Bücher

Eurokurs lässt Diogenes Verlag auflaufen

Bücher aus dem Diogenes-Verlag in einer Buchhandlung (Archiv)

Bücher aus dem Diogenes-Verlag in einer Buchhandlung (Archiv)

Der Erfolgsverlag muss seinen Auftritt an der Frankfurter Buchmesse aus finanziellen Gründen absagen

Der Eurokurs steht auf Ebbe. So tief, dass das Flaggschiff der Schweizer Verlage auf Grund läuft. Der Diogenes-Verlag, in der Schweiz (und 2014 auch in Deutschland) die Nummer eins unter den Belletristik-Verlagen, wird dieses Jahr an der Frankfurter Buchmesse fehlen. Ruth Geiger, Mediensprecherin von Diogenes, bestätigt auf Anfrage, dass man auf den Auftritt an der weltgrössten Buchmesse verzichte. Verzichten müsse. Denn aus freien Stücken würde Diogenes die Messe nicht absagen. Immerhin war man da Jahr für Jahr der sympathisch schillernde Star aus der Schweiz:

Ob Martin Suter, Donna Leon, Ian McEwan oder Ingrid Noll – am Stand von Diogenes gaben sich Bestseller-Autoren und berühmte Schriftsteller die Hand. Und geradezu legendär war der alle paar Jahre stattfindende Diogenes-Empfang im Rahmen der Buchmesse im «Frankfurter Hof»: nirgendwo war das Buffet opulenter, die Gäste schillernder, die Autoren berühmter. Klar, noch viel früher, da «gab es Buffets, die wie im Märchen zusammengebrochen sind unter dem Hummer», pflegte Urs Widmer an eben solchen Diogenes-Empfängen von den alten Zeiten zu schwärmen. Von Zeiten, die nun schon länger vorbei sind.

Doch eine literarische Welt voller Glanz ist Diogenes noch immer. Und dazu eine mit viel Herzblut. Nichts anderes war die einstige Ausgangslage von Verleger Daniel Keel. Dazu eine Vision. Und ein Milchbüchlein unter dem Bett, in dem seine Mutter die erste Buchhaltung führte, bis Rudolf C. Bettschart die Buchhaltung übernahm und die Finanzen professionalisierte. Erst letzten Montag ist Bettschart gestorben, im Glauben, den Verlag auf gesunden Beinen in die Zukunft geschickt zu haben. Mit der Nationalbank hatte allerdings auch er nicht gerechnet.

Dass die Bank im Januar die Eurountergrenze aufgehoben hat, machte den Standort Schweiz über Nacht um 20 Prozent teurer. Für die Schweizer Verlage Diogenes oder Kein & Aber eine veritable Katastrophe, erwirtschaften sie doch rund 90 Prozent ihres Umsatzes in Deutschland – und damit im Euroraum. Sie gerieten unverschuldet in die Bredouille. Dass man sich im Buchmarkt ohnehin keine goldene Nase verdient, ist ein offenes Geheimnis. Dafür sind die Verluste nun umso grösser – auch bei Diogenes: «Es geht um Millionen», meint Ruth Geiger.

Kleine Margen – kein Spielraum

Dirk Vaihinger, Verlagsleiter bei Nagel & Kimche, erklärt: «Die Margen in diesem Geschäft sind so gering, dass kleinste Umsatzeinbussen sofort rote Zahlen produzieren.» Und statt des berüchtigten «Endes mit Schrecken» hat die Nationalbank den Verlagen eher die Version «Schrecken ohne Ende» eingebrockt: Die Aufhebung der Euro-Untergrenze wirkt sich auch auf die Zukunft aus: «Wir haben überhaupt keine Planungssicherheit mehr», sagt Geiger. «Denn wir wissen nicht, wie der Eurokurs im Juli oder Oktober sein wird.»

Für den erfolgreichen Verlag heisst das seit Januar, dass sämtliche für 2015 bewilligten Budgets nicht mehr bewilligt sind und einer zweiten Prüfung unterzogen werden. Auch offene Stellen werden nur in Ausnahmefällen unbefristet ausgeschrieben.

Viel hat Diogenes über Nacht verloren. Doch nicht sein Herzblut (nur mag es ihm kurzfristig in den Adern gefroren sein): Entlassungen werden nicht erwogen. Ebenso scheint es für den Verlag undenkbar, nach Deutschland umzuziehen. «Es wäre nicht mehr das Familienunternehmen, nicht mehr derselbe Geist», erklärt Geiger. Dafür hebt der Verlag die Europreise für seine Bücher ab Juli 2015 etwas an.

Worauf kann Diogenes hoffen? Auf einen flutartig ansteigenden Eurokurs? Ruth Geiger lacht: «Nichts wäre so wirksam wie die Buchpreisbindung», antwortet sie. «Für den Buchhandel, die Autoren und die Verlage.»

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1