Kunst

Falsches Gutachten: So half der Schweizer Kurator den Fälschern

Blick in die Ausstellung Mark Rothko in der Fondation Beyeler von 2001, die Oliver Wick kuratiert hatte..jpg

Blick in die Ausstellung Mark Rothko in der Fondation Beyeler von 2001, die Oliver Wick kuratiert hatte..jpg

Oliver Wick ist wegen einer falschen Rothko-Expertise angeklagt. Er arbeitete für Beyeler und fürs Kunsthaus Zürich. Vor allem ein überaus hohes Honorar von 300'000 Dollar für eine Expertise öffnen Spekulationen Tür und Tor.

Der neueste Kunstfälscher-Skandal betrifft auch die Schweiz. Angeklagt ist der Schweizer Kurator Oliver Wick. Er soll ein gefälschtes Gemälde von Mark Rothko als echt zertifiziert haben. Kläger ist der US-Milliardär Frank Fertitta III., der das Gemälde «Untitled (Orange, Red and Blue)» 2008 für 7,2 Millionen Franken gekauft hat.

Er verlangt nun vor dem Bundesgericht in New York Schadenersatz von 8,6 Millionen Dollar.

Die Nachricht erstaunt, ist Oliver Wick in der Schweizer Kunst- und Museumsszene kein Unbekannter. Und vor allem: Er gilt als seriöser Ausstellungsmacher, als gewissenhafter und akribisch recherchierender Wissenschafter - und Rothko-Experte. Er hat über den US-amerikanischen Maler nicht nur geschrieben, ein Buch publiziert, sondern 2001 in der Fondation Beyeler auch eine weit beachtete und viel gelobte Ausstellung über ihn eingerichtet.

300 000 Dollar Honorar

Wick wird in der Klage vorgeworfen, das Gemälde als echt zertifiziert zu haben, ohne dessen Herkunft genau abgeklärt zu haben. Der Experte habe gewusst, dass erhebliches Material vorliege, das die Echtheit der Gemälde in Zweifel stelle, heisse es in der Klage, die ihr vorliege, schreibt die Nachrichtenagentur SDA. Dennoch habe der Kurator in seiner Expertise an den Käufer geschrieben: «Ich bestätige, dass dieses Werk dem Team vorgelegt wurde, alles ist vollständig in Ordnung, sonst wäre ich nicht involviert. Ich bürge dafür mit meinem Namen als Rothko-Experte.»

Schwer wiegt auch der zweite Vorwurf: Wick habe von der New Yorker Galerie Knoedler, die das Werk «Untitled (Orange, Red and Blue)» 2008 verkaufte, laut Gerichtsunterlagen 300 000 Dollar für diese Expertise erhalten. Das ist ein Honorar, das weit über einer üblichen Experten-Entschädigung liegt.

Wir haben Oliver Wick mit den Vorwürfen konfrontiert. Sein Mobiltelefon nimmt er zurzeit zwar nicht selber ab, ein Kollege sagt, Wick sei nicht erreichbar. Immerhin schrieb er uns per Mail: «Ich hoffe, Sie verstehen, dass ich mich zum laufenden Verfahren nicht äussern kann, umso mehr mir die Anklage noch nicht vorliegt.»

Seit Juni 2013 arbeitet Oliver Wick als Kurator für das Kunsthaus Zürich. Er sei gekündigt worden, hörte man gestern munkeln. «Das stimmt so nicht», sagte Pressesprecherin Kristin Steiner. «Herr Wick hat vor Wochen schon selber gekündigt. Er will lieber wieder als freier Kurator arbeiten.» Die Stelle sei schon seit Wochen ausgeschrieben. Und auch Oliver Wick betont in seinem Mail: «Meine Kündigung am Kunsthaus steht damit in keinerlei Zusammenhang.»

Fälscher-Ring in New York

Der Fall Wick erinnert an den Fall Werner Spies. Der berühmte deutsche Museumsmann wurde 2013 zu einer Busse von 652 883 Euro verurteilt, weil er ein Echtheits-Zertifikat für einen vom Serienfälscher Wolfgang Beltracchi gemalten Max Ernst gegen hohe Zahlungen ausgestellt hatte.

Ebenfalls angeklagt ist ein noch unbekannter Schweizer Kunsthändler. Ihm wird in der Klage vorgeworfen, einen erfundenen «ungenannten Verkäufer» vertreten zu haben, so die SDA. Gegenüber dem Käufer habe er garantiert, dass das Gemälde echt sei.

Der angebliche Rothko war Teil einer ganzen Serie gefälschter Gemälde, die von einem chinesischen Maler im New Yorker Stadtteil Queens hergestellt und über einen Zeitraum von 14 Jahren für insgesamt rund 80 Millionen Dollar verkauft worden waren. Laut «Spiegel online» handelte es sich um Bilder von Rothko, Jackson Pollock, Robert Motherwell, Franz Kline und Willem de Kooning.

Der Betrug flog 2009 auf, 2011 wurde die Galerie Knoedler, von der die meisten Fälschungen verkauft worden waren, abrupt geschlossen. Die Kunsthändlerin Glafira Rosales, die die Kunstwerke von dem chinesischen Maler erworben und an Galerien verkauft hatte, bekannte sich im September schuldig.

Der falsche Rothko bei Beyeler?

Viele Jahre war Oliver Wick für die Öffentlichkeitsarbeit des Bundesamts für Kultur während der Biennale von Venedig tätig und hat diesen Job hervorragend ausgeführt. Er arbeitete jahrelang für die Galerie Beyeler und setzte sich nach deren Ende für die Aufarbeitung der Geschichte der Galerie ein. Als Kurator an der Fondation Beyeler hat er für Furore gesorgt. Seine Ausstellungen zu Calder und Miró, 2004, und Brancusi und Richard Serra, 2011 haben Künstler vereinigt, die noch nie in einem solchen Zusammenspiel zu sehen waren. Und mit «bildgewaltig» vereinigte er 2008 gekonnt Bilder aus den Beständen der Fondation Beyeler mit Skulpturen aus Afrika und Ozeanien.

Die Fondation Beyeler selbst hält sich momentan äusserst bedeckt zur ganzen Sache. Auf Nachfrage hiess es in einem Mail: «Zu einem laufenden Verfahren dürfen und möchten wir uns nicht äussern. Sollte die Fondation Beyeler in dieser Sache etwas zu kommunizieren haben, würden wir auf Sie zukommen.»

Ob es sich die Fondation Beyeler damit nicht zu einfach macht? Immerhin war das falsche Bild, laut Aussagen von Medien und von der Fondation nahestehenden Personen in Riehen zu sehen. Die Fondation dementiert das. Man hört aus gut informierten Kreisen aber sogar, Oliver Wick habe das fragliche Bild Ernst Beyeler zum Kauf angeboten. Dieser habe sich allerdings als nicht interessiert gezeigt.

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