Kultur

Expedition Heimatland: Alles fing in Danzig an

Die deutsch-polnische Autorin Emilia Smechowski zurück in Danzig. Bild: Anna Szkod

Die deutsch-polnische Autorin Emilia Smechowski zurück in Danzig. Bild: Anna Szkod

In 10 Tagen wird in Polen gewählt. Was denken die Polen, wie leben sie ihren Alltag, fragte sich die deutsch-polnische Autorin Emilia Smechowski und reiste für ein Jahr zurück in ihr Heimatland.

1989 fühlte Europa angesichts des Mauerfalls ein «Ende der Angst». Heute fragt es sich, weshalb die Angst wieder hereinbricht, am östlichen Rand Europas, besonders in Polen, das für Freiheit und Demokratie gekämpft hatte wie kaum ein anderes Land. Emilia Smechowski ist im März 2018 für ein Jahr nach Danzig zurückgekehrt, um dies zu ergründen. Denn 1988 hatte sie als Kind mit ihrer Familie Wejherowo in der Nähe von Danzig verlassen. Sie lebte seither in Westberlin. Ihre Eltern sind Ärzte, sie wurde eine erfolgreiche Reporterin. Was sie bei ihrer auf ein Jahr geplante Rückkehr erlebt, schildert sie in ihren «Expeditionen in mein Heimatland».

Wie viel «Heimat» wird sie wiederfinden in einem Land, das seit 2015 von der Rechten Partei PiS (Recht und Gerechtigkeit) regiert wird? In Danzig, wo sie nun mit ihrer kleinen Tochter wohnt, integriert sich die Vierjährige rasch. In der Kita lernt das Mädchen nicht nur polnisch, sondern auch was man «macht» und was man «nicht macht», denn das weiss sowohl die Polizei als auch der Priester, der jeden Montag den Kindern von Jesus und Maria erzählt und erklärt, wie man sich anständig zu verhalten habe. Am Ende des Jahres fragt das Mädchen bei einer Veranstaltung für den ermordeten Bürgermeister von Danzig: «Mama, warum weinst du?»

Die Mama fühlt sich hin- und hergerissen, soll sie «mit diesem Land verschmelzen» das voller Widersprüche ist oder eine Fremde sein, was auch anstrengend ist. Denn die Deutschen waren es, die 1939 Polen überfielen, Deutschland dominiere die EU, hört Smechowski immer wieder und fürchtet Ressentiments. Nach einem Jahr jedenfalls zieht sie wieder nach Berlin. Längst hatte sie bemerkt, dass immer mehr Reisende im Zug nach Westen fahren als nach Osten.

Wollen die Polen aus der EU austreten? Nein. Denn sie haben sich daran gewöhnt, ungehindert über Grenzen zu reisen. Selbst der Bauer in Ostpolen, nahe der EU-Aussengrenze, will keinen «Polexit». Allerdings, und das hört Smechowski immer wieder, vergleichen sich die Leute mit dem Westen: «Warum haben die, was wir nicht haben?» Der Bauer Radek arbeitet von fünf Uhr früh an in seinem Betrieb und hat einen Job in einer Bank, um seine Familie durchzubringen. Er wählt PiS, weil sie das Kindergeld eingeführt hat. Aber auch die EU bietet einen willkommenen Zustupf beim Kauf des neuen Traktors, denn EU-Gelder fliessen reichlich. Doch aus den Schornsteinen der Kohleöfen kommt noch immer dicke Luft, die im Winter die Stadtmenschen schwer atmen lässt.

Smechowski erzählt von Gesprächen beim Einkaufen und nimmt an Märschen der polnischen Rechten teil. Sie mischt sich unter die Touristenmassen im Vernichtungslager Auschwitz, erzählt von einer Jüdin und von Antisemitismus. Aber auch die Geschichte nimmt sie in den Blick. Vor 30 Jahren gingen von Polen grosse Hoffnungen aus. Schon 1980 gründeten auf der Danziger Werft Gewerkschafter die Solidarnosc, die sich mit dem Charismatischen Lech Walesa dem Regime entgegenstellte. Und sie unblutig zu Ende führte.

Lech Walesa und die Brüder Kaczynski

Zwei Männer standen damals beiseite und schauten zu: die Brüder Kaczynski. Und heute? Walesa wohnt noch immer in Danzig. Und er hat weiterhin zwei Feinde: die Brüder Kaczynski. Lech Kaczynski ist bei einem Flugzeugabsturz zu Tode gekommen, aber Jaroslaw zieht in Warschau die Fäden, beaufsichtigt die Regierungspolitik, empfängt Staatsgäste, obwohl er ‹nur’ der Vorsitzende der PiS ist und nicht der Regierungschef. Kaczynski baut an einem autoritären Staat, lebt allein mit seiner Katze im Haus seiner verstorbenen Mutter. Interviews gibt er keine.

Nicht weniger einzelgängerisch ist Walesa. Nur 20 Minuten gewährt der Friedensnobelpreisträger und Präsident a.D. der Journalistin für das Interview, obwohl er pensioniert ist. Ein kleines Kabinettstückchen ist Smechowskis Kapitel über den Gewerkschafter, der Polen bewegte. Was bleibt von ihm, wenn ihm «die Rolle des Wächters über die Demokratisierung», wie er sich selber nannte, entzogen ist? Ohne Führungsaufgabe ist er wieder Elektriker. Nachdem Smechowski in sein Büro im Solidarnosc-Museum geführt wurde, repariert er zunächst minutenlang mit einem Schraubenzieher eine Steckdose, bevor er sich unwillig ihren Fragen stellt und barsch antwortet, u.a. zum heutigen Polen: «Wir haben keine gemeinsamen Werte mehr». Damit hat er recht.

Der Riss durch Polens Bevölkerung

Ist der Riss, der durch Polen geht, noch zu kitten, fragen sich viele. Gibt es junge Polen, die sich eine andere Politik wünschen? Oder werden sie zum Bleiben und Schweigen animiert durch die Befreiung von Steuern, die die PiS im Juli 2019 für unter 25-Jährige beschloss?

Es sind vor allem Frauen, die in den Städten für mehr Freiheit demonstrieren. Dorota Maslowska, die als 18-Jährige mit Ihrem Roman «Schneeweiss und Russenrot» über die Grossstadtjugend einen Bestseller schrieb, will in ihrem Land bleiben. Und Andrzej Stasiuk, der berühmteste polnische Schriftsteller, sagte vor einem Jahr: «Die Vergangenheit wird wieder kommen, in einer Verkleidung, die wir nicht rechtzeitig erkennen werden.»

Smechowski resümiert, dass die Leute in der Regel über Politik eher schweigen, es sei ein zu heisses Thema geworden. Denn Jaroslav Kaczynski treibt die Spaltung der Bevölkerung voran: Jene Polen, die sich gegen die PiS stellen, seien «Polen der schlechteren Sorte».

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