, ist bei mir eine Grundkonstante. Das hat mit Ausprobieren zu tun, mit Selbermachen und, zuallererst, mit Schauen und Analysieren.

Sie haben jung entschieden, Künstler zu sein. Was hat Sie mit Anfang 20 diesen Weg einschlagen lassen?

Ich habe nicht entschieden, Künstler zu sein. Ich habe entschieden, mein eigenes Leben zu leben. Nach einem kurzen Anfang an der damaligen Kunstgewerbeschule wollte ich meinen Lebensunterhalt selber verdienen. Wie, war damals nicht so wichtig. Ich fand jede Beschäftigung interessant – im Wissen, dass keine Anstellung auf Dauer wäre.

Haben die damaligen Jobs Ihre spätere Kunst beeinflusst?

Ich habe am Güterbahnhof Wagen entladen, was eine sehr skulpturale Arbeit war. Ich bin kreuz und quer durch die Schweiz gefahren und habe im Auftrag einer Chemiefirma Massenimpfungen durchgeführt. So sah ich, wie es hundert schwergewichtige Metzger in einer Grossmetzgerei wegen dieser Impfung mit der Angst zu tun bekamen, setzte an der Zürcher Bahnhofstrasse die Druckluftpistole auf die Ärmchen von Büroangestellten. Dank weissem Kittel bin ich immer als ein anderer wahrgenommen worden. So kam ich mit mir neuen Welten in Kontakt. Die Wirkung auf das Spätere war nicht beabsichtigt, aber sicher nicht bedeutungslos.

Sie Bewegen häufig Mobiliar, Baumaterialien, ganze Hausinventare, auch Kleider. Ihr Schaffen entwickelt sich dabei weniger in einer Reihe von Werken als in einer Haltung, die – oft vorübergehend – Spuren hinterlässt.

Hans Werner Holzwarth, der in der Vorbereitung zur jüngst erschienenen Monografie mein Fotoarchiv sichtete, hat einmal die Bemerkung gemacht: «Da wird dein Leben als künstlerisches Projekt sichtbar.» Meine Arbeiten sind ephemer. Man kann sich fragen, wie real oder künstlich die Objekte sind, die ich in Installationen einbringe. Denn das, was aus meinem Fundus in den Status von Kunst übergeht, bleibt nicht unbedingt als solche erkennbar und zeichnet sich auch nicht durch einen besonderen Wert aus. Mich hat das Produzieren von Werken im Sinne von Skulpturen oder sonstigen Artefakten nie hauptsächlich interessiert. Mit jeder neuen Situation oder Vorgabe fängt vielmehr ein neuer Prozess an.

Welche Rolle spielt Architektur in Ihrer Arbeit?

Im Sinn von Raum ist Architektur auf jeden Fall wichtig. Als ich weniger Platz hatte, war das Umstellen, Umräumen oder Umdrehen von Sachen im eigenen Raum ein tägliches Ritual. Minimale Veränderungen produzieren neue Konstellationen. Mich interessiert, Sachen in Relation zu bringen und solche Relationen körperlich zu spüren. Auch Performance ist für mich aus dieser Perspektive interessant geworden.

Ihr Schaffen wurde in den letzten Jahren intensiv in Frankreich rezipiert. Hat das damit zu tun, dass auf der anderen Seite einer Grenze neue Sichtweisen das Handeln bestimmen können?

Es hat sicher damit zu tun, dass sich über meinen regelmässigen Frankreich-Bezug Kontakte und Möglichkeiten ergeben haben. Ich kann es auch anders deuten. Als ich mit Freunden Anfangs der 1980er-Jahre mit dem Ausstellungsraum «Filiale» anfing, gab man mir zu erkennen: Künstler oder Vermittler. Es hiess, ich müsse mich zwischen diesen Rollen entscheiden. Mir war aber beides in der Verbindung wichtig. Heute ist alles viel durchlässiger. Der Umstand, dass man mich damals als Organisator wahrnahm, hatte vielleicht zur Folge, dass man mir die Vermittlung meiner eigenen Kunst in Basel auch selbst überliess.

In den frühen 1990er-Jahren haben Sie vorgeschlagen, die Neugestaltung des Planungsgebietes Bahnhof SBB in Basel durch einen künstlerisch motivierten «Spion» begleiten zu lassen. Hat der Spion etwas mit Ihrem künstlerischen Selbstverständnis zu tun?

Ein Spion schafft im Verdeckten. So habe ich es damals nicht unbedingt gemeint. Eher im Sinne von jemandem, der, während er zuschaut, noch nicht weiss, was ihn erwartet und was daraus entsteht. Der noch keine Lösung hat oder diese noch nicht mitteilen will.

Sie haben vor wenigen Monaten eine grosse Monografie über Ihr bisheriges Schaffen realisiert. Gibt es aus dieser Darstellung und Rückschau ein Werk, das Ihnen besonders viel bedeutet?

Beim Sichten meines Materials bin ich auf Dinge gestossen, die weiter weg waren und nun wieder näher sind. Wesentlich ist im Gesamten schon das Um- und Aufräumen, Umdrehen, neu Ordnen und der Blick aus neuer Position auf Vorhandenes.

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