Frankfurter Buchmesse

Finnland: Wo die Melancholie in der Sauna schwitzt

Damit rückt das rund 2500 Kilometer nördlich der Schweiz gelegene Land für eine Woche in erreichbare Nähe.

Finnland ist Gastland an der Frankfurter Buchmesse 2014

Damit rückt das rund 2500 Kilometer nördlich der Schweiz gelegene Land für eine Woche in erreichbare Nähe.

Das diesjährige Gastland an der internationalen Buchmesse ist Finnland. Ein augenzwinkernder Crash-Kurs in ein Land, wo Politik in der Sauna betrieben wird, man sich gerne aufs Wesentliche beschränkt und der Staat Alkohol an an seine Bürger verkauft.

Sauna, Seen und Schnaps. Das ist, was Nicht-Finnen in den Sinn kommt, wenn sie an Finnland denken. Rund 2500 Kilometer entfernt im hohen Norden gelegen, ist dieses Land von unendlicher Weite – und auch ein unendliches Tummelfeld für Klischees.

Sauna, Stolz und allem voran «Sisu». Das ist, was den Finnen in den Sinn kommt, wenn sie an ihre Heimat denken. Das Wort «Sisu» umfasst die Tugenden Kraft, Ausdauer und Kampfgeist und ist in den Augen der Finnen unübersetzbar. Logisch, denn Sisu kann es ausserhalb von Finnland gar nicht geben.

Aber wie sind sie nun wirklich, die Finnen? Eines vorweg: Das Herz des Finnen ist schwer – und schwer ist auch seine Zunge. Ersteres hat zu tun mit dem langen Winter und der Geschichte dieses Landes, das eingeklemmt zwischen dem übermächtigen Russland und ebensolchen Schweden seit jeher ein ungemütliches Dasein fristete.

Letzteres hat zu tun mit der Sparsamkeit der Finnen, die besonders ausgeprägte Formen annimmt, was sprachliche Äusserungen angeht. Anders gesagt: Der Finne schweigt gerne – und gut. So gut, dass laut den Finninnen Schweizer Männer im Direktvergleich geradezu sprachgewaltig sind, wie eine nicht repräsentative Umfrage im Bekanntenkreis ergab.

Die spinnen nicht, die Finnen

In Finnland selbst ist pragmatische Sparsamkeit an sich eine weitverbreitete Tugend, die in vielen Belangen praktiziert wird. Zum Beispiel beim Essen: «Essen macht satt», sagt der dortige Volksmund. Und damit ist über die Küche des Landes alles gesagt. Eine Erwähnung verdient, wenn überhaupt, dann «lemkimakkara».

Die finnische Nationalwurst in plastifizierter Pelle ist ein Nationalheiligtum mit derart niedrig dosiertem Fleischanteil, dass sie getrost auch von Vegetariern genossen werden kann.

Etwas anders gelagert ist die Pragmatik beim Trinkverhalten der Finnen, aber davon später mehr. Konzentration aufs Wesentliche herrscht wiederum im Strassenverkehr. Wenn ein Finne Auto fährt, dann fährt er Auto, sprich: Er unterwirft die unendliche Landschaft seinen rauchenden Reifen. Blinkzeichen beim Abbiegen und sonstiger modischer Firlefanz wäre da nur störend. Mika Häkkinen hat es so in der motorisierten Welt ziemlich weit gebracht.

Das gute Land

Vielleicht gehört ein wenig in diesen Bereich auch der Umstand, dass Finnland geradezu mit einem Heiligenschein durch die Weltgeschichte spaziert. Hat es doch im Gegensatz zu den meisten anderen Staaten nie versucht, die ganze Welt oder auch nur seine Nachbarn zu erobern.

Wie gesagt: Die Finnen mögen es pur. In einem Land, das wörtlich auf Granit gebaut ist (wer in Finnland anderen eine Grube graben will, muss schon zu Dynamit greifen), inmitten einer übermächtigen Natur, dem Wüten des Zweiten Weltkriegs ausgesetzt, lag der Fokus stets auf dem eigenen Überleben, der eigenen Sprache und Identität.

Denn sie wissen nicht, woher sie kommen, die Finnen. Der Ursprung dieses Volkes, dessen Sprache uns fremder ist als Sanskrit und weltweit nur mit den finno-ugrischen Sprachen Estnisch und Ungarisch verwandt ist, muss weit, weit weg sein.

Wo genau, hat der Nebel der Geschichte längst verwischt. Umso mehr sind die Finnen Fan von allem, was urchig anmutet: Trachten, Heimatmuseen, Folklore und Nationalepen.

Was uns Wilhelm Tell, ist den Finnen ihr «Kalewala». Im Epos zieht der alte Zauberer Wäinämöinen durch die unendliche Landschaft, weise aber einsam (also den finnischen Männern nicht unähnlich).

Sein Herz schlägt für die schöne Jungfrau Aino, um deren Hand er anhält. Doch sie ertränkt sich lieber in den Fluten, als jemanden zu heiraten, der «so alt ist wie ein Baum».

Schon in diesem Urepos drückt sie durch, die Melancholie der Finnen. Und noch heute, tausende Jahre später, kämpft das Volk damit. Gegen das schwere Herz hilft einerseits der finnische Tango, dem die halbe Nation frönt.

Und andererseits der Alkohol, dem die ganze frönt. Rechnungen zufolge konsumieren Finnen jedoch insgesamt nicht mehr Alkohol als andere Europäer. Doch sie tun es konzentriert.

Während wir Schweizer wochentags «aperölen», üben sich Finnen bis zum Wochenende in Verzicht. Doch dann holen sie sich ihre Freitagsflasche, Tags darauf die Samstagsflasche und anschliessend die Sonntagsflasche.

All das in der staatlichen Alkoholverkaufsstelle «ALKO», die seit 1932 das Monopol auf Hochprozentiges inne hat. Europameister in punkto Trinkverhalten sind die Finnen übrigens trotzdem. Doch nur im Bereich des Kaffeekonsums. Das Land bringt es jährlich auf einen pro Kopf-Verbrauch von stolzen 12 Kilo Kaffee.

Heisses Zentrum Finnlands

Doch das eigentliche Herz Finnlands schlägt nicht für Kaffee, es befindet sich auch nicht im Zentrum des Landes, sondern ist verteilt auf 2 Millionen kleine Holzgebäude: die Saunas.

Jeder Hausbau beginnt mit der Sauna - und noch im 20. Jahrhundert wurden Kinder darin geboren, Neugeborene vor bösen Geistern dorthin in Sicherheit gebracht und sogar die Toten dort konserviert, da Gruben ausheben, wie erwähnt, kaum möglich war.

In den Augen der Finnen hilft die Sauna bei allen Krankheiten – und sowieso in allen Lebensfragen. Also liess der ehemalige Präsident Urho Kekkonen gleich nach Amtsantritt 1956 eine Sauna bauen, in die er all seine Staatsgäste einlud, nach dem Motto: Wer miteinander nackt aus allen Poren schwitzt, greift einander anschliessend nicht so schnell an.

So war Kekkonens Sauna nicht nur eines der Zweimillionen kleinen Herzen des Landes, sondern galt ein Vierteljahrhundert lang als das geheime Nervenzentrum finnischer Aussenpolitik.

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