Live-Comeback

«Früher gingen wir bekifft ans DJ-Pult», sagen Kruder & Dorfmeister

Richard Dorfmeister (l.) und Peter Kruder sind seit 25 Jahren ein musikalisches Team.

Richard Dorfmeister (l.) und Peter Kruder sind seit 25 Jahren ein musikalisches Team.

Kruder & Dorfmeister waren in den 90ern die Könige des Loungesounds. Jetzt geben die beiden Wiener ein Live-Comeback - in Zürich. Nicht zufällig dort.

Sie haben Remixes für Madonna und Depeche Mode gemacht, aber David Bowie und U2 abgelehnt. Jetzt geben Kruder & Dorfmeister ein Live-Comeback. Die zwei Abschlusskonzerte ihrer «Anniversary Tour» spielen sie in Zürich. Nicht zufällig hier.

Sie kamen als Wiener vor 16 Jahren der Liebe wegen nach Zürich. Glücklich?

Richard Dorfmeister: Ich bin immer noch happy, ja. Das war Schicksal: Zu einer Zeit, als ich sehr viel unterwegs war, hat mich eine Frau – Patrizia Jaeger aus Zürich – magnetisch angezogen. Zürich ist mein Lebensmittelpunkt, ich bin hier Mitbetreiber von zwei Bars, der «Kanonägass» und dem «Milieu»...

...willkommen im «Milieu», wo früher Stripperinnen tanzten.

Die Stripperinnen waren in der «Kanonägass» unterwegs, das war ursprünglich die «Sarina Bar». Jetzt gibt’s dort exzellente Cocktails. Mit Patrizia bin ich immer noch zusammen, wir haben drei tolle Jungs. Das ist unglaublich. Heute halten Beziehungen ja oft nicht mehr lange.

Auch mit Peter Kruder sind Sie nach 25 Jahren immer noch zusammen. Wie kam es zum Comeback von Kruder & Dorfmeister?

Zwischen 2011 und 2016 hatten wir kaum miteinander zu tun. Dann erhielten wir von der Stadt Wien eine Auszeichnung, die wir schon 2004 einmal gewannen – aber damals vor lauter Weltenbummlerei nicht entgegennehmen konnten. Dieses «goldene Verdienstkreuz» bekommen bedeutende Persönlichkeiten, die für Wien und Österreich wichtig sind. Wegen dieses Preises kamen Kruder & Dorfmeister wieder zusammen. Nicht mehr als DJs wie früher, sondern als Band ohne MCs oder Sänger, aber mit einem Visual-Team, einer richtig inszenierten Show. Früher gingen wir bekifft ans DJ-Pult, aber irgendwann wurde das kontraproduktiv – benebelt wirst du nicht ­besser. Wir erleben heute ein natürliches High: Auf unserer «Anniversary Tour» haben wir schon 80 Konzerte gegeben.

Work in progress?

Genau: Das Ganze wird kon­stant verbessert. Und die Tour endet vorläufig im Zürcher Kaufleuten mit zwei Shows. 2020 soll es endlich wieder neue Musik geben von uns – aber veröffentlicht wird erst, wenn wir da- mit zu 100 Prozent zufrieden sind.

Früher gingen die Stars in grosse Studios, heute sind die oft in kleinen Zimmern: Entsteht die spannendste Popmusik in den eigenen vier Wänden?

Wir waren immer Schlafzimmerproduzenten: wenig Samplezeit, wenig Equipment, ein kleines Studio – das war unsere Formel der Reduktion. Mit wenig oder nichts viel zu machen, das war unsere Idee: Konzentration ist gefragt. Alles, was wir spielen, ist durchdacht; alles hat eine Bedeutung.

Das machen Kraftwerk oder die Pet Shop Boys schon toll und sind die Meister der Reduktion. Was ist bei Ihnen anders?

Kraftwerk ist die extreme Version, so statisch agieren wir nicht. Wir sind auch keine Roboter. (lacht)

Kraftwerk wirken auf der Bühne in ihrer maschinellen Entrücktheit eher arrogant, oder?

Das dürfen die sein, denn da gibt es nichts zu rütteln: Kraftwerk sind die Paten der Elektronikmusik. Ohne Kraftwerk gäbe es auch keine Schweizer Yello.

Yello: Wie wichtig ist das Zürcher Duo von Dieter Meier und Boris Blank?

Sehr wichtig. Vor allem die drei ersten Yello-Alben waren in den 1980er-Jahren wegweisend. Der Song «Bostich» geht unter die Haut: (singt) «Standing on the machine every day for all my life...». Auch technisch waren Blank und Meier Pioniere: Sie hatten damals stets die neusten Synthesizer. Ihr ursprünglicher Drive ist heute ein bisschen verloren gegangen, ihre Musik wurde immer formelhafter.

Nach den «K&D Sessions», die Sie 1998 mehr als zwei Millionen Mal verkauften, hatten Sie zahllose Anfragen für Remixes – doch viele lehnten Sie ab.

Der Hype war so riesig, alle wollten etwas von uns. Doch wir wollten uns Zeit nehmen für die einzelnen Songs: Unsere Re­mixes haben mit den Originalen meistens so viel zu tun wie kubistische Porträts von Picasso mit den Mädchen, die ihm dafür Modell standen. Nachdem wir so vielen abgesagt hatten, entschlossen wir uns, noch für einen Song mit Madonna zu remixen.

Genau, den Song «Nothing really matters», nichts spielt eine Rolle. War das ein Omen?

Gute Frage! Das war’s ja dann tatsächlich auch. Diese ganze Remix-Welle hat sich im Laufe der Jahre selbstständig aufgelöst. Wir wollen uns jetzt auf Eigenes konzentrieren.

David Bowie und U2, Grace Jones und Sade erhielten damals einen Korb – würden Sie heute nochmals so ­reagieren?

Das war damals für uns einfach nicht mehr aktuell. Wir bereuen es nicht: Wenn es nicht so war, dass wir das um jeden Preis machen wollten, dann liessen wir es lieber bleiben. Ich gebe es zu: Das war jugendliche Arroganz.

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