«Es ist ein ganz grosses Glück, an diesem Haus zu arbeiten»

Bald ist die Saison 2008/09 des Kurtheaters Baden beendet: Es ist die erste, die Barbara Riecke programmiert hat. Die Künstlerische Leiterin über Haus, Publikum, Aufführungen und Reaktionen.

Merken
Drucken
Teilen
babsi.jpg

babsi.jpg

Aargauer Zeitung

Elisabeth Feller

Barbara Riecke, vor einem Jahr sassen wir uns am selben Ort, im Glasfoyer des Kurtheaters, gegenüber. Damals zeigten Sie sich von Haus und Publikum gleichermassen beeindruckt. Sind Sie das noch immer?

Barbara Riecke: Und wie! Es ist ein ganz grosses Glück, an diesem Haus zu arbeiten. Vom Künstlerischen her hat sich für mich in den letzten Monaten vieles eingelöst. Auch habe ich in dieser ersten von mir kuratierten Spielzeit wertvolle Erfahrungen mit dem Publikum sammeln können, über die ich im Hinblick auf die Zukunft sehr froh bin. Diese Erfahrungen fliessen in die zweite Saison ein.

Barbara Riecke

Seit September 2007 ist Barbara Riecke Künstlerische Leiterin des Kurtheaters Baden. Sie ist in der Theaterszene bestens bekannt: Die gebürtige Hamburgerin war während sieben Jahren mit Jean Grädel und Armin Kerber für die Geschicke des Theaterhauses Gessnerallee in Zürich verantwortlich. Von 2004 bis 2007 war Barbara Riecke dann im Leitungsteam der Kaserne Basel tätig. (EF.)

Sie schätzen das Kurtheater-Publikum als «treu, begeisterungsfähig und gebildet». Mit welcher Mischung gewannen Sie es?

Wir haben festgestellt, dass alles, was mit dem so genannten «Bildungskanon» zu tun hat, sehr gut ankommt. Also Klassiker, zu denen etwa Lessings «Nathan der Weise» zählt. Nicht verwunderlich, dass diese Vorstellung ausverkauft war. Aber auch «Werther» wurde von einem jungen Publikum gefeiert. Das ist ein Teil jener Mischung, die ich anstrebe . . .

. . . nämlich?

. . . klassische Stoffe in gelungenen zeitgemässen Inszenierungen zu zeigen und so deren «Unsterblichkeit» zu beweisen. Beim Musiktheater sind das übrigens die Opern und Operetten des Theaters Biel, welche diesen «Auftrag» erfüllen.

Ist das Publikum auch offen für zeitgenössische Stücke, wenn es beispielsweise einen Namen oder ein Sujet wiedererkennt?

Ja. «SumSum» von Laura de Weck war ein Renner, dazu in einem Gastspiel des Theaters Marie Aarau . . .
. . . womit Sie das regionale Theaterschaffen berücksichtigt haben.

Ja. Dieses ist ebenfalls ein wichtiger Teil meiner Mischung. In diese gehört aber auch die Dramatisierung von «Schnee», einem Roman des türkischen Nobelpreisträgers Orhan Pamuk. Die Theaterfassung aus Freiburg kam hier in Baden sehr gut an.

Was hat in Ihrer ersten Saison nicht funktioniert?

Ich möchte es so formulieren: Der Grad der Qualität einer Aufführung lässt sich nicht über die Quote messen - das ist mir ganz wichtig. Einerseits gibt es «Minderheiten»-Programme von hoher Qualität, wie etwa das Musiktheater «Tante Hänsi», das klassische Stimmen mit den Naturstimmen eines Jodlerchors verband und die Musikfreunde, die kamen, sehr berührte. Dasselbe gilt für die «Kreutzersonate» nach Tolstois Novelle mit Streichquartett und Schauspielern. Anderseits ist es schön, wenn ein eher skeptisches Publikum positiv überrascht ist. Das ist für mich ebenso schön wie ein volles Haus. Diese Risiken braucht ein Theater, sie machen auch Spass.

Die Top ten der Saison 2008/09

Das 611-plätzige Kurtheater bietet sowohl Gastspiele auf Einladung (kuratierte Vorstellungen) wie auf Vermietung. Zu den Top Ten zählen: «Ursus & Nadeschkin», «Nathan der Weise», «Divertimento», «Furbaz», «Zwei für Eis», «Magic Comedy», «Edelmais», «Massimo Rocchi», «Urmel aus dem Eis» sowie «SumSum». Am 16. Mai wird mit Rossinis Oper «Otello» eine Rarität gespielt (Theater Biel Solothurn). (EF.)

Was ist mit so genannten Projekten?

Ich meine, dass das Publikum es wohl gerne hätte, wenn das Kurtheater ein bisschen ihren Heile-Welt-Traum retten würde. Projekte mit klarem Realitätsbezug werden zurückhaltend aufgenommen. Die Aufklärungsshow «Pussy 'n' Pimmel» für «Teens 'n' Oldies» ab 12 Jahren wurde von den Lehrern sehr zurückhaltend gebucht.

Sind Jugendliche denn nicht leicht zu erreichen?

Nun, das Theater hat bei den meisten keinen guten Ruf. Diesbezüglich läuft viel über engagierte Lehrerinnen und Lehrer, die wichtige Partner für ein Theater sind.

Wie läuft die Zusammenarbeit?

Prima, aber sie muss noch intensiviert werden. Dass Theatermacher auch jung sein und ihrem Publikum auf Augenhöhe begegnen können, selber gerne ins Kino gehen und Musik hören und dass man solches ihren Aufführungen auch ansieht und hört - das müssen junge Menschen erst entdecken. Hierfür wäre «Pussy 'n' Pimmel», dazu noch mit den heiklen Themen Sex und Aufklärung, eine Chance gewesen.

Frank Wedekinds «Frühlings Erwachen» war zwar gut besucht, aber manche Zuschauer verliessen die Vorstellung. Weshalb?

Man muss zunächst festhalten, dass es sich um eine sehr zeitgenössische Aufführung gehandelt hat - «nach» Wedekind. Die Regisseurin Felicitas Brucker ist jung, sie hat mit ihrem ebenfalls jungen Ensemble versucht, das Lebensgefühl von Jugendlichen auf die Bühne zu bringen. Da ist die Sprache oft grob, das Verhalten aggressiv . . .

. . . und zudem waren fremde Texte in Wedekinds Original eingestreut.

Ja, es waren teils solche, die bei den Proben während Improvisationen entstanden sind. Aber auch Texte von Pädagogen. Primär aber hat sich die Regisseurin für die Frage interessiert: Was ist Obszönität heute? Wedekinds «Frühlings Erwachen» galt ja in der damaligen Zeit als obszön. Dies hat das Ensemble versucht, auf die heutige Zeit zu übertragen. Die Provokation ist auch angekommen. Positiv überrascht hat uns, wie viele junge Menschen nach der Vorstellung begeistert applaudiert haben. Dann sind viele zu einer Diskussion geblieben, die sehr lebendig war.

Theater-Sanierung pausiert

Lisbeth Sachs' Bau aus dem Jahr 1952 muss saniert werden. Die Kosten werden auf 28,6 Mio. Franken veranschlagt. Die Theaterstiftung (Eigentümerin des Kurtheaters), die Projektleitung und der Stadtrat Baden haben im Januar dieses Jahres beschlossen, einen 12-monatigen Marschhalt einzulegen, um diverse Alternativen im Hinblick auf die Sanierung zu prüfen. (EF.)

War die Wedekind-Inszenierung die umstrittenste der Saison?

Ja. Es darf einem eine Aufführung nicht gefallen. Aber vor dem entrüsteten Verlassen des Raumes kurz in sich hineinhorchen, ob da nicht doch noch Geduld und Neugierde vorhanden sind, schauen, ob sich das Blatt noch wendet - das fände ich schön. Das Theater lebt ja in seiner Zeit. Es wird von Menschen gemacht und spiegelt sowohl deren Widersprüche wie die unsrigen. Ein Theater ist kein Schutzraum und keine heile Welt. Es geht um Kunst und Menschen und darum, dass jeder und jede sich irren kann. Zuschauer und Theatermacher.

Welche Aufführungen waren für Sie Highlights Ihrer ersten Spielzeit?

Sicher der Saisonauftakt mit dem Handke-Gastspiel «Spuren der Verirrten» des Wiener Burgtheaters. Aber auch die Vorstellung des Basler Balletts. Und der Auftritt von Heinz Spoerlis erstmals in Baden gastierendem Junior Ballett. Da gab es Schönheit pur, ein blutjunges Ensemble in einer mitreissenden Vorstellung - der Aufsteller. Daneben haben sich auch die Reihen Zukunft I und II, Kurtheater Plus mit dem Blick hinter die Kulissen sowie der Advent im Kurtheater gut etabliert.

Ist das Verhalten des Publikums heute anders als vor einigen Jahren?

Eindeutig. Wir stellen fest, dass wir einerseits sehr vom Vorverkauf abhängig sind. Wir haben etwas weniger feste Abonnements, dafür mehr Wahlabos. Wir stellen anderseits aber auch fest, dass sich die Besucher sehr spontan entscheiden - und wir dann eine lange Schlange vor der Abendkasse haben.

Dem Kurtheater steht eine umfassende Renovierung bevor. Sie wird rund 28 Millionen Franken kosten. Braucht Baden weiter ein Gastspielhaus? Was spricht dafür?

Alles. Man hat in einem solchen Theater die einmalige Chance, sehr vieles aus verschiedensten Sparten wie Kindertheater, Schauspiel, Oper, Musical und Tanz zu sehen.

Diese Sparten bieten nahe Zentren wie Zürich und Basel ebenfalls an.

Sicher, aber man darf nie die Identifikation des Publikums mit einem Theater in der eigenen Region vergessen. Den Treffpunkt vor Ort. Dann gibt es natürlich noch ganz andere Gründe für ein Gastspielhaus.

Welche?

Man kann Ensembles von weither sehen, muss nicht reisen. Pragmatisch gesehen ist ein Gastspieltheater das Kostengünstigste, was es gibt. Ein produzierendes Haus ist ungleich teurer. Es benötigt ein festes Ensemble, Gagen für Regisseure, eine Dramaturgie und viel mehr Raum - für mehrwöchige Proben. Es müssen auch Bühnenbilder gebaut werden, was wiederum mehr Techniker erfordert. Ein solches Theater braucht eine andere Ausstattung, es hat eine ganz andere Personaldecke. Wir dagegen sind nur mit 640 000 Franken subventioniert.

Was müsste nach der Wiedereröffnung des sanierten Kurtheaters anders werden?

Will der Aargau von seinem Image als Durchfahrtskanton wegkommen und mehr als Kulturkanton wahrgenommen werden, kann das Kurtheater dazu einen grossen Teil beitragen. Dazu müsste es allerdings besser subventioniert werden, müsste das Betriebsbudget erhöht und das Bewusstsein für dieses Bijou noch geschärft werden.

«Dieses Haus hat Zukunft», betonen Sie immer wieder . . .

Das ist so, und nach der Zukunft kommt jetzt erstmals das Glück.

Wie bitte?

(Lacht): Ja, unter dieses Motto stellen wir die Spielzeit 2009/10.